Vincinette, „die Siegreiche“ - so hieß das Orkantief, das am 17. Februar 1962, also genau vor 55 Jahren, über Norddeutschland fegte und eine Jahrhundert-Sturmflut entfesselte: Deiche brechen in ganz Norddeutschland, die Überschwemmungen reichen bis weit ins Hinterland. Insgesamt verlieren 340 Menschen ihr Leben, mehr als 10.000 werden obdachlos, tausende Nutztiere ertrinken. Die Katastrophe verursacht in Niedersachsen Schäden in Höhe von 285 Millionen Euro. Auch in den Landkreisen Harburg und Stade richtet das Wasser schwere Verwüstungen an.

Im Folgenden blickt das WOCHENBLATT zurück auf die Katastrophe, beleuchtet Hintergründe und lässt Zeitzeugen sprechen.
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Die Sturmflut aus dem Jahr 1962 traf die Elbinsel Wilhelmsburg am härtesten. Dort standen ganze Gemeinden unter Wasser. In der Nacht starben über 300 Menschen.
Die Deiche brachen von Stelle bis Stade

Obwohl der Landkreis Harburg rund 120 Kilometer von der Küste entfernt liegt, richtet die Sturmflut auch im Kreisgebiet große Verwüstungen an. Fünf Menschen kommen in den Wassermassen um, fast 700 Stück Vieh ertrinken, 18 Wohngebäude werden einfach wegrissen, weitere schwer beschädigt. Zeitweise stehen 7.000 Hektar Land unter Wasser. Insgesamt verursacht die Flut im Landkreis Schäden von rund 10 Millionen D-Mark.

„Für die gesamte Nordseeküste besteht die Gefahr einer schweren Sturmflut. Das Nachthochwasser wird etwa 3 Meter höher als das mittlere Hochwasser eintreten.“ Für diese Meldung unterbrach der Norddeutsche Rundfunk am Abend des 16. Februars sein laufendes Programm. Es fällt schwer, sich darin die Ausmaße und die Tragik der sich anbahnenden Katastrophe vorzustellen. Im Landkreis waren die Verantwortlichen zwar in Alarmbereitschaft, die Bevölkerung schlief aber seelenruhig weiter. Schließlich machten sich die genannten Hochwasserstände so weit weg von der Tidegrenze bei Geesthacht an den Deichen im Kreis sonst kaum bemerkbar.

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Dort wo einmal der Deich stand, gibt es nur noch eine "Wasserwüste"
Doch in jener Nacht war das anders. Durch tagelangen auflandigen Wind hatten sich Millionen Kubikmeter Wasser in der Elbmündung gestaut. Der Sturm drückte die Wassermassen die Elbe hinauf. Das Ilmenau-Sperrwerk gab es noch nicht. Stattdessen war der Bereich der unteren Seeveniederung zwischen Over und Wuhlenburg ein großes Überschwemmungsgebiet. Von dort trafen die Wassermassen jetzt mit ungeheurer Wucht auf die Deiche an Luhe, Seeve, Este und Ilmenau. Die Pegelstände liegen mancherorts bei über 5,60 Meter über Normal Null. Die betroffenen eingedeichten Orte wie Achterdeich, Stelle, Hoopte, Hörsten, werden regelrecht umspült, lange bevor der Elbdeich bei Bullenhausen bricht. An den Nebenflüssen kommt es zu insgesamt 26 Brüchen. Am schlimmsten ist die damalige Gemeinde „Achterdeich“ betroffen. Die Flutwelle, die über Seeve und Ashauser Mühlenbach anrollt, reißt ein 110 Meter langes Loch in den Steller Querdeich, auf dem die Straße nach Fliegenberg verläuft. Der rückwärtige Deich, der das Dorf schützen soll, hat der gewaltigen Kraft des Wassers nichts entgegenzusetzen und bricht an mehreren Stellen. Die Wassermassen reißen ein Haus mit sich, vier Menschen sterben. 13 weitere Häuser werden komplett zerstört. Auch wenn, verglichen mit Hamburg, die Flut im Kreis eher glimpflich verläuft, hat sie sich doch ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Als Konsequenz wurde der Hochwasserschutz ausgebaut.

