Nach dem blutigen Vorgehen der ägyptischen Sicherheitskräfte gegen Regierungskritiker haben hunderte Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi ihre Protestlager verlassen.
Das Fernsehen zeigte die Mursi-Anhänger, wie sie durch einen Korridor der Sicherheitskräfte ihr Camp auf dem Rabaa-al-Adawija-Platz in Kairo verließen. Ein Vertreter der Sicherheitskräfte erklärte am Abend, sie kontrollierten inzwischen den gesamten Platz.
Noch kurz zuvor hatte ein Sicherheitsbeamter gesagt, der harte Kern der Demonstranten harre weiter hinter den Barrikaden aus. Demnach dauerten die Zusammenstöße an einem Zugang zu dem Platz an.
Die Gewalt in dem arabischen Land war zuvor eskaliert. Bei der Räumung zweier Protestlager der islamistischen Muslimbruderschaft gingen ägyptische Sicherheitskräfte mit unerbittlicher Härte vor. Weit mehr als hundert Menschen wurden getötet, als die Sicherheitskräfte die beiden Camps in Kairo räumten. Die Regierung verhängte einen einmonatigen Ausnahmezustand und eine nächtliche Ausgangssperre. International wurde der Einsatz scharf verurteilt.
Im Morgengrauen rückten die Sicherheitskräfte gegen die durch Barrikaden gesicherten Protestlager auf dem Rabaa-al-Adawija-Platz und dem Al-Nahda-Platz vor, auf denen tausende Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi seit Wochen seine Wiedereinsetzung forderten. Ein AFP-Reporter zählte allein auf dem Rabaa-al-Adawija-Platz 124 Leichen. Viele der Toten wiesen Schusswunden auf. Angesichts der Menge der Verletzten konnten sich die Ärzte in einem Notlazarett nur um einen Teil der Opfer kümmern.
Die Protestierenden sprachen von mehr als 2200 Toten und 10.000 Verletzten. Der Einsatz sei ein "blutiger Versuch", jede oppositionelle Stimme zu ersticken, schrieb die Muslimbruderschaft im Kurzbotschaftendienst Twitter. In Kairo wurde auch ein Kameramann des britischen Senders Sky erschossen. Laut der Muslimbruderschaft war zudem die 17-jährige Tochter ihres flüchtigen Anführers Mohammed al-Beltagi unter den Opfern.
Die Regierung wies den Demonstranten die Schuld zu, da diese Sicherheitskräfte angegriffen hätten. Gewalttätige Zusammenstöße zwischen Anhängern und Gegnern Mursis sowie der Polizei gab es auch in Alexandria, am Suez-Kanal sowie in den Provinzen Assiut und Menia. Im Zentrum des Landes wurden offiziellen Angaben zufolge drei koptische Kirchen in Brand gesetzt. Das Gesundheitsministerium erklärte am späten Nachmittag, es habe landesweit 149 Tote und 1403 Verletzte gegeben.
Ägyptens Interims-Regierungschef Hasem al-Beblawi erklärte am Abend im Fernsehen, die Sicherheitskräfte seien mit "größter Zurückhaltung" vorgegangen. Sein Kabinett halte an dem Plan fest, Neuwahlen zu Anfang kommenden Jahres zu ermöglichen.
Am Nachmittag verhängte Übergangspräsident Adli Mansur mit sofortiger Wirkung einen einmonatigen Ausnahmezustand für das ganze Land. Wenig später verkündete ein Regierungssprecher im Staatsfernsehen, für die Dauer des Ausnahmezustands in Kairo und elf anderen Provinzen gelte eine nächtliche Ausgangssperre. Die Entwicklung stellt eine weitere Verschärfung der politischen Krise, die mit dem Sturz Mursis durch das Militär am 3. Juli begonnen hatte.
US-Außenminister John Kerry rief die Armee zur Abhaltung von Neuwahlen auf. "Die heutigen Ereignisse sind bedauerlich und konterkarieren Ägyptens Streben nach Frieden, Inklusion und echter Demokratie", sagte Kerry. Militär und Übergangsregierung hätten die Vormachtstellung und deshalb auch die besondere Verantwortung, weiteres Blutvergießen zu verhindern.
Beide müssten nun "konstruktive Lösungen" anbieten, um einen Friedensprozess "quer durch das politische Spektrum" anzustoßen. Dazu zählte Kerry neben einer Verfassungsänderung auch Parlaments- und Präsidentschaftswahlen. Allerdings räumte der Außenminister ein, dass eine politische Beilegung der Krise in Ägypten "durch die heutigen Ereignisse viel, viel schwieriger geworden ist".
AFP
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