Fukushima und der Einsatz in Libyen zeigen: Die Welt als Solidargemeinschaft ist intakt.

Es gibt ein Bewusstsein für diese eine, gemeinsame Welt. Wir haben gelernt, das Augenmerk und die Gefühle auf ferne Punkte zu richten, an denen wir selbst vielleicht noch gar nie waren. Wir lassen die Ferne nah an uns heran. Wir fühlen uns zuständig. Das ist die emotionale Zoomleistung der Medien und die Wirkungsmacht der Bilder. Sie heben die Entfernung auf und damit die Gleichgültigkeit. Von der empathischen Zivilisation spricht der Soziologe Jeremy Rifkin.

Die aufwühlenden Geschehnisse in Japan und in Libyen sowie die weltweite Anteilnahme am Los der Betroffenen bezeugen dieses Phänomen. Es gibt ein globalisiertes Empfinden, eine neue Form von Weltbürgerschaft, begünstigt durch die Möglichkeiten digitaler Vernetzung. Das ist erfreulich und wert, im Sog düsterer Schreckensmeldungen festgehalten zu werden. Die Welt ist nicht aus den Fugen. Sie rückt zusammen. Das Ferment hält.

Natürlich muss sich das empathische Bewusstsein kritische Anfragen an sich selbst stellen lassen. Es ist schön, dass wir uns sorgen, aber bisweilen hatte man das Gefühl, wir sorgten uns mehr um uns als um das Schicksal der Hungernden. Die ausverkauften Geigerzähler und Jod-Packungen zeigten eine anschwellende Selbsthysterisierung an. Auch wuchs sich mancherorts die Anteilnahme zur Angstlust aus, einer sehr europäischen Form der Untergangsbegeisterung. Daher tun wir uns so schwer mit der stillen Würde der Japaner.

Darüber hinaus wäre die Selbsterkundung ratsam, wie nachhaltig die auflodernden Anti-AKW-Gefühle und Parolen tatsächlich sind. Umsteigen und aussteigen, ja, aber das heißt in der Konsequenz: Wende im Kopf und in der Lebensführung, Hinterfragen der Mobilitäts- und Wohlstandsansprüche, sind wir dazu bereit?

Bemerkenswert ist, dass ein globales Unglück allein nicht den Vorrat an Zuwendung absorbiert. Darauf hoffte Gaddafi. Er setzte den Krieg gegen das Volk im medialen Windschatten von Fukushima ruchlos fort. Die Welt ließ ihn nicht gewähren. Das ist gut so. Wo ein Staat sein Volk nicht schützt, muss es die internationale Gemeinschaft tun. Ein Völkermord wie in Ruanda oder Bosnien darf sich nicht wiederholen. Zudem wäre ein geduldetes Niederbomben der Freiheitsbewegung durch das Regime eine fatale Handlungsanleitung für die verbliebenen Despoten in Arabien gewesen.

Dass sich Deutschland entzieht und nicht einmal die UNO-Resolution unterfertigte, ist ein politisches und diplomatisches Blackout ersten Ranges. Zwischen Freiheit und Diktatur neutral in Deckung zu gehen, diese Haltung kennt man sonst nur vom kleinen Nachbarn.