Tübingen - Jeder vierte Patient einer Universitätsklinik leidet an Diabetes, noch einmal so viele hatten in einer Prävalenzstudie in Experimental and Clinical Endocrinology & Diabetes (2017; doi: 10.1055/s-0043-112653) einen Prädiabetes. Beide Stoffwechsel­störungen waren mit einem erhöhten Komplikationsrisiko und mit einer längeren Aufenthaltsdauer im Krankenhaus verbunden, weshalb die Autoren zu einem aktiven Screening raten, das bei über 50-jährigen Klinikpatienten kosteneffektiv sein könnte.
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Die Prävalenz des (vornehmlich) Typ 2-Diabetes in Deutschland wird derzeit auf 7,2 bis 9,9 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geschätzt - Tendenz steigend. Da ein Diabetes und seine häufigen Begleitfaktoren wie Adipositas, Hypertonie und Hyper­lipidämie wichtige Morbiditätsrisiken sind, ist es an sich nicht erstaunlich, dass die Diabetes-Prävalenz unter Klinikpatienten höher ist als in der Allgemeinbevölkerung.

Die Zahlen, die eine Prävalenzstudie an der Universität Tübingen jetzt ermittelt, sind dennoch ernüchternd. Das Team um Andreas Fritsche von der Medizinischen Klinik IV der Universität Tübingen hatte Anfang letzten Jahres über vier Wochen bei allen Patienten mit verfügbaren Blutproben den HbA1c-Wert bestimmt. Dabei zeigte sich, dass fast jeder vierte Klinik-Patient an Diabetes leidet (22,15 Prozent), sprich einen Langzeitblutzucker-Wert (HbA1c-Wert) von 6,5 Prozent und mehr hatte. 23,68 Prozent der untersuchten Patienten hatten einen Langzeitblutzucker-Wert zwischen 5,7 und 6,4 Prozent, der als Prädiabetes eingestuft wird.

Die Prävalenz war auf den Krankenstationen verschieden hoch. Auf der internistischen Intensivstation wurde bei 43,24 Prozent ein Diabetes diagnostiziert, in der Frauen­heilkunde waren es nur 4,56 Prozent.

Menschen mit Prädiabetes oder Diabetes erlitten zu 20,51 Prozent in der Klinik Komplikationen, in der Gruppe der Diabetiker lag die Quote sogar bei 23,82 Prozent. Zum Vergleich: nur etwa 15 Prozent der Patienten ohne Diabetes waren von Komplikationen betroffen. Die Autoren ermitteln ein relatives Risiko von 1,24 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,14-1,34) für die Gesamtgruppe mit Prädiabetes oder Diabetes und von 1,50 (1,31-1,72) für Patienten mit Diabetes.

Das erhöhte Komplikationsrisiko liefert eine plausible Erklärung für eine verlängerte Aufenthaltsdauer. Gegenüber Patienten in der gleichen diagnosebezogenen Fallgruppe (DRG) verbrachten Menschen mit Prädiabetes oder Diabetes 0,82 Tage länger in der Klinik. Für Patienten mit Diabetes ermitteln die Forscher einen Anstieg um 1,47 Tage.

Nicht bei allen Patienten war der Typ 2-Diabetes bekannt. Der Anteil der nicht diagnostizierten Diabeteserkrankungen lag insgesamt bei 3,7 Prozent. Auf der internistischen Intensivstation waren es sogar 8,1 Prozent. Bei den meisten dieser Patienten hatten die Klinikärzte keine Bestimmung des HbA1c-Werts angefordert.

Da die Stoffwechselerkrankung negative Auswirkungen auf die Genesung der Patienten hat, fordern die Autoren ein allgemeines Screening aller Klinikpatienten im Alter über 50 Jahre. In dieser Gruppe komme auf 17,22 HbA1c-Bestimmungen ein Patient mit einem unerkannten Typ 2-Diabetes (Number Needed to Screen).

Bei derzeitigen Kosten von etwa 4 Euro pro HbA1c-Test müssten weniger als 70 Euro investiert werden, um eine unerkannte Diabeteserkrankung zu erkennen. Bei diesen Patienten könnte die Gelegenheit des Kranken­haus­auf­enthaltes genutzt werden, um die Stoffwechselerkrankung gleich mit zu behandeln und so vielleicht Komplikationen oder verlängerte Kranken­haus­auf­enthalte zu vermeiden, schreiben die Forscher.

rme/aerzteblatt.de