Auf der Sonne spielt sich ein stellares Grossereignis ab. Das Magnetfeld unseres Zentralgestirns kehrt sich komplett um. Auswirkungen sind bis an die Ränder des Sonnensystems spürbar.

Es klingt dramatisch: Das Magnetfeld der Sonne wechselt innert weniger Monate seine Polarität, also seine Ausrichtung vom Nordpol zum Südpol. Das Phänomen spielt sich immer auf dem Höhepunkt des Aktivitätszyklus der Sonne ab - und ist deshalb bekannt. Es wiederholt sich etwa alle elf Jahre. Das letzte Mal war es 2001 der Fall, gegen Ende dieses Jahres dürfte es wieder soweit sein.

Für Erdbewohner ist die Umpolung - allen Weltuntergangspropheten zum Trotz - ungefährlich. Die höhere Sonnenaktivität beschert der Erde derzeit aber schöne Polarlichter. Über die Veränderung der kosmischen Strahlung könnte sie sogar das Erdklima beeinflussen, sagt Peter Bochsler, emeritierter Astrophysiker an der Universität Bern, auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA.

Magnetfeld « unter Druck »

Der genaue Prozess der Polumkehr ist noch nicht im Detail verstanden. Zu Beginn des Sonnenzyklus ist das Magnetfeld stabil mit klarem Nord- und Südpol. Durch die Rotation der Sonne um sich selbst, die an Äquator und Polen nicht gleich schnell ist, beginne sich das Magnetfeld « aufzuwickeln », sagt Bochsler. Es bauen sich hohe Feldstärken auf, wie in einem zu stark gepumpten Veloschlauch.

In dieser Phase ist das Magnetfeld der Sonne nicht stabil, sondern kompliziert verwirbelt. Einzelne Magnetwirbel tauchen als dunkle Sonnenflecken an der Oberfläche auf. Der Druck aus dem « Veloschlauch » entweicht in spektakulären Massenauswürfen, die solares Material samt Magnetfeld bis an den Rand des Sonnensystems schleudern, was selbst auf Jupiter und Saturn Stürme und Polarlichter auslöst.

In so einem Sonnenmaximum - wenn auch einem schwachen - befinden wir uns zur Zeit. Das verwirbelte Magnetfeld sinkt kurzfristig auf nahezu null ab, danach baut es sich allmählich mit umgekehrtem Vorzeichen wieder auf. Laut der US-Raumfahrtbehörde NASA hat die Umkehrung auf dem Nordpol der Sonne bereits begonnen, der Südpol sollte demnächst folgen.

Mit Kometenschweif spielen

Die Massenauswürfe der Sonne können auf der Erde geomagnetische Stürme auslösen, die in seltenen Fällen Überlandstromleitungen lahmlegen können, wie es 2003 in Schweden geschah. Bedeutend gefährlicher sind sie für Astronauten und Satelliten im All, wo das Magnetfeld der Erde die Teilchenströme nicht abschirmt. Auch Flüge über die Polrouten werden bei Sonnenstürmen zum Schutz der Crews in tiefere Breiten oder Flughöhen umgeleitet.

Der magnetische Aufruhr der Sonne könnte auch Schabernack mit dem Kometen ISON treiben, der zur Weihnachtszeit der Sonne gefährlich nahe kommt, sagt Bochsler. Im ruhigen Magnetfeld zeigt der Schweif aus geladenen Teilchen wie eine Fahne im Wind in eine Richtung. Die jetzigen magnetischen Störungen könnten den Schweif vor- und zurück springen lassen, oder gar mehrere Schweife hervorrufen.

Auch Erdmagnetfeld polt um

Auch das Magnetfeld der Erde wechselt periodisch seine Ausrichtung, allerdings nur etwa alle 450'000 Jahre. Die Polumkehr dauert einige Tausend Jahre. Weil die Stärke des Erdmagnetfelds in den letzten 150 Jahren um etwa 10 Prozent abgenommen hat, und seit einigen Jahren noch rascher, könnte es bereits in wenigen Hundert oder Tausend Jahren wieder so weit sein. Dann zeigen Kompassnadeln nicht nach Norden, sondern nach Süden.