Wave Welle Surfer
Unsere Welt verändert sich und zwar sehr schnell. Ein wahrer Tsunami aus digitaler und technologischer Entwicklung kommt die nächsten Jahre auf uns zu. Diese Entwicklung folgt den Regeln exponentiellen Wachstums. Eine Art von Entwicklung, die wir mit unserem überwiegend linear operierenden Gehirn nur sehr schwer abschätzen und verarbeiten können. Wir werden diese Entwicklung weder aufhalten, noch stoppen können. Wir können nur versuchen die Riesenwelle zu reiten und nicht von ihr begraben zu werden.

Wir kommen aus einer linearen, lokalen, analogen, langsamen Welt. Die Evolution des Menschen, vor allem seines Gehirns, ist viel zu langsam, um die rasanten Entwicklungen der letzten 25.000 Jahre adäquat verarbeiten und sich daran anpassen zu können. 25.000 Jahre, dass ist ungefähr der Zeitraum, seit dem die Erde nur noch von einer einzigen Art Menschen bevölkert