Schon seit einer Woche strömt Öl in die Nordsee - doch der verantwortliche Shell-Konzern informiert die Öffentlichkeit nur spärlich. Details zu dem Leck sind geheim, Angaben über die ausgetretene Ölmenge zweifelhaft. Das Unternehmen hofft, dass die Natur das Problem von selbst löst.
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© DPA/ PAUL WARRENER
Luftaufnahme des ölverschmutzen Meers: In die Nordsee nahe Aberdeen sollen bislang mehr als 200 Tonnen Öl geflossen sein, teilte Shell mit.

Hamburg - Jeden Tag eine kurze Mitteilung auf der britischen Internetseite des Konzerns - auf diese Weise informiert Shell über das Ölleck an einer Förderplattform in der Nordsee, das auch nach fast einer Woche noch nicht geschlossen werden konnte. "Shell gibt nur widerwillig Informationen heraus, das muss sich ändern", sagt Jörg Feddern vom Umweltverband Greenpeace. Der Direktor der Umweltschutzorganisation WWF für Schottland, Richard Dixon, fordert eine öffentliche Untersuchung des Unfalls.

Das Leck vor der schottischen Küste soll bereits am vergangenen Mittwoch entdeckt worden sein, aber erst am Wochenende informierte der Konzern die Öffentlichkeit. Der Technische Direktor von Shell, Glen Cayley, verteidigte die Informationspolitik: Er sagte, man habe erst zuverlässige Erkenntnisse gewinnen wollen. Danach habe Shell die Öffentlichkeit kontinuierlich unterrichtet. Doch seit dem Wochenende überraschte Shell mit erstaunlichen Informationen in diskreter Dosis: Der Konzern setzt beispielsweise auf die Kräfte der Natur, anstatt darauf, das Öl anzusaugen: "Der Ölteppich wird sich im Wellengang zersetzen und die Küste nicht erreichen", teilte Shell mit.

Dann räumte der Konzern doch Probleme ein - allerdings in nebulöser Weise: "Wir haben es mit einer komplizierten Infrastruktur am Meeresboden zu tun, die Lage des kleinen Lecks ist an einem schwierigen Ort, umgeben von Meeresfauna", heißt es in einer Mitteilung des Konzerns. Näher erläutern wollte die Probleme auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE weder die Shell-Niederlassung in Deutschland noch die in Großbritannien. "Es ist eindeutig, das Shell große Schwierigkeiten im Umgang mit seiner undichten Leitung hat", kritisiert WWF-Direktor Dixon.

Spekulationen um die Ölmenge

Ein Unterwasserroboter suche nach dem Leck, teilt Shell auf seiner Internetseite mit. Vermutlich sei ein Ventil undicht. Bislang seien gut 200.000 Liter Öl ausgelaufen. Zum Vergleich: Bei der Ölpest im letzten Jahr im Golf von Mexiko gelangte die 4000fache Menge ins Meer. "Wie viel Öl in der Nordsee jetzt tatsächlich ausgeströmt ist, wissen wir nicht", sagt Feddern vom Umweltverband Greenpeace.

Tatsächlich zeigt die Erfahrung aus der Katastrophe im Golf von Mexiko aber, dass den vorläufigen Zahlen von Ölkonzernen misstraut werden sollte: Die Firma BP hatte die Menge des in den Golf von Mexiko laufenden Öls im April 2010 zunächst um das 60fache zu niedrig angegeben.

Grünen-Chefin Claudia Roth wittert auch im jetzigen Fall unlautere Verschwiegenheit: Bundesregierung und EU gingen den "Vertuschungsmanövern" eines Konzerns auf den Leim, meint Roth. Sie hätten den Shell-Konzern längst dazu drängen müssen, alle Fakten zur Katastrophe auf den Tisch zu legen. "Shell streicht die Profite ein, die Umwelt und betroffenen Menschen dürfen dafür bezahlen", klagt Roth. "Shell müsste besser über die Notfallpläne informieren", fordert auch Greenpeace-Experte Feddern.

Entdeckungen beim Überflug

Bei einem Überflug am Montagnachmittag sei eine breite Ölfahne südlich der Bohrinsel Gannet Alpha in der Nordsee vor Schottland zu sehen gewesen, berichtet Feddern. "Es war eindeutig frisches Öl". Der sichtbare Ölteppich ändere sich ständig, erklärte Shell. Nur etwa eine Tonne Öl sei aber bislang an die Meeresoberfläche gelangt.

Immerhin, Hinweise auf Aktivitäten von Shell gibt es: Greenpeace-Experte Feddern hat bei seinem Überflug am Montag zwei Schiffe am Ölteppich gesichtet. Es handele sich um Versorgungsschiffe mit Mechanikern und Werkzeug an Bord, von denen aus Reparaturen am Meeresboden durchgeführt werden könnten, berichtet Feddern. Allerdings seien weder Ölsperren noch Absaugschiffe zu sehen gewesen, die das Öl aufhalten oder dezimieren könnten. "Shell sollte das Öl beseitigen", fordert Feddern.

Die ausgelaufene Ölmenge ist "im Kontext der jährlich in die Nordsee auslaufenden Menge Öl signifikant", teilte Shell inzwischen lapidar mit. Man nehme den Fall sehr ernst. Auch die britische Regierung bezeichnete den Ölaustritt als "substantiell". Es handele sich um den größten Störfall dieser Art seit mehr als einem Jahrzehnt.

Laut Shell strömen mittlerweile nur noch knapp 800 Liter Öl pro Tag ins Meer. "Die Quelle ist unter Kontrolle", erklärte Shells Technischer Direktor Glen Cayley. Das Leck sei fast gestopft. Wann das Loch endgültig abgedichtet sein wird, sei allerdings ungewiss. Das ursprüngliche Leck soll an einer Verbindungsstelle zwischen der Plattform und einer Leitung gelegen haben.
Prognose der Ölausbreitung

Der Ölteppich sei auf eine Größe von einem halben Quadratkilometer geschrumpft, teilte das Deutsche Havariekommando in Cuxhaven unter Berufung auf Informationen der britischen Maritime and Coastguard Agency (MCA) mit. Wellen und Wind hätten das Öl zerschlagen, so dass es sich im Wasser verteilt habe. Die MCA überwache den Ölteppich aus der Luft. Shell hatte am Sonntag noch von einer 31 Kilometer langen Ölschicht mit einer maximalen Breite von 4,3 Kilometern gesprochen.

Die Plattform Gannet Alpha liegt rund 180 Kilometer vor der schottischen Küste bei Aberdeen. Das Wasser ist an dieser Stelle etwa hundert Meter tief, heißt es auf der Homepage von Shell. Das deutsche Havariekommando forderte beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie eine Prognose der Drift und damit der möglichen Ausbreitung an. Sollte das Öl entgegen der bisherigen Annahme doch auf die deutsche Küste zutreiben, könnten mehrere Schiffe zur Bekämpfung des Teppichs eingesetzt werden.

Mit Material von dpa und Reuters