Russisch-orthodoxe Kirche
Seit westliche Länder 2014 finanzielle Sanktionen gegen russische Banken und Unternehmen verhängten, läuft in Russland eine wichtige Debatte. Es geht um einen Vorschlag des Moskauer Patriarchats der Orthodoxen Kirche, der in vielen Aspekten islamischen Modellen für ein zinsfreies Bankwesen ähnelt. Erstmals vorgestellt wurde der Vorschlag im Dezember 2014 auf dem Höhepunkt der Rubel-Krise und angesichts des freien Falls des Ölpreises.

Im August erhielt die Idee Rückenwind durch die Unterstützung der russischen Industrie- und Handelskammer. Sie könnte die Geschichte zum Besseren wenden, sofern richtig gehandelt und der richtige Weg eingeschlagen wird. Schon vor etwa 20 Jahren, während der Ära Jelzin, inmitten des Chaos von Hyperinflation und IWF-»Schocktherapie« in Russland, unterbreitete die Russisch-Orthodoxe Kirche einen ähnlichen Alternativvorschlag für ein zinsfreies Bankwesen.

Damals behielten russische Freimarkt-freundliche Ökonomen wie Jegor Gaidar die Oberhand. Sie ermöglichten es westlichen Banken, Hedgefonds und Unternehmen, Russlands staatliche Vermögenswerte buchstäblich zu plündern. Bei meinem ersten Russlandbesuch im Jahr 1994, bei dem ich an einem russischen Wirtschaftsinstitut einen Vortrag über die Schocktherapie des IWF hielt, sah ich mit eigenen Augen, wie die gesetzlose Mafia - russkaya mafiya - in nagelneuen Mercedes-600-Limousinen ohne Nummernschilder über die fast leere Twerskaja-Straße nahe dem Roten Platz brauste.

Es war eine verheerende Zeit für Russland; Washington und die Technokraten beim IWF wussten genau, was sie taten, um das Chaos zu schüren.

US-Sanktionen fokussieren die Aufmerksamkeit

Inzwischen hat sich in Russland viel verändert. Die Vernarrtheit in alles Amerikanische ist verständlicherweise verschwunden. Die Finanzsanktionen des US-Finanzministeriums wurden 2014 schrittweise gegen einzelne Personen im Umkreis von Präsident Putin sowie gegen spezifische, von Auslandskrediten abhängige Banken und Unternehmen verhängt.

Sie erzwangen bei russischen Intellektuellen, in Regierungskreisen und im Kreml selbst ein kritisches Umdenken.

Die Attacken aus Washington, rechtlich gesehen kriegerische Akte gegen ein souveränes Land, wurden vom Office of Terrorism and Financial Intelligence des US-Finanzministeriums verhängt. Es ist die einzige Finanz-Regierungsinstitution weltweit mit einem hauseigenen Geheimdienst.

Gegründet wurde das »Office« unter dem Vorwand, Vermögenswerte und Bankkonten von Drogenkartellen und Terroristen aufzuspüren und einzufrieren - wobei es sich offenbar seltsam ungeschickt anstellt, wenn wir es nach dem bisherigen Verhalten gegenüber Gruppen wie ISIS oder al-Qaida im Irak beurteilen.

Viel besser geht es wohl gegen »unerwünschte Länder« wie den Iran oder Russland. Die Behörde unterhält Büros in der ganzen Welt, einschließlich Islamabad und Abu Dhabi. Die Finanzkriegs-Sanktionen des US-Finanzministeriums und die Aussicht, dass alles noch viel schlimmer kommen wird, haben in Russland zu einer intensiven Debatte darüber geführt, wie das Land vor weiteren Attacken geschützt werden kann.

Die Verletzlichkeit des eigenen Bankensystems durch westliche Sanktionen hat Russland veranlasst, genauso wie China eine eigene interne Version des SWIFT-Interbanken-Zahlungsverkehrs zu entwickeln. Jetzt stehen das Geld selbst und die Kontrolle darüber im Mittelpunkt der Debatte.

Unorthodoxer orthodoxer Vorschlag

Im Januar 2015, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, als der Rubel innerhalb weniger Monate die Hälfte seines Wertes verloren hatte und der Ölpreis sich im freien Fall befand, brachte das Moskauer Patriarchat seine Idee erneut auf den Tisch. Dmitri Lubomudrow, Rechtsberater der Orthodoxen Kirche, erklärte damals vor Medienvertretern: »Uns wurde klar, dass wir nicht längervom westlichen Finanzsystem abhängig sein können, sondern ein eigenes entwickeln müssen.

