Nach einem Jahr ohne Sommer herrschte in den Jahren 1816 und 1817 Hunger und Armut in der Region. Die Menschen aßen Hunde, Katzen und Sägemehl-Brote. Schuld an dem Elend war ein Vulkan im fernen Indonesien.

Nahrungsmittelpreise auf den bayerischen Marktplätzen nach dem Regensommer 1816
© Stadtmuseum Neuburg a.d.Donau
„Die theure Zeit vom Jahr 1816 auf 1817“: Die Lithografie des Münchner Künstlers Carl Hohfelder illustriert die steigenden Nahrungsmittelpreise auf den bayerischen Marktplätzen nach dem Regensommer 1816.
Am Abend des 25. Mai fegt ein Gewittersturm über Heilbronn, es folgt ein dreitägiger Dauerregen und am 28. Mai tritt der Neckar über die Ufer und zwar so schnell, „dass gegen 4 Uhr fast die Hälfte unserer Stadt schon unter Wasser stand.“ Das Vieh muss, schon bis zum Hals im Wasser stehend, in höchster Not aus den Ställen gerettet werden. Dieser Mai 1817 macht alles noch schlimmer, noch teurer und die Armen noch hungriger. Es ist der Höhepunkt der Katastrophe, die bereits 1816 begonnen hatte.

Das Elend hatte unbemerkt bereits 1815 seinen Lauf genommen, als im April auf der fernen Insel Sumbawa (heute Indonesien) der Vulkan Tambora mit einer solchen Gewalt ausbricht, dass nicht nur Tausende Menschen unmittelbar ums Leben kommen.

Die durch den Vulkan in die Atmosphäre geschleuderten Staub- und Ascheteilchen kühlen das Weltklima über Jahre hinweg ab. So sehr, dass es 15 Monate später, am 2. und 30. Juli 1816, in der Schweiz bis in tiefe Niederungen schneit, in Nordamerika herrscht Anfang Juli und Ende August Nachtfrost und in Quebec fallen im Hochsommer 30 Zentimeter Schnee. Besonders dramatisch ist die Lage an der Alpennordseite, in der Schweiz, Baden und Württemberg.

Der Tod geht auf dem Lande um: zeitgenössische Darstellung der Hungersnot 1816.
© PD
Der Tod geht auf dem Lande um: zeitgenössische Darstellung der Hungersnot.
15 Sommertage

Die Chronik der Stadt Heilbronn vermeldet bereits für Mai und Juli 1816 einen steigenden Brotpreis. Für acht Pfund Brot müssen im Januar noch 22 Kreuzer gezahlt werden, im Mai und Juli bereits 48 Kreuzer und das sollte erst der Anfang sein. 95 Regentage sind für den Sommer 1816 verzeichnet, viele Gewitter gipfeln in einen „schrecklichen Orkan“ am 5. August. Nur 15 Sommertage verzeichnet die Chronik bis Jahresende.

Die Hungersnot 1816/1817 hat sich lange angebahnt. Das Klima ist über Jahre nass und kalt, die Ernten fielen geringer aus und die Speicher sind nicht mehr ordentlich gefüllt worden. Zudem hatten dem Land die Koalitionskriege von 1792 bis 1815 schwer zugesetzt. Am Ende ist die französische Herrschaft in Deutschland zwar zusammengebrochen, die Stadt Heilbronn aber hoch verschuldet.

526.498 Soldaten und 115.633 Pferde sind hier in den vergangenen Jahren verpflegt worden, die Schulden waren von 8000 Dukaten im Jahr 1793 auf 356.000 Dukaten Ende 1816 gestiegen.

Dabei hat 1816 gut begonnen, „noch den Monat Mai konnte man mit all seinen Annehmlichkeiten genießen“. Dann aber folgen Stürme und Regen, über Wochen hinweg. Das Heu wird nicht reif und muss nass eingebracht werden. Juli und August sind verregnet, bleibt es trocken, ist die Sonne doch von Wolken verdeckt. Und auch im September gibt es nur wenige Tage ohne Regen, es ist kaum möglich, das Getreide trocken zu ernten, die Erträge sind so gering, dass nicht einmal mehr genug für die Aussaat im folgenden Jahr vorhanden ist. In acht Monaten werden ganze 29 Tage ohne Niederschlag gezählt.
Menschen essen Gras auf den Weiden: die Hungersnot, gezeichnet von einem unbekannten Künstler. 1816
© Toggenburger Museum Lichtensteig
Menschen essen Gras auf den Weiden: die Hungersnot, gezeichnet von einem unbekannten Künstler.
Sägemehl

1817 kommt und die Preise stiegen immer weiter, die Armen können sich gar nichts mehr leisten, die vermögenderen Bauern nur noch wenig. Die Menschen essen Brot, das mit ausgepressten Leinsamen gestreckt wird. Oder mit Kleie, gemahlenem Stroh und Sägemehl. Futterkräuter, Wurzeln und Kartoffellaub werden ausgekocht, Hunde und Katzen verspeist. Die Armen essen Sauerampferr, Brennesseln, Schlüsselblumen und Klee.

