Im Nordosten Indiens erkranken jedes Jahr Dutzende Kinder an einer mysteriösen Krankheit: Sie krampfen und zittern, viele von ihnen sterben. Nach langer Suche finden Ärzte den Grund für das Leiden - in Form einer unscheinbaren Frucht.
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Den kleinen Patienten in der indischen Stadt Muzaffarpur geht es schlecht. Sie krampfen, zittern und leiden unter Sinnesstörungen. Viele der Kinder erkranken über Nacht. Scheinbar aus dem Nichts entwickeln sie Symptome. Und auch die Eltern der betroffenen Kinder stehen vor einem Rätsel: Weil sie abends einen gesunden Sohn oder eine gesunde Tochter zu Bett brachten und Stunden später um das Leben ihrer Liebsten bangen müssen.

Das mysteriöse Leiden verängstigt nicht nur die Eltern im Nordosten Indiens - auch die Ärzte sind angesichts der Krankheit ratlos. Oft können sie den kleinen Patienten nicht mehr helfen. Sie sterben an den Folgen der Erkrankung: an den Krampfanfällen, der Bewusstlosigkeit und einer Schwellung des Gehirns, Encephalopathia genannt.

Allein im Zeitraum von Ende Mai bis Mitte Juli 2014 werden 390 Kinder in die zwei Kliniken der Stadt Muzaffarpur eingeliefert. 122 Todesopfer sind in diesen drei Monaten zu beklagen. Es sind viele Opfer, viel zu junge Opfer. Und das Sterben nimmt kein Ende. Jahrelang geht das so.

Ab Mitte Mai erkranken die Kinder

Auffällig ist: Das mysteriöse Leiden taucht immer nur zu einer bestimmten Jahreszeit auf. Die ersten Kinder erkranken meist Mitte Mai, wenn über dem Land eine sengende Hitze liegt. Im Juli - mit Beginn des Monsuns - nehmen die Krankheitsfälle dann ein plötzliches Ende. Eltern und Ärzte können aufatmen, bis zum kommenden Frühjahr.

Mitte der Neunzigerjahre widmeten sich Forscher zum ersten Mal dem mysteriösen Massensterben. Es lag nahe, dass das Leiden mit dem Wetter zu tun hatte. Einige Wissenschaftler mutmaßten deshalb, die Kinder könnten an Überhitzung gestorben sein. Andere brachten das Leiden mit Krankheitserregern in Verbindung. Auch die Spritzmittel, die großflächig auf den Plantagen der Region versprüht wurden, standen in der Kritik. Die Region um Muzaffarpur zählt zu den größten Anbaugebieten des Landes.

Doch die Ermittlungen verliefen im Sand, die wahre Ursache blieb unentdeckt. Bis jetzt.

Ein US-amerikanisches und indisches Forscherteam ist dem rätselhaften Phänomen auf die Schliche gekommen und hat das Ergebnis ihrer Studie diese Woche im Fachblatt The Lancet Global Health veröffentlicht. Demnach ist eine kleine, unscheinbare Frucht für das Massensterben verantwortlich: die Litschi.

An sich ist die Frucht unbedenklich, doch unter bestimmten Bedingungen birgt sie eine tödliche Gefahr: Nämlich dann, wenn sie von unterernährten Kindern auf leeren Magen gegessen wird. Litschis enthalten Giftstoffe, die den Körper daran hindern, Glukose zu bilden. Werden sie von Kinder gegessen, deren Blutzucker ohnehin niedrig ist, weil sie nicht ausreichend gegessen haben, kann der Blutzuckerspiegel in den Keller rauschen.

Tatsächlich handelte es sich bei den meisten Opfern um Kinder aus sozial schwachen Familien. Sie hatte Litschis gegessen, die von den Bäumen auf den Boden gefallen waren.

"Es war eine sehr belastende Situation", erklärte der an der Studie beteiligte Arzt Rajesh Yadav gegenüber der New York Times. "Wir wurden Zeuge davon, wie Kinder vor unseren Augen starben, sobald sie das Krankenhaus erreicht hatten."

Verbindung zu ähnlicher Krankheitsserie auf Jamaika

Auf die richtige Spur kamen die Forscher durch einen Zufall: Während einer Telefonkonferenz im Jahr 2013 erwähnte ein Kollege eine ähnliche Serie von Krankheitsfällen auf Jamaika. Die Symptome dort wurden durch den Verzehr der Akee-Frucht ausgelöst. Sie enthält die Aminosäure Hypoglycin, die den Körper daran hindert, Glukose zu bilden. Tests ergaben, dass auch die botanisch eng verwandte Litschi-Frucht Hypoglycin enthält.

Mit dieser Information wandten sich die Ärzte 2015 an die Öffentlichkeit: Sie empfahlen Eltern, den Litschi-Konsum einzugrenzen und betonten, wie wichtig das Abendessen für Kinder sei. Außerdem wurden Ärzte angehalten, den Glukosespiegel ihrer jungen Patienten im Auge zu behalten, sobald sie kritische Symptome zeigten.

Die Maßnahmen zeigten bald erste Erfolge. Mittlerweile erkranken nur noch wenige Kinder an dem Leiden, das einst so viele Todesopfer gefordert hat.