Ein Zeitzeugenbericht aus Stelle

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Der Grenzschutz dringt in das Katastrophengebiet bei Achterdeich vor
Zeitzeugin Giesela Harms (75) hat die Flut in Stelle erlebt.
Sie lebt damals in einer festen Baracke in der Lüneburger Straße in Stelle. Quasi vor ihrer Haustür fließt der Ashauser Mühlenbach. Am Abend der Sturmflut sitzen neben ihrem Mann und den drei Kindern, zwei davon noch Kleinkinder, auch die Oma in der kleinen Wohnstube des Behelfshauses.
„Mein Mann ist extra noch mal raus und hat sich den Mühlenbach angeschaut. Das Wasser war zwar hoch, aber nicht besorgniserregend hoch. Wir sind dann schlafen gegangen“, erzählt sie. Von dem Drama, das sich da schon, nur einen Katzensprung von ihrer Haustür entfernt, abspielt, ahnen sie nichts. Der Steller Querdeich ist gebrochen, in Achterdeich tobt die Flut. Doch in Stelle ist noch alles ruhig.
Mitten in der Nacht hämmert plötzlich jemand wie wild an die Tür. „Das Wasser kommt, das Wasser kommt, wacht auf!“ Ein Nachbar, der mit dem Fahrrad nach Achterdeich unterwegs ist, hatte die anrollenden Fluten entdeckt und war mit dem nassen Tod um die Wette geradelt. Er sieht die Baracke am Flussufer und weckt die Familie. Keine Sekunde zu früh. „Wir wollten zur Tür raus, aber da schlug schon das Wasser gegen. Wir haben die Kinder dann durch das rückwärtige Fenster rausgereicht und sind hinterher geklettert“, erzählt Gisela Harms. Sie flüchten zu einem Nachbarn und müssen mit ansehen, wie die Flutwelle ihre Baracke, in der sie eben noch ruhig geschlafen haben, mitreißt. Das Holzhaus treibt auf dem Mühlenbach und zerschellt dann an einer Brücke. „Alles war weg. Wir konnten nichts mitnehmen, waren nur mit Nachthemd und Bademantel bekleidet“, so Gisela Harms.
In Sicherheit ist die Familie immer noch nicht. „Auch im Nachbarhaus lief der Keller voll, das Wasser stieg, wir mussten raus.“ Sie klettern die Böschung zur B4 hinauf, Disteln zerfetzen ihnen die nackten Beine, aber sie sind in Sicherheit.
Gisela Harms: „Erst da haben wir gemerkt, wie viel Glück wir gehabt haben. Wären wir nicht gewarnt worden, wir wären alle ertrunken.“

Am schlimmsten wütet das Wasser im Landkreis Stade

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Der Deichburch bei Moorfleet
Der Landkreis Stade wird in Niedersachsen von der Sturmflut am heftigsten getroffen.
Zehn Menschen sterben in den Fluten, es kommt zu 40 Deichbrüchen. Die Region wird auf 200 Quadratkilometern überflutet. Rund 3.000 Personen werden obdachlos. Von den 285 Millionen D-Mark Flut-Schäden in Niedersachsen entfielen allein 115 Millionen D-Mark auf den Landkreis Stade.
Sturmfluten war man im Kreisgebiet gewohnt, man glaubte sich sicher hinter Deichen und Sperrwerken. Doch die Sturmflut von 1962 unterschied sich stark von den anderen Hochwassern. Sie ähnelte in ihrem Auftreten einem Ereignis, das als „Weihnachtsflut“ in die Geschichtsbücher einging und im Jahr 1717, 245 Jahre zuvor, stattfand. Die Gefahr kam damals - wie auch 1962 - mit auflandigem Wind, der dafür sorgte, dass die Tidestände in der Elbe und ihren Nebenflüssen auch bei Ebbe nicht abfielen. Das hoch aufgestaute Wasser wurde dazu von Orkanböen aufpeitscht und brandete gegen die Deiche. Dazu drückte es in die Nebenflüsse wie Schwinge, Oste und Este. Die Wasserschutzanlagen dort hatte man vielerorts seit dem Krieg kaum noch erhöht. Es kommt zu folgenschweren Brüchen der Elbdeiche und vieler Nebendeiche. Besonders schlimme Verheerungen richtete die Sturmflut im Südkehdinger Land an. Hier werden in vielen Ortschaften die Deiche kilometerweit überspült, es kommt zu acht Brüchen. Weil bei Stade der Schwinge-Deich bricht, strömen auch von dort ungeheure Wassermassen in das Gebiet.
Auch die Stadt Stade wird nicht verschont, die gesamte Altstadt steht unter Wasser. Zu einen tragischem Ereignis kommt es, als der Deich unerwartet nachgibt und von den ins Hinterland strömenden Wassermassen drei Helfer im ihrem Schlauchboot in den Tod gerissen werden.