Ein Wohltätigkeitsverein wird ins Leben gerufen, in Heilbronn eine Ernährungsanstalt gegründet. Diese gibt 1817 in nur sechs Monaten bis zum Juni 111.778 Essensportionen aus und kann damit die Hungersnot doch nur ansatzweise lindern. Während die Bauern Ende April 1817 damit beginnen, die verlorene Wintersaat unterzupflügen und Sommergetreide zu säen, gibt es in der Stadt immer mehr Bettler. Vor allem aus dem „Weinsperger Thals-Gebiet“ kommen die Menschen nach Heilbronn, bieten Kleinigkeiten an und bettelten.

Willkommen sind diese Bettler nicht, sie „schlichen in den Häusern“ umher und am Ende wird sogar unter Strafe gestellt, solchen Bettlern etwas zu geben. Man will ihre letzte Hoffnung trocken legen.

„Feierlicher Einzug des ersten Erndte-Wagens in Heilbronn“ im Jahr 1817
© Lithografie von Franz Friedrich Schmidt
„Feierlicher Einzug des ersten Erndte-Wagens in Heilbronn“ im Jahr 1817
Erste Ernte

Nach dem Mai-Hochwasser 1817 beginnt der Rat der Stadt, im Ausland Getreide aufzukaufen, das den Bäckereien zugewiesen wird, die wiederum Brot zu einem festgesetzten Preis verkaufen müssen.

Am 8. Juli 1817 kommt Hoffnung auf, dass das Ende des Elends naht. Der erste Erntewagen wird mit Freudengesängen in der Stadt willkommen geheißen. Und obwohl es im Juli wieder regnet, kann im August die Ernte eingebracht werden. Der Chronist hält fest, „ganze Scharen von fremden Bauern, besonders aus dem Hohenlohischen Gebiet“ kommen nach Heilbronn, um Gerste zu kaufen. Die Preise fallen rapide - außer für Wein.

„Hungertafel“, die Lebensmittelpreise von 1772 bis 1817 verzeichnet, an einem um 1800 erbauten Kleinbauernhaus in Wüstenrot-Neulautern
© Wikipedia
Hungertafel in Neulautern, die Lebensmittelpreise von 1772 und 1784 mit 1817 vergleicht: „Veränderliche Jahrs zeiten – 1772 Hat 8 ℔ (= Pfund) Brod 8 x (= Kreuzer) kost, 1784 die Maß Wein 4 x. 1817 Hat der Scheffel Denkel 40 gulten kost, 8 ℔ K.(orn) Brod 2 gulten, die Maß Wein 2 f (= Florin = Gulden), das Simre Erdbirn 3 f.“
Denn der tägliche Juli-Regen macht zusammen mit dem Mehltau den Großteil der Weinernte zunichte. Noch bevor am 25. Oktober die Weinlese beginnt, vernichtet Nachtfrost vom 20. auf den 21. Oktober 1817 fast die gesamte Traubenernte. Nur ganze 300 Fässer Wein kommen in die Keller, der Eimer Heilbronner Wein wird zu 60 bis 80 Gulden (ein Gulden entspricht 60 Kreuzern) gehandelt.

Auswanderung

Die Hungersnot von 1816/1817 treibt viele Menschen in die Emigration. Ein Heilbronner berichtet aus Amsterdam, dass, sobald ein Vermögender aufgegriffen wird, man ihn zwingt, die Überfahrt nach Amerika für die Mittellosen zu bezahlen und ihn dann selbst gleich mit aufs Schiff packt.

Die Regierung des Königreichs Württemberg schickt angesichts der Auswanderungswelle Regierungsrat Friedrich List los, zu erkunden, weshalb die Menschen Heilbronn, Neckarsulm und Weinsberg den Rücken kehren. Sein Bericht vom 7. Mai 1817 führt unter anderem auf: Mangel an Freiheit, religiöse Schwärmerei, Steuern und Unterdrückung durch Beamte und Ortsvorsteher. Schließlich treibt die Hungersnot und Teuerung die Menschen aus dem Land. List: „Es sei keine Besserung zu hoffen. Sie wollen lieber Sklaven in Amerika sein als Bürger in Weinsberg.“
Teuerung 1816/1817 in Heilbronn
Hintergrund: Literatur und Quellen
  • Chronik der Stadt Heilbronn, Band 1
  • Handschrift HS337, Stadtarchiv Heilbronn (1816-1818)
  • Johann Heinrich Hoffmann: Chronik der merkwürdigsten Jahre unserer Zeit (1822)
  • Dorothee Bayer: O gib mir Brot (1966)
  • Waltraud Düwel-Hösselbarth: Ernteglück und Hungersnot (2002)
  • Irene Krauss: Seelen, Brezeln, Hungerbrote (2007)