Einheimische ahnten Böses, als am 22. November vergangenen Jahres der Himmel über Grönland plötzlich aufklarte. Er leuchtete metallisch blau.
Wenige Stunden später ging es los. Eine unsichtbare Lawine überfiel Grönlands Küste, eine brachiale Sturzflut eiskalter Luft. Mit 250 Kilometern pro Stunde schleuderte sie Boote umher, die in den Hafenwerften von Tasiilaq aufgebockt waren, der mit 2100 Einwohnern größten Stadt im Osten des Landes.
Die Bewohner hatten sich in ihren Häusern verbarrikadiert, doch der Sturm, ein sogenannter Piteraq, schlug Löcher in manche Holzbauten. Piteraq bedeutet: "Das, was einen überfällt".
Keine Chance haben meist jene, die vor den minus 20 Grad kalten Stürmen nicht in beheizte Häuser fliehen können. Betrunkene etwa, die im Freien schlummern. Oder jene, die auf Wanderung in den gebirgigen Weiten Grönlands von einem Piteraq überrascht werden.

Was geschah im Februar 1970?
Noch heftiger blies es am 5. Februar 1970. Am Nachmittag schredderten Böen von mehr als 300 km/h so viele Holzhäuser in Tasiilaq, dass überlegt wurde, den Ort aufzugeben. "Südgrönland ist von einem unheimlichen Orkan heimgesucht worden", titelte ratlos das Hamburger Abendblatt. Was wirklich passiert war, wusste niemand.
Noch heute sind die unheimlichen Grönlandstürme kaum erforscht. Die Einheimischen helfen sich traditionell mit einer simplen Regel: Klart der Himmel plötzlich auf, sodass er metallisch blau leuchtet, könnte es bedrohlich werden.
Nur in einem alten grönländischen Schulbuch habe sie genauere Erläuterungen zu Piteraqs gefunden, erzählt Marilena Oltmanns vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Nach der Analyse von mehr als 200 der rätselhaften Stürme hat sie nun eine Erklärung des zerstörerischen Naturphänomens vorgelegt.
Auf Satellitenfotos Grönlands war ihr Seltsames aufgefallen: Von einem Tag auf den anderen waren eben noch zugefrorene Fjorde Grönlands plötzlich eisfrei. "Sie waren wie leergefegt", staunte Oltmanns. Was ging vor?
Die junge Forscherin hat erkundet, warum die Stürme in Grönland dermaßen stark aufdrehen können, und sie hat ihre Ergebnisse jetzt zusammengefasst: Sie entdeckte Verstärkungseffekte, die aus Wind Sturm machen - und aus Sturm einen Eisorkan, der stärker wütet als die meisten Hurrikane.
Das Unheil kündigt sich an mit einem T auf der Wetterkarte, also einem Tiefdruckgebiet. Zieht es südöstlich von Grönland nordwärts, ist größte Vorsicht geboten - dann steht mit dem Tief eine Sturmturbine bereit.

Der hohe Luftdruck sucht sich einen Abfluss. Ein nahes Tief kommt gerade recht: Es saugt die Eisluft von Grönland aufs Meer - der Wind frischt auf. Warum aber, fragte sich Marilena Oltmanns, kann die Brise zu einem Kaltluftüberfall beschleunigen, zum Piteraq?
Wie eine Kugel im Gewehrlauf
Der Blick auf die Daten grönländischer Wetterstationen machte sie misstrauisch: Bei Piteraqs registrierten die Instrumente ganz unterschiedliche Windstärken, manche maßen selbst bei den heftigsten Unwettern nur mäßigen Sturm, andere Geräte hingegen waren vom Sturm zerfetzt worden. Oltmanns Folgerung: Die Stürme werden örtlich verstärkt.
In der wissenschaftlichen Literatur stieß die Forscherin auf ein erstaunliches Phänomen, das das Geschehen in Grönland erklären könnte: Kalte Luftmassen, die Gebirge hinabstürzen, brechen wie Wellen in der Brandung. Sobald sie wie Brecher am Strand in sich zusammenkrachen, beschleunigen sie mit extremer Wucht.

Am stärksten stürmen Piteraqs demnach an der Küste. Ihre Gewalt könne das Eis vor der Küste zertrümmern und aufs offene Meer drücken, meint Marilena Oltmanns. Kein Wunder also, dass die Fjorde dann leergefegt sind.
Die größte Gefahr besteht in Küstenorten, die unterhalb der Klippen und am Ende der Täler liegen. "Ein Piteraq", sagt Oltmanns, "kollidiert dort regelrecht mit einer Siedlung."




Kommentar: Es wäre interessant zu Wissen, wie dieses Phänomen mithilfe des elektrischen Universums erklärt werden könnte.
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