Wie das erste höhere Säugetier aussah und wann es lebte, war bisher alles andere als klar. Jetzt hat ein internationales Forscherteam unserem ersten Urahn erstmals ein Gesicht verliehen - und festgestellt, dass er nicht, wie bisher angenommen, ein Zeitgenosse der Dinosaurier war. Stattdessen entwickelte er sich erst nach dem Massenaussterben, das vor 65 Millionen Jahren die Kreidezeit beendete. Der kaum mausgroße Insektenfresser profitierte wahrscheinlich vom Verschwinden vieler Konkurrenten und der radikal veränderten Umwelt, berichten die Forscher im Fachmagazin Science.

Ihr Ergebnis: Die Hauptgruppen der Säugetiere entstanden 36 Millionen Jahre später als zuvor angenommen. Erst nach dem Massenaussterben am Ende der Kreidezeit wuselten die ersten Vorfahren der plazentatragenden Säugetiere durch die Urzeitwelt. "Arten wie Nagetiere und Primaten teilten sich die Erde nicht mit den Dinosauriern, sondern entwickelten sich aus diesem gemeinsamen Vorfahren erst kurz nach deren Ausrottung", erklärt O'Leary.
Mausgroß, kletternd und mit gutem Geruchssinn
Und auch wie dieser erste gemeinsame Vorfahr aussah, konnten die Forscher im Rahmen ihrer Studie klären: "Er wog zwischen 6 und 245 Gramm, fraß Insekten und war ans Klettern angepasst", berichten die Wissenschaftler. Außerdem habe dieses Tier schon ein im Verhältnis zum Körper relativ großes Gehirn mit auffallend großem Riechkolben besessen, konnte also wahrscheinlich gut riechen. Die Weibchen besaßen eine Gebärmutter mit zwei Hörnern und Plazenta und brachten jeweils ein nacktes, blindes Junges zur Welt.
Während bei Vögeln und niederen Säugern wie dem Schnabeltier Darm und Urogenitaltrakt noch in einem gemeinsamen Ausgang - der Kloake - mündeten, besaß der Ur-Säuger bereits getrennte Öffnungen für beides. Wie das Tier vom Körper, Fell und Habitus her aussah, haben die Forscher gemeinsam mit einem Grafiker sogar in Zeichnungen rekonstruiert.
Zu wissen, wie das erste Ur-Plazentatier aussah sei besonders angesichts der enormen Vielfalt an Körperformen, Größen und Lebensweisen der heutigen Säugetiere enorm wichtig, meinen die Forscher. Denn heute reiche die Spannbreite von der nur hummelgroßen Fledermaus bis zum Blauwal, von krabbelnden über schwimmende bis hin zu fliegenden Formen und letztlich bis hin zum Menschen. "Die Lücken in den Fossilfunden werden unser Wissen über die Vergangenheit immer einschränken", schließen die Wissenschaftler. Aber der neue Stammbaum mit seiner breiten Basis an Merkmalen erleichtere es nun, diese Lücken zu schließen und ein vollständigeres Bild über den Ursprung und die Entwicklung der Säugetiere zu gewinnen.




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