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Intensivkrankenschwester klagt an: „Wenn auf Normalstation etwas nicht läuft, fällt das oft nicht auf.“
Überlastete Pflegekräfte, vernachlässigte Patienten, multiresistente Keime, mangelnde Hygiene - das sind nur einige derzeit diskutierte Schlagworte. Was läuft schief in Deutschlands Krankenhäusern? FOCUS Online hat mit einer Intensivkrankenschwester gesprochen.

Wer ins Krankenhaus kommt, möchte umsorgt werden. Das ist in Deutschland aber längst nicht mehr überall der Fall. Das schildert auch Krankenschwester Tatjana im Gespräch mit FOCUS Online. Ihren echten Namen möchte sie in diesem Artikel nicht genannt haben - sie fürchtet um ihren Job. Dennoch ist es ihr ein Anliegen, die Missstände anzusprechen - zum Wohl der Patienten.

Seit 2009 arbeitet Tatjana als Intensivkrankenschwester auf einer großen Station mit 15 Betten. Besonders empört sie: „Es landen immer mehr Patienten auf der Intensivstation als notwendig wäre.“

Schuld daran seien die dramatischen Zustände auf den Normalstationen. Die Pfleger dort hätten schlicht zu wenig Zeit, sich, so wie es notwendig wäre, um ihre Patienten zu kümmern. „Sie arbeiten nur noch nach Plan“, erzählt Tatjana. „Wenn etwas nicht läuft, fällt das oft nicht auf.“ Da werden Verbände teilweise fünf Tage lang nicht gewechselt, obwohl sie bereits feucht sind. Oder Katheter werden im Körper der Patienten vergessen.

Werden solche Vorfälle nicht gemeldet? Offenbar schon. Krankenpfleger und -schwestern tun das - auch, um sich zu schützen. Dafür gebe es so genannte Überlastungsanzeigen, die auch direkt an die Geschäftsleitungen gehen. Reaktion darauf? Fehlanzeige, sagt Tatjana.

Viele Intensivfälle sind unnötig

Besonders schlimm trifft es die Patienten, die selbst keine Unterstützung einfordern können. So wie der 70-jährige Mann, der mit Blutvergiftung auf Tatjanas Station landete. Der Grund: Der Venenkatheter, also der Zugang, über den Medikamente verabreicht werden, war seit 20 Tagen nicht gewechselt worden. „Eigentlich müssten die Krankenpfleger den nach zehn Tagen wechseln“, erklärt die Intensivkrankenschwester. „Das wurde allerdings übersehen. Oder einfach falsch dokumentiert.“ Das sei bei der Überlastung der Kollegen kein Wunder.

Der Patient bekam eine Antibiotika-Behandlung, um die Keime in seiner Blutbahn abzutöten. Etwa einmal alle ein bis zwei Monate komme es nach Einschätzung unserer Interviewpartnerin in ihrem Krankenhaus vor, dass jemand unnötig zum Intensivfall werde.

Tatsächlich ist die Zahl der Behandlungsfälle in der intensiv-medizinischen Versorgung von 1.964.532 im Jahr 2005 auf 2.150.568 zehn Jahre (Daten www.gbe-bund.de) später gestiegen.

Die Überlastung der Pflegekräfte sei allerdings nur ein Problem. Ein weiteres sehr großes seien Hygienemängel.

Diese Hygienemängel beklagt die Krankenschwester

Oft habe das Personal keine Zeit Patienten aufzuklären. Sie und ihre Angehörigen wissen also nicht, wie wichtig die Desinfektion auch für sie ist. Einer Studie zufolge sterben in Europa hochgerechnet mehr als 90.000 Patienten pro Jahr an Krankenhausinfektionen. Außerdem würden sich auch Ärzte häufig nicht an einfache Hygieneregeln halten. „Sie setzen sich mit ihrem Kittel auf das Bett der Patienten oder hängen ihre Arbeitsjacke an die Tür“, berichtet Tatjana kopfschüttelnd. Dadurch verteilen sich Keime unkontrolliert.

Extrem problematisch seien auch Putzkräfte, die schlecht oder gar nicht Deutsch sprechen. Darum verstehen sie häufig nicht, mit welchem Putzmittel welche Erreger bekämpft werden müssen. Zur weiteren Verbreitung unerwünschter multiresistenter Keime „tragen Patienten mit multiresistenten Keimen (MRSA) bei, weil sie in der Operationsreihenfolge mit anderen gemischt werden“, sagt Tatjana. Dazwischen fänden nicht die notwendigen Reinigungen statt, weil oft niemand auf dem Schirm habe, dass es ein MRSA-Patient war.

Krankenhausinfektionen verursachen 15.000 Todesfälle im Jahr

Untersuchungen bestätigen diese persönlichen Erfahrungen.

Die Forscher um Alessandro Cassini vom Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) gehen von mehr als 2,5 Millionen Infektionen aus, die sich Patienten erst in einer Klinik zuzogen.

Sie hatten in die Studie sechs häufige Krankenhausinfektionen aufgenommen. Dazu zählen Lungenentzündungen, Sepsis (Blutvergiftung) sowie Harnwegs- und Wundinfektionen, wie die Forscher im Fachblatt Plos Medicine berichteten.

Die Studie ist in meinen Augen die beste, die ich zu diesem Thema gesehen habe, sagte Petra Gastmeier, Direktorin des Nationalen Referenzzentrums zur Überwachung von Krankenhausinfektionen an der Berliner Charité.

Für Deutschland schätzt Gastmeier die Zahl der Krankenhausinfektionen pro Jahr auf rund 500.000. Diese verursachen geschätzt bis zu 15.000 Todesfälle. Ein Drittel der Krankenhausinfektionen gilt als vermeidbar - zum Beispiel durch bessere Hygiene.

Da stellt sich die Frage, warum Krankenschwestern wie Tatjana die Hygiene immer noch beklagen müssen. Viele der Missstände in ihrem Krankenhaus seien der Geschäftsleitung bekannt, sagt die Intensivschwester. Es folge zuerst immer mehr Dokumentation und dann Pflichtfortbildungen - die fänden dann nach einem anstrengend Arbeitstag statt.

Das müsste sich in Deutschland ändern

Bevor Tatjana wieder auf Normalstation arbeiten würde, würde sie eher den Beruf wechseln, sagt sie. Denn dort „werden die Pfleger verheizt“. Zwar schiebt auch die 28-Jährige inzwischen 70 Überstunden vor sich her. Doch immerhin seien ihre Schichten geregelt.

Ihr dringendster Wunsch an Gesundheitsminister Hermann Gröhe: eine Patientenobergrenze für Pflegekräfte. Das Bundeskabinett hat die Einführung einer solchen am 5. April auf den Weg gebracht. Ein Verhältnis von 1:8, also ein Pfleger für acht Patienten, fände die Krankenschwester angebracht. Dann könnten die Kranken gut umsorgt werden.

Mit Material der dpa