Ein Zeitzeugenbericht aus Assel

Horst Fitschen erlebte die Flut als 19-jähriger in der Gemeinde Assel am Asseler Außendeich:
„Ich habe damals in Hedendorf gewohnt und dort als Gärtner gearbeitet. Am Wochenende bin ich immer zu meinen Eltern gefahren, die wohnten am Asseler Außendeich. Als ich diesmal ankam, schwappte das Wasser schon über den Deich.“ Da keiner zuhause war, entschied er sich dann, zu einem Nachbarn zu flüchten. „Wir haben Sandsäcke vor die Tür gestapelt, aber es hat alles nichts geholfen. Das Wasser lief unter der Tür durch. Als jemand die Tür vorsichtig öffnete, schlug sie auf und eine Welle brach ins Haus und warf alles durcheinander. Wir sind dann zum Küchenfenster raus.“ Später fand er auf einem Dachboden Zuflucht. In seinem Elternhaus hatte die Flut das Küchenfenster eingedrückt. Passiert war niemandem etwas. „Meine Eltern haben unsere Mieterin in letzter Minute gerettet, indem sie ein Loch in die Decke schlugen und die Frau dann auf den Dachboden zogen“, erzählt er. Als das Wasser Tage später endlich verschwand, hinterließ es überall Schlick. „Wir haben die Schränke mit dem Schlauch ausgespritzt.“
Eine Anekdote, die Horst Fitschen in Erinnerung ist, zeigt, dass es für die Bewohner vom Asseler Außendeich schlichtweg nicht vorstellbar war, dass die Flut über den Deich geht: „Bei uns im Nachbarhaus gab es eine alte Frau, die hat sich in ihrem Haus an den Tisch gesetzt und stur gesagt: ‚Es ist noch nie Wasser gekommen, es kommt auch diesmal kein Wasser.‘“ Doch das Wasser kam und sie musste auf den Dachboden fliehen, wie alle anderen.

In Hamburg sterben 315 Menschen

Die Stadt Hamburg wurde von der Sturmflut am schlimmsten getroffen. Von den 340 Todesopfern waren 315 in Hamburg zu beklagen. Besonders katastrophal war die Lage auf der Elbinsel Wilhelmsburg. Dort lagen oft direkt hinter den Eindeichungen sogenannte Laubenkolonien - ganze Stadtteile, die nur aus hölzernen Kleinhäusern bestanden. Hier hielt die Flut schreckliche Ernte. Die oft schlafenden Bewohner wurden vom Wasser überrascht, viele schafften es nicht nach draußen. Sie ertranken in den sich in sekundenschnell mit Wasser füllenden Baracken. Wer sich auf ein Dach oder Baum retten konnte, drohte völlig durchnässt zu erfrieren.
Im Vorfeld des Sturms warnten die Behörden zwar die Bewohner, allerdings gab es keinen Notfallplan - man glaubte schlicht, ausreichend vor den Naturgewalten gefeit zu sein. Doch selbst wenn die Behörden frühzeitig zur Evakuierung aufgerufen hätten, viele wären wohl dennoch geblieben. Man fühlte sich in Wilhelmsburg, Waltershof, Moorburg, Finkenwerder und den andere Elborten sicher hinter den Deichen. Ein fataler Irrtum, den allein in Wilhelmsburg 222 Menschen mit ihrem Leben bezahlten.

Leben sind wichtiger als Gesetze - Helmut Schmidt als Retter

Ein Name darf bei einem Bericht über die Sturmflut in Hamburg nicht fehlen. Die Rede ist vom ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt († 2015). Als damaligem Hamburger Innensenator gelang es dem SPD-Politiker, sich über alle bürokratischen Hürden hinwegzusetzen, auch geltende Gesetze interessierten ihn nicht. Einzig die Rettung möglichst vieler Menschenleben zählte für ihn.
So holte Schmidt die Bundeswehr nach Hamburg. Ein Einsatz der Soldaten im Inland war damals allerdings auch bei Katastrophen nicht durch die Verfassung gedeckt. Dazu sagte Schmidt später: „Wir haben Menschenleben gerettet. Es (die Bundeswehr einzusetzen, die Red.) hat nicht gegen den Geist des Grundgesetzes verstoßen, wohl aber möglicherweise gegen die Buchstaben.“

Ein Zeitzeugenbericht aus Wilhelmsburg:

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Hier (Bildmitte) stand einmal ein Wohnhaus. Das Wasser lies nichts übrig
Doris Cordes (65) aus Buxtehude erlebte die Sturmflut als Elfjährige in Wilhelmsburg:
„Wir wohnten im zweiten Stock eines Etagenhauses, nebenan verschlang das Wasser eine Kleingartensiedlung. Ich werde nie vergessen, wie von dort die ganze Nacht um Hilfe gerufen wurde - erst morgens verklangen die Schreie. Heute weiß ich, dass die Menschen dort ertrunken oder erfroren waren“, sagt sie: „Der Abend begann dabei ganz normal. Es war zwar stürmisch, aber das war im Winter ja nichts Ungewöhnliches.“ Nachts wurde Doris Cordes durch Lärm im Haus wach. Als sie aus dem Fenster blickte, glaubte sie noch zu träumen: „Die Straße vor unserem Wohnblock war zu einem Fluss geworden. So etwas hatte ich noch nie gesehen.“

Ihr Vater sei dann in den Keller gelaufen und hätte Kohlen und Lebensmittel hochgeschleppt. Schon wenig später habe dann das Haus bis zum ersten Stock unter Wasser gestanden. „Wir saßen in unserer Wohnung und das Wasser stieg und stieg. Ich weiß noch, wie ich gedacht habe: ‚ Wann ist das Wasser bei uns?‘ Ich hatte große Angst“. Am nächsten Morgen habe sie dann gesehen, wie die Flut gewütet hatte. Die Kleingartensiedlung habe es nicht mehr gegeben. Überall Zerstörung und Tod. „Auf der Straße sah ich, wie Helfer eine Tote, die auf einer Tür abgelegt war, durch das Wasser schoben.“ Dann seien die Transporthubschrauber gekommen und hätten Hilfsgüter auf die Dächer der Hochhäuser abgeseilt. Später erfuhr sie, dass in jener schlimmen Nacht eine Klassenkameradin in den Fluten umgekommen war. Doris Cordes: „Ich lebte gerne Wilhelmsburg, aber diese Erlebnisse haben dazu geführt, dass ich als Erwachsene dort weggezogen bin.“

Danksagung:
Nach einem Aufruf wandten sich sehr viele Leser an das WOCHENBLATT, reichten Berichte, Fotos und Dokumente ein. Auch wenn es der Redaktion nicht möglich war, alles zu berücksichtigen, möchten wir uns herzlich für diesen Einsatz bedanken. Insbesondere gilt unser Dank: Gisela Harms, Werner Mohr, Horst Fitschen, Doris Cordes, Margret Philipp, Erika Sönksen sowie dem Harburger Deichverband, der Vogtei Neuland und dem Artlenburger Deichverband