Wie bei dem islamischen System wird sich auch das orthodoxe nicht nur auf das Gesetz gründen, sondern auch auf orthodoxe Moral, und es wird ein Angebot an Geschäftsleute, die in der Krise nach Sicherheit suchen.« Wesentliche Merkmale seien die Vergabe zinsloser Kredite und ein Verbot von Investitionen in Spielbanken und andere Vorhaben, die gegen kirchliche Moralvorstellungen verstoßen.

Anfang August erhielt der orthodoxe Plan für zinsfreie Geldschöpfung wichtige weitere Unterstützung. Sergei Katirin, Direktor der russischen Industrie-und Handelskammer, gab nach einem Treffen mit Wsewolod Tschaplin, dem Erzpriester der Orthodoxen Kirche und Vorsteher des Projekts, bekannt:

»Die Industrie- und Handelskammer unterstützt die Bildung des orthodoxen Finanzsystems ... und ist bereit, gemeinsam mit den zuständigen Ausschüssen der Kammer ihre Plattform für eine detaillierte professionelle Diskussion über diese Fragen zu öffnen.« Der Vorschlag zielt darauf, Russlands Abhängigkeit vom westlichen Bankensystem zu reduzieren - eine wichtige Voraussetzung für die wirtschaftliche Sicherheit des Landes.

Ähnlich wie islamische Bankenmodelle, die Wucher verbieten, würde das orthodoxe Finanzsystem keine Zinsen für Kredite zulassen. Teilnehmer teilen Risiken, Gewinne und Verluste. Spekulatives Verhalten sei verboten, genauso wie Investitionen in Glücksspiel, Drogen und andere Unternehmen, die orthodoxen Werten zuwiderlaufen. Es gebe eine neue risikoarme Bank- oder Kreditorganisation, die die Aufsicht über alle Transaktionen führt, sowie Investmentfonds oder Unternehmen, die Investoren verschaffen und Projektfinanzierung vermitteln. Operationen mit aktivem finanziellen Risiko würden explizit gemieden. Vorrang habe die Sicherstellung der Finanzierung des Realsektors der Wirtschaft, betonte ein Sprecher.

Interessanterweise hat Tatarstan, Russlands größte islamische autonome Republik, kürzlich erstmals den islamischen Bankbetrieb in Russland eingeführt; dies wurde von German Gref, dem Chef der staatlichen Sberbank - Russlands größter Bank - ausdrücklich unterstützt.

Im Mai dieses Jahres sprach er von einem wichtigen Instrument angesichts der derzeitigen Probleme mit der Mittelbeschaffung auf internationalen Märkten. Im Juli unterzeichneten die Sberbank und die Republik Tatarstan einen Kooperationsvertrag im Bereich islamischerFinanzierung. Unter Zar Alexander III. und seinem Finanzminister Nikolai Bunge errichtete Russland Anfang der 1880er Jahre die Landbank, die den Bauern, die Alexander II. 1861 aus der Leibeigenschaft entlassen und mit Land versorgt hatte, zinslose Darlehen gab.

Die Landbank investierte in die Modernisierung der russischen Landwirtschaft; die Bauern bezahlten für Darlehen nur eine kleine Bearbeitungsgebühr. Das Ergebnis war ein so spektakulärer Anstieg der Produktion von Weizen und anderem Getreide, dass Russland bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs zum »Brotkorb« für die Welt wurde. Die Produktion lag um ein Viertel höher als die addierte Produktion der USA, Argentiniens und Kanadas.

Glasjew-Vorschläge

Das orthodoxe Modell rückt in Russland genau in dem Moment wieder ins Zentrum, wo Sergei Glasjew, einer von Putins Wirtschaftsberatern, der den Präsidenten über die Ukraine und die Beziehungen zu den anderen Mitgliedsländern der Eurasischen Wirtschaftsunion berät, einen Plan vorlegt, wie Russlands wirtschaftliche und finanzielle Sicherheit verbessert werden kann.

Der Plan geht davon aus, dass die Finanzsanktionen und jetzt auch der militärische Druck vonseiten Washingtons und der NATO kein launenhaftes, zufälliges Ereignis sind, sondern eine fest verankerte Strategie, eines der zwei Länder zu schwächen und wirtschaftlich zu vernichten, die einer globalen Neuen Weltordnung der USA im Wege stehen.

Im Mai 2014, wenige Wochen bevor die Obama-Regierung gezielte Sanktionen gegen wichtige russische Persönlichkeiten, Banken und Energieunternehmen verhängte, gab Glasjew der russischen Finanzzeitung Wedomosti ein Interview, in dem er mehrere wohlüberlegte Verteidigungsmaßnahmen vorschlug.

Einige davon sind inzwischen Politik, darunter ein Kredit- und Währungsswap mit China zur Finanzierung wichtiger Importe und die Abrechnung in der jeweiligen Landeswährung - Rubel und RMB - sowie die Schaffung eines russischen Interbanken-Informationsaustauschsystems analog zu SWIFT für Zahlungen und Abrechnungen innerhalb der Eurasischen Wirtschaftsunion und mitanderen Ländern.

Ein strategisch wichtiger Vorschlag Glasjews, der Staat solle den Export von Gold, Edelmetallen und Seltenen Erden stoppen und die Zentralbank solle Goldbergwerke im Besitz ausländischer Gesellschaften aufkaufen, um eine Goldreserve aufzubauen, wurde leider von Zentralbankchefin Elwira Nabiullina abgelehnt. Vor der Duma erklärte sie: »Wir halten ein Moratorium für Goldexporte nicht für notwendig. Wir sind in der Lage, genügend Gold zu kaufen, um unsere Gold- und Währungsreserven zu diversifizieren.«

Nabiullina wird von Mitgliedern der Duma dafür kritisiert, den Aufbau der Goldreserven für den Rubel zu langsam zu betreiben. Russland ist heute nach China der zweitgrößte Goldproduzent der Welt; die chinesische Zentralbank hat in den letzten Jahren fieberhaft die Goldreserven aufgebaut. Angeführt von der Federal Reserve setzen westliche Zentralbanken, seit die Golddeckung des Dollar im August 1971 aufgehoben wurde, weltweit alles daran - einschließlich offener Marktmanipulation - Gold-Reservewährungen zu entmutigen.

Am 15. September 2015 unterbreitete Glasjew dem russischen Sicherheitsrat eine Reihe neuer Vorschläge, um, wie er sagte, die Verletzlichkeit durch westliche Sanktionen in den nächsten fünf Jahren zu reduzieren und die Grundlagen für langfristiges Wachstum und wirtschaftliche Souveränität zu legen.

Unter anderem schlug er die Gründung eines dem russischen Präsidenten unterstellten staatlichen Komitees für strategische Planung vor, zusammen mit einem staatlichen Komitee für wissenschaftliche und technologische Entwicklung nach dem Vorbild eines Systems, das der Iran in den 1990er Jahren entwickelt hatte, nachdem westliche Länder Sanktionen verhängt hatten.

Die erste Maßnahme, die Bildung eines Komitees für strategische Planung, erinnert an das erfolgreiche französische Modell der Planification unter Charles de Gaulle. Es gilt als Motor, der Frankreich von einer stagnierenden bäuerlich dominierten Wirtschaft bis Anfang der 1970er Jahre in ein modernes, innovatives Industrieland verwandelte.

In den 1960er Jahren gab es in Frankreich das Commissariat général du Plan, dem die Aufsicht über die gesamte Wirtschaft oblag, um kritische Schwächen auszumachen, die im Interesse der Gesamtentwicklung des Landes behoben werden mussten. Das Commissariat setzte die Ziele fürdie jeweils nächsten fünf Jahre. Mitglieder waren hohe Beamte, die sich mit Wirtschaftslenkern, Gewerkschaften und anderen berieten. Jeder vorgeschlagene Plan wurde dem Parlament zur Abstimmung oder Änderung vorgelegt.

Der entscheidende Unterschied zwischen Frankreichs Fünfjahres-Planification und dem sowjetischen Modell der zentralen Fünfjahresplanung bestand darin, dass das französische Modell indikativ und nicht imperativ war wie der sowjetische Fünfjahresplan. Private oder staatliche Unternehmen konnten sich frei für einen Sektor wie beispielsweise den Eisenbahnbau entscheiden, in dem Wissen, dass der Staat die Investition mit Steueranreizen oder Subventionen unterstützte, um das Risiko zu senken und sie attraktiv zu machen.

Das funktionierte bis Mitte der 1970er Jahre, als die massiven Ölschocks und zunehmende supranationale Einmischung durch Brüssel die Umsetzung erschwerten. Glasjews detaillierter Vorschlag umfasst weitere Bereiche, der interessanteste ist sein Vorschlag, Ressourcen der Zentralbank für gezielte, niedrig verzinste Darlehen (ein bis vier Prozent) an Unternehmen und Industriezweige einzusetzen.

Ermöglicht werden soll dies durch eine quantitative Lockerung in der Größenordnung von 20 Billionen Rubel über einen Zeitraum von fünf Jahren. Außerdem solle der Staat private Unternehmen durch die Schaffung von »reziproken Obligationen« für den Kauf von Produkten und die Gewährung von Dienstleistungen zu vereinbarten Preisen unterstützen.

Russland befindet sich in einem faszinierenden Prozess des Umdenkens über alle Aspekte des wirtschaftlichen Überlebens angesichts der Realität der westlichen Attacken. Es könnte zu einer sehr gesunden Transformation der gefährlichen Fehler des angloamerikanischen Freimarkt-Bankensystems führen.