Köln - Eigenartig. Als der Friedensmarsch der Muslime gegen Terror und Gewalt am Samstag gegen 16 Uhr auf der Komödienstraße am Dom stoppt, hunderte Hände der Kathedrale entgegenwinken, ist der emotionale Höhepunkt der Demo erreicht. Irgendwie haben es die Kölner mit ihrem unerschütterlichen Optimismus und ihrer manchmal verhängnisvollen Leichtigkeit wieder geschafft, mit einer Kundgebung, die nur tausend Menschen auf die Beine bringt, ein Zeichen zu setzen.
© Arton Krasniqi, KSTA
Weniger Teilnehmer als erwartet zogen am Samstag bei der Friedensdemo durch Köln.
„Menschen aller Länder, Hand in Hand, gegen den Terror in jedem Land“, skandiert die Menge, während zahlreiche Touristen von der Balustrade über ihnen herunterblicken und so den Eindruck verstärken, als sei ganz Köln auf den Beinen. Dabei sind die Organisatoren heilfroh, dass sich dem Marsch durch die Innenstadt doch noch einige hundert Menschen angeschlossen haben.

Deutliche Kritik an der Ditib

Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und Mit-Initiatorin der Kundgebung, hatte drei Stunden zuvor beim Auftakt auf dem Heumarkt angesichts der gähnend leeren Fläche doch ein paar Kopfschmerzen, dass sich der Friedensmarsch im samstäglichen Einkaufsgedränge in der City verlieren könne. Anmerken lässt sie sich das bei auf ihrer Auftaktrede nicht.

Die muslimische Zivilgesellschaft müsse, egal zu welchem Flügel ihre Vertreter gehörten, „die Islamisten, die meinen, im Namen der Religion töten zu müssen, an den Rand der Gesellschaft zurückdrängen“. Es gehe gar nicht darum, sich ständig und dauernd von den Islamisten distanzieren zu müssen. Das werde von den Muslimen ja mittlerweile ständig verlangt. „Es geht darum, nicht die Extremisten sprechen zu lassen“.
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An die Adresse des größten Islamverbands Ditib gerichtet, der seine Absage auch damit begründet hatte, eine solche Aktion sei im Fastenmonat Ramadan für Muslime unzumutbar, sagt Kaddor: „Wir arbeiten im Ramadan. Wir machen Sport im Ramadan. Also können wir auch auf die Straße gehen. Wir Muslime müssen es schaffen, unseren Jugendlichen zu erklären: Wenn ihr den Weg zu den Islamisten wählt, werdet ihr ausgeschlossen, habt ihr bei uns nichts verloren. So wie junge Neonazis in einer demokratischen Gesellschaft auch nichts zu suchen haben.“

Michael Groschek: Ein erster Schritt

Auch Michael Groschek, Vorsitzender der NRW-SPD, kritisierte das Fernbleiben der Ditib. Die Aktion sei ein „erster Schritt auf einem langen Marsch.“ Sie sei richtig und überfällig. Es gebe ein „Recht auf und eine Pflicht zur Gewaltfreiheit“. Beides sei untrennbar miteinander verbunden. Die NRW-SPD werde ihre Zusammenarbeit mit privaten unabhängigen Islam-Initiativen verstärken.

Für den Kabarettisten Fatih Çevikkollu ist es doch überraschend, „dass die zivilgesellschaftliche Teilhabe doch so schwach ausgefallen ist. Vielleicht braucht es doch die Organisationen und Vereine, die dazu aufrufen.“ Dass das alles nicht so genutzt wurde sei die politische Ebene, die dahinter sichtbar werde. „Das ist schade. Ich bin hier als freier individueller deutsch-türkischer-muslimischer Geist. Und so kann jeder hierherkommen.“
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Fatih Çevikkollu, deutscher Theater-, Film- und Fernsehschauspieler, Komiker und Kabarettist türkischer Abstammung, äußert sich zum Friedensmarsch in Köln gegen islamistischen Hass und Terror.
Er wisse nicht, wie die Strukturen der Verbände aussehen. „Vielleicht ist es ja so, wenn Ditib sich verweigert, dürfen die anderen nicht kommen. Diese Verbände repräsentieren aber nichts.“

Ähnlich sieht das auch Susan Halimeh (38) aus Duisburg, die ursprünglich aus Syrien stammt. „Ich zeige mein Gesicht gegen Hass und Terror und bin sehr enttäuscht, dass nur so wenige Menschen gekommen sind. Die Ditib hat den Hut nicht auf. Das ist möglicherweise der Grund, warum sie sich davon distanziert hat. Ich persönlich hätte aber nicht teilgenommen, wäre der Friedensmarsch von der Ditib organisiert worden.“

Fatih Çevikkollu, deutscher Theater-, Film- und Fernsehschauspieler, Komiker und Kabarettist türkischer Abstammung, äußert sich zum Friedensmarsch in Köln gegen islamistischen Hass und Terror.

Murad M. (31) wird da noch deutlicher. „Ich musste vor 14 Jahren aus dem Irak fliehen, einem Land, in dem Chaos und Krieg herrschen.“ Er hält ein Bild hoch, das verzweifelte Frauen und Kinder im völlig zerstörten syrischen Aleppo zeigt. „Ich habe mein Land verloren. Ich fühle mich hier in Deutschland wohl und möchte allen Menschen zeigen: Das sind keine Muslime, die so etwas machen. Das sind Terroristen.“

Es sei sehr enttäuscht, dass von den fast 100.000 Menschen türkischer Herkunft kaum jemand zum Friedensmarsch gekommen ist. „Das ist heute doch hier ein ganz wichtiger Tag. Es ist sehr traurig, wie wenig Muslime den Mut haben, hier heute ein Zeichen für ihre Religion zu setzen.“