Die Wissenschaftler hatten zwischen 2000 und 2002 bei 232 schwangeren Frauen im Blut und kurz nach der Geburt in der Muttermilch die Konzentrationen von insgesamt 35 PCBs und Dioxinen gemessen. Sieben Jahre später beurteilten die Mütter das typische Verhalten ihrer Kinder im Schulalter.
Herr Winneke, was konnten Sie bezüglich des Verhaltens genau feststellen?
Wir haben festgestellt, dass - sofern eine PCB-Belastung vorlag- Jungen sich etwas weniger jungenhafter und Mädchen etwas weniger mädchenhafter verhalten haben. Wir haben ja die Mütter befragt, und zwar mithilfe eines standardisierten Fragebogens. Die Mütter sollten damit das Verhalten ihrer Kinder einschätzen und beschreiben.
Wie lauteten die Fragen genau?

Ist der Blick der Mütter nicht sehr subjektiv?
Ja klar, Mütter sehen die Kinder tendenziell positiv, da haben Sie recht. Und das heißt für uns als Wissenschaftler, wir müssen bei solchen Befragungen erst einmal in Kauf nehmen, dass unsere Messungen eine größere Fehlerstreuung aufweisen. Um diese Streuung zu minimieren, greifen wir auf das Instrumentarium der Statistik zurück. Und es zeigte sich in der Studie klar, dass die meisten Mütter durchaus in der Lage sind, ihre Kinder anhand einiger Merkmale objektiv zu beschreiben.
Woher wissen Sie nun, dass es nur die Biphenyle und/oder Dioxine sind, die dafür verantwortlich sind, dass Jungen weiblicher werden und Mädchen jungenhafter?

Wichtig ist auch das Kriterium der Konsistenz der Befunde: mehrere Untersuchungen sollten Ähnliches herausfinden, sie sollten sich in den Ergebnissen nicht widersprechen. Und es sollte eine biologische Plausibilität gegeben sein, es müßten aus anderen medizinisch-biologisch-toxikologischen Bereichen Befunde vorliegen, die unsere Ergebnisse bestätigen. Alle Kriterien haben wir in der Studie berücksichtigt. Apropos biologische Plausibilität: Es gab vor einigen Jahren Experimente, bei denen PCBs vorgeburtlich an Ratten gegeben wurden, und dann hat man gesehen, dass die männlichen Nachkommen dieser belasteten Ratten tatsächlich verweiblicht waren, und zwar in ihrem Verhalten.
Wo kommen die PCBs in der Umwelt vor?
Das sind synthetische Öle, die wurden Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts hergestellt. Sie haben Eigenschaften, die jahrzehntelang als positiv galten, sie sind schwer entzündbar. Deshalb wurden sie eingesetzt als Hydraulikflüssigkeiten in Pumpen, auch in Transformatoren - das sind geschlossene Systeme, die normalerweise keine PCB-Moleküle an die Umwelt abgeben konnten. Außer beim Recycling dieser Geräte. Dann wurden sie auch noch verwendet als Dichtungsmassen in Gebäuden, mit PCBs wurden Fensterrahmen abgedichtet, da sind diese Stoffe dann ausgetreten und wurden vom Menschen eingeatmet. Auch beim Kohlepapier wurden PCBs als Weichmacher verwendet. Also es gab eine Fülle von Anwendungsbereichen, und da sie so viel benutzt wurden, haben sie sich im Laufe der Jahrzehnte in Klärschlämmen angereichert. Sie gelangen aber hauptsächlich über die Nahrung, über tierische Fette und Milchprodukte, in den Menschen. Über 90 Prozent der PCBs im Menschen stammen aus diesen Produkten.
Bedeutet das: Ihre Studie zeigt, dass Nahrungsmittel gerade auch für Kleinkinder weiterhin getestet werden sollen?
Ich will keine Panik verbreiten. Es besteht kein Anlass zur Sorge, Anfang der 80er Jahre wurde ja ein Produktions-und Verwendungsverbot von PCBs ausgesprochen, seitdem gehen die Belastungen in der Umwelt und der Nahrung zurück. Wir haben Mitte der 90er Jahre mit Kollegen eine ähnliche Studie zu PCBs durchgeführt, und wenn man diese alte Studie jetzt mit der neuen von uns vergleicht, dann wird klar: Die Belastung in der Muttermilch hat stark abgenommen. Aber Sie haben prinzipiell recht: Noch heute fahnden verschiedene Institutionen in Deutschland nach PCBs oder Dioxinen in den Nahrungsmitteln, und das ist natürlich ganz wichtig.






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