Die Mittelmeerküsten von Sizilien, über Süd-Italien bis zum südlichen Balkan sind Zeugen einer langen Reihe von Migrationsbewegungen und intensiven Austauschs. Ungeachtet dieser komplexen Geschichte und heutiger nationalen Grenzen teilen die Bewohner der südosteuropäischen Mittelmeerküsten jedoch ein gemeinsames genetisches Erbe und die Bewohner mancher griechischsprachiger Inseln sind genetisch enger mit einigen Populationen Süditaliens verwandt als mit den Bewohnern des griechischen Festlands. Dies ist eines der zentralen Ergebnisse einer in Scientific Reports publizierten Studie, an der auch Chiara Barbieri vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena beteiligt war.

Karte der albanisch-, griechisch- oder italienischsprachigen Orte an denen die Gen-Proben für die Studie gesammelt wurden
© Sarno et al. DOI: 10.1038/s41598-017-01802-4
Karte der albanisch-, griechisch- oder italienischsprachigen Orte an denen die Gen-Proben für die Studie gesammelt wurden
Die von Prof. Davide Pettener von der Universität Bologna koordinierte Studie beschreibt mit Hilfe hochauflösender genomischer Marker die genetischen Fingerabdrücke für mehr als 500 Personen heutiger Populationen der südosteuropäischen Küstenregionen. Ihre genetischen Profile wurden analysiert, um die genetischen Beiträge früherer Populationen und die demographische Geschichte der Region zu rekonstruieren; finanziert wurde die Arbeit von der National Geographic Society. Erwartungsgemäß hat die wechselhafte Geschichte der Region, vielfältige Spuren im Erbgut der untersuchten Populationen hinterlassen. Dennoch: eine dieser Schichten bezeugt die gemeinsame genetische Abstammung der Bewohner entlang der Küsten von Sizilien bis nach Zypern und Kreta, einschließlich der ägäischen Inseln und Anatolien. "Diese gemeinsame Mittelmeer-Abstammung reicht möglicherweise zurück bis in prähistorische Zeiten und könnte das Ergebnis mehrerer Migrationswellen mit Spitzen in der Jungsteinzeit und Bronzezeit sein", sagt Erstautorin Stefania Sarno, Wissenschaftlerin an der Universität Bologna. Anscheinend war die Errichtung der "Magna Graecia", die Kolonialisierung Süditaliens und Siziliens ab dem 8. Jahrhundert vor Christus durch griechische Siedler, nur eines der letzten Ereignisse in einer langen Geschichte der Ost-West-Bewegungen, bei denen das Mittelmeer als bevorzugte Drehscheibe für den genetischen und kulturellen Austausch diente.

Eine der interessantesten, in der mediterranen genetischen Landschaft verborgenen Schichten ist ein wichtiger bronzezeitlichen Beitrag aus einer Kaukasus- (oder kaukasus-ähnlichen) Quelle, bei gleichzeitiger Abwesenheit der typischen genetischen Komponente aus der asiatischen Steppe ("Pontic-Caspian"). Letzteres ist ein sehr charakteristisches genetisches Signal, das in Nord- und Osteuropa weit verbreitet ist. Frühere Studien assoziierten dies mit der Verbreitung der indoeuropäischen Sprachen auf dem Kontinent. "Diese neuen genomischen Ergebnisse aus dem Mittelmeerraum schlagen ein neues Kapitel für das Studium der prähistorischen Wanderungsbewegungen auf, die zur Verbreitung der in Europa am weitesten verbreiteten Sprachfamilie, dem Indoeuropäischen, geführt haben", erklärt Chiara Barbieri. "Die Ausbreitung dieser Sprachen in den südlichen Regionen, in denen heutzutage indoeuropäische Sprachen wie Italienisch, Griechisch und Albanisch heutzutage gesprochen werden, lässt sich nicht allein mit dem erheblichen Beitrag aus der Steppe erklären."

Der zeitliche und geographische Ursprung der indoeuropäischen Sprachfamilie bildet den Mittelpunkt einer lebhaften Debatte zwischen Linguisten, Archäologen und Historikern. Dabei stehen sich zwei alternative Theorien gegenüber: Die anatolische Hypothese vermutet den Ursprung der indoeuropäischen Sprachen in Anatolien vor mindestens 8000 Jahren. Dagegen besagt die Steppen-Hypothese, dass der Ursprung dieser Sprachen in der Pontischen Steppe während der Bronzezeit vor rund 6000 Jahren liegt. Die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena konzentrieren sich auf diese Debatte und versuchen, augenscheinlich widersprüchliche Ergebnisse in Einklang zu bringen. Eine erste Beweislinie stammt aus einer linguistischen Analyse, die auf quantitativen lexikalischen Daten basiert. Das Ergebnis dieser Analyse zeichnete einen Stammbaum der indoeuropäischen Sprachen, der die anatolische Hypothese unterstützt. Eine zweite Beweislinie stammt aus der Genetik, die auch zur Rekonstruktion von Migrationsbewegungen und genetischen Vermischungen beigetragen hat. Die Studie, die auf einer extrem umfangreichen Datenbasis beruht, zeigte eine wichtige demographische Bewegung, die perfekt mit der Steppenhypothese übereinstimmt. Die neuen genetischen Ergebnisse aus Südeuropa, stellen ein reines "Steppenmodell" in Frage und fügen den komplexen historischen Rekonstruktionen neue Aspekte hinzu.

Die neue genetische Studie verweist auch auf jüngere historische Schichten, die zur heutigen genetischen Zusammensetzung der untersuchten Populationen beigetragen haben, insbesondere für die nicht-italienischsprachigen Gemeinschaften in Italien. Zum Beispiel scheinen die Bewohner des griechischen Festlands und Albaniens in historischen Zeiten zusätzliche genetische Beiträge erworben zu haben, die am wahrscheinlichsten mit den slawischen Migrationen auf dem Balkan zusammenhängen. Dieser neuere genetische Anteil ist in einigen ethnosprachlichen Minderheiten Siziliens und Süditaliens noch evident, zum Beispiel bei den albanisch-sprachigen Arbereshe. Sie migrierten am Ende des Mittelalters von Albanien nach Italien und lebten in geographischer und kultureller Isolation, die für ihre unverwechselbare genetische Komposition eine wichtige Rolle spielte.

Ein anderes Beispiel ist das griechischsprachiger Gemeinschaften in Süditalien. Die genetischen Merkmale dieser Gruppen deuten auf einen früheren Zeitpunkt ihrer Ansiedlung sowie auf eine höhere kulturelle Durchlässigkeit zu den benachbarten Bevölkerungsgruppen hin, trotz gelegentlicher Abweichungen und geographischer Isolationseffekte, wie bei den kalabrischen Griechen. "Das Studium der sprachlichen und kulturellen Isolate in Italien erwies sich als wichtig, um unsere Geschichte und unsere Demographie zu verstehen", sagt Alessio Boattini, Genetiker und Anthropologe der Universität Bologna. "Die Fälle der albanisch- und griechisch-sprachigen Gemeinden Süditaliens helfen, Licht in die Bildung dieser kulturellen und sprachlichen Identitäten zu bringen".

"Insgesamt zeigt die Studie, wie sowohl genetische als auch kulturelle Sichtweisen unser Wissen über die komplexe Dynamik hinter der Ausformung unseres mediterranen Erbes erweitern können, vor allem im Kontext der sowohl geographisch als auch zeitlich umfassenden Vermischung", sagt Davide Pettener "Diese Ergebnisse werden wir in zukünftigen Studien weiterentwickeln, indem wir die Erkenntnisse aus anderen Disziplinen, insbesondere der Linguistik, Archäologie und Paläogenomik, mit dem Studium der alten DNA aus archäologischen Resten integrieren.", fügt Donata Luiselli hinzu, die das Projekt gemeinsam mit Davide Pettener weiterführen wird.

MPI SHH / CS