Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt und wurde in den vergangenen Jahren immer wieder von Katastrophen erschüttert. Jetzt kommt Hurrikan "Irma". Helfer vor Ort rechnen mit dem Schlimmsten.
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Seine Mitarbeiter sichern ihre Häuser und stocken die Vorräte auf, Wasser ist fast ausverkauft: Georg Dörken sitzt in einem Hotelzimmer in Port-au-Prince und koordiniert die Vorbereitungen auf die drohende Katastrophe. Denn nichts anderes könnte auf Haiti zukommen, je nachdem wie schwer Hurrikan "Irma" den Karibikstaat trifft. "Ich rechne mit dem Schlimmsten und mit massiven Schäden für die Bevölkerung", sagt Dörken dem SPIEGEL am Telefon.

Dörken arbeitet als stellvertretender Landesdirektor für die Welthungerhilfe in Haiti. Jetzt, da sich der Sturm auf die Insel zubewegt, hat die Organisation ihre Büros geschlossen. In der Karibik hatte der Hurrikan enorme Schäden angerichtet, die Inseln Barbuda und St. Martin wurden verwüstet.

"Ich erwarte schreckliche Ausmaße", sagt Dörken. "Wenn ich mir die Bilder von St. Martin angucke, wo 90 Prozent der Infrastruktur kaputt geschlagen wurden: Das ist immerhin EU. Das heißt, dort sind die meisten Gebäude aus Stein gebaut." Nicht so in Haiti: "Hier trifft es die Ärmsten der Armen."

Haiti hat sich noch immer nicht von dem schweren Erdbeben 2010 sowie Hurrikan "Matthew" im vergangenen Jahr erholt. Der Sturm war im Oktober 2016 über das Land hinweggezogen und hatte weite Teile des Südens zerstört. Hunderte Menschen starben, Zehntausende verloren ihr Hab und Gut. Der Wiederaufbau sei nie richtig abgeschlossen worden, sagt Dörken. "Mit diesen Konsequenzen werden wir jetzt leben müssen, und die Bevölkerung wird dafür den Preis zahlen."

Das Land ist schlecht vorbereitet

Besondere Sorge bereitet Dörken, dass "Irma" ein verhältnismäßig langsamer Wirbelsturm ist. Mit einer Geschwindigkeit von 20 bis 25 Kilometern pro Stunde wird er relativ lange über den betroffenen Gebieten bleiben.
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Laut der Uno-Nothilfe leben in den von "Irma" voraussichtlich am stärksten betroffenen Gebieten im Norden Haitis gut zwei Millionen Menschen. Das Welternährungsprogramm habe momentan Lebensmittelrationen für 150.000 Menschen vorrätig. 15.000 Rationen wird die Welthungerhilfe verteilen, diese befinden sich bereits im Norden.

Insgesamt sind mehr als 300 Hilfsorganisationen vor Ort, vor allem die kleineren seien jedoch schlecht vorbereitet, sagt Dörken: "Immer wenn eine Krise akut ist, fließen die Gelder massiv, und kaum ist die Krise aus den Medien heraus, interessiert sich die westliche Welt kaum noch dafür." Auch die Partner der Welthungerhilfe hätten nur sehr geringe Vorräte. Wasser für 5000 Menschen, Hygiene-Kits für 500 Personen: "Das wird alles nicht reichen."

Sobald der Hurrikan nachgelassen hat, will die Welthungerhilfe Personalverstärkung einfliegen lassen. Auch Dörken will sich bei nächster Gelegenheit in die betroffenen Gebiete begeben, um die Schäden zu begutachten und einzuschätzen, was die Bevölkerung braucht.

"Irma" war am Mittwoch mit Hurrikan-Stärke 5 über die nördlichen Antillen hinweggefegt. Nach Angaben von Meteorologen zählt "Irma" zu den stärksten Stürmen seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Atlantik. Ende der Woche soll der Hurrikan Florida erreichen.

Mit Material der Agenturen