Peking. China hat das weltgrößte Hochgeschwindigkeitsnetz. Doch der rasante Ausbau der Superzüge verursacht technische Probleme. Das Zugunglück nach einem Blitzschlag löst eine Sicherheitsdebatte aus.
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Einer der Waggons liegt zertrümmert am Boden, ein zweiter hängt schräg an der Brücke.

China hat das weltgrößte Hochgeschwindigkeitsnetz. Doch der rasante Ausbau der Superzüge verursacht technische Probleme. Das Zugunglück nach einem Blitzschlag löst eine Sicherheitsdebatte aus.

Das Zugunglück mit 43 Toten und 210 verletzten Passagieren markiert den bislang größten Rückschlag für Chinas ehrgeizige Pläne zum Ausbau seines Hochgeschwindigkeitsnetzes. Im Osten des Landes waren am Samstag zwei Hochgeschwindigkeitszüge mit rund 1400 Passagieren aufeinandergeprallt.

Unter den Toten seien auch zwei Ausländer, berichteten lokale Medien. In einem Gewitter war einer der beiden Züge nach einem Blitzschlag nicht mehr zu steuern, er stoppte. Der folgende Hochgeschwindigkeitszug versuchte noch eine Notbremsung, prallte aber voll auf. Sechs Waggons mit rund 600 Passagieren entgleisten. Zwei stürzten 30 Meter tief von einer Brücke. Ein Waggon blieb senkrecht an der Eisenbahnbrücke hängen.

Das Unglück passierte nahe der Stadt Shuangyu (Provinz Zhejiang) auf der Strecke von Hangzhou nach Fuzhou in Südostchina. "Der Zug hielt mehr als 20 Minuten. Die Schaffner sagten, es sei wegen eines Blitzeinschlags", erzählte eine Frau. "Kurz nachdem der Zug langsam wieder angefahren war, spürte ich einen schweren Schlag und der Strom war weg." In der Dunkelheit habe sie ihre leicht verletzte Tochter unter einem Sitz gefunden.

600 Feuerwehrleute waren im Einsatz. Die Rettungstrupps mussten Schneidegeräte und Kräne einsetzen. Viele Passagiere waren eingeklemmt. "Wir waren mehr als eine Stunde im Wagen eingeschlossen, bis fünf von uns ein Fenster aufbrechen und rausklettern konnten", sagte ein Verletzter. Sie hätten auch einen alten Mann aus dem Zug gezogen, der aber eine halbe Stunde später gestorben sei.

Über Handys riefen Zuginsassen in Kurzmeldungen um Hilfe. "Bitte helft mir! . . . Hilfe! Hilfe!", schrieb ein eingeschlossenes Opfer. "Ich habe solche Angst." Wegen der hohen Zahl der Verletzten riefen Krankenhäuser im nahe gelegenen Wenzhou zu Blutspenden auf.

Nach dem tödlichen Unglück äußerten viele Chinesen im Internet ihre Sorge über die Sicherheit des Hochgeschwindigkeitsnetzes. Mit 8000 Kilometern ist es das größte der Welt. Es soll bis 2015 auf 16 000 Kilometer verdoppelt werden. Das Programm mit den 350 Stundenkilometer schnellen Superzügen, das viele Milliarden verschlingt, war schon vorher in die Kritik geraten.

Besonders die im Juni eröffnete, 1300 Kilometer lange Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Peking und Shanghai machte wegen technischer Probleme und Stromausfällen nach Blitzschlägen von sich reden. Reisende mussten erhebliche Verspätungen erdulden oder Züge wechseln. Vor gut einer Woche musste sich ein Sprecher des Eisenbahnministeriums für die Unannehmlichkeiten entschuldigen.

Hintergrund der Debatte ist auch der Korruptionsskandal um Eisenbahnminister Liu Zhijun, der im Februar abgesetzt worden war. Bei der Auftragsvergabe für das Bahnnetz sollen er und leitende Beamte mitkassiert haben. Allein in diesem Jahr sind 75 Milliarden Euro Investitionen für die Bahn geplant.

Nach der Ablösung des Ministers wurde entschieden, aus Sicherheitsgründen das Tempo für die Strecke nach Shanghai von geplanten 350 Stundenkilometern im ersten Jahr zunächst auf 300 zu drosseln. Die Fahrt von Peking dauert damit fünfeinhalb Stunden. Wegen der Anlaufprobleme und der hohen Fahrpreise sind viele enttäuschte Passagiere wieder aufs Flugzeug umgestiegen. Da die Auslastung sinkt, werden ab heute zunächst zwei Züge vom Fahrplan gestrichen.

dpa