Rücksichtslose Autofahrer blockieren die Rettungsgasse
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Rücksichtslose Autofahrer blockieren die Rettungsgasse
Theo Herrmann ist seit 46 Jahren bei der Feuerwehr Mörfelden, einen Einsatz wie am Mittwoch auf der A5 hat er aber noch nicht erlebt. Ein Interview über die Konsequenzen aus einem schlimmen Nachmittag.

Herr Herrmann, was genau ist am Mittwoch passiert?

Wir sind am Nachmittag mit vier Einsatzfahrzeugen zu einem Einsatz auf der A5 bei Weiterstadt ausgerückt, weil ein Arbeiter von einer Brücke abgestürzt war und schwer verletzt auf der Straße lag. Unser Einsatzleitfahrzeug ist mit der Polizei vorneweg gefahren, die Autofahrer haben eine Rettungsgasse gebildet. Leider sind ein paar Schlaumeier auf die Idee gekommen, sich hinter dem Feuerwehrauto einzureihen. Kurz darauf ging dann gar nichts mehr, die Autos waren quasi verknotet, konnten nicht mehr nach links oder rechts. Wir haben zusammen mit dem Rettungswagen versucht, durchzukommen, irgendwann haben wir aufgegeben und sind die letzten 800 Meter gelaufen.

Das heißt, der Verletzte musste länger als nötig auf Hilfe warten?

Glücklicherweise kam auf der Gegenfahrbahn zufällig ein Rettungswagen vorbei, der ihn versorgt hat. Außerdem war der Rettungshubschrauber unterwegs, wir mussten dann nur noch für ihn die Straße absperren. Aber nicht auszudenken, wenn jemand in einem brennenden Auto eingeklemmt gewesen wäre. Der hätte keine Chance gehabt.

Haben Sie die Autofahrer auf Ihr Fehlverhalten hingewiesen?

Ja, und solche Reaktionen habe ich in meinen 46 Jahren bei der Feuerwehr noch nie erlebt. „Macht nicht so ein Zirkus“, hieß es, manche haben uns richtig angepöbelt oder ausgelacht. Wir haben auf dem Weg Fotos gemacht, um die Fahrer anzeigen zu können. Unsere Kollegen mussten die Autos dann zentimeterweise nach links und rechts dirigieren, es hat eine halbe Stunde gedauert, bis sie endlich bei uns waren. Und auch unglaublich: Selbst hinter ihnen sind dann wieder Autos hergefahren. Völlig sinnlos: Die Autobahn war sowieso lange gesperrt, es ging also nur darum, 30 Meter weiter vorne zu stehen. Was soll das also?

Erhoffen Sie sich etwas von den Anzeigen?

Laut Straßenverkehrsordnung bekommt man ein Bußgeld von 20 Euro, wenn man keine Rettungsgasse bildet. Das ist lächerlich, es kann um Leben und Tod gehen, in anderen Ländern sind die Strafen viel höher. Aber irgendwas muss passieren. Es ging ja nicht nur uns so: Am Donnerstagabend ist in Mainz genau dasselbe passiert, die Feuerwehrleute wurden auch dort angepöbelt. Und vor ein paar Wochen gab es bei Kassel Probleme.

Ist es insgesamt schlimmer als früher geworden, haben die Leute weniger Zeit und Respekt?

Ich kann nur sagen, dass ich so etwas wie am Mittwoch noch nie erlebt habe und es mir große Sorgen bereitet. Im Gegensatz zu früher muss heute auch jeder immer sein Smartphone auspacken und Fotos von Unfällen machen.

Was ziehen Sie für Konsequenzen aus dem Vorfall?

Wir werden ab sofort mit einem Plan B arbeiten und die Feuerwehr auch aus Darmstadt kommen lassen, wenn es Richtung Darmstadt zu einem Unglück kommt. Dann ist wenigstens eine Mannschaft hoffentlich schnell vor Ort. Ansonsten weiß ich nicht, was man noch machen kann, damit die Leute endlich lernen, wie wichtig eine Rettungsgasse ist. Wir haben Kampagnen gemacht, man lernt es in der Fahrschule. Aber manchen Leuten ist es schlicht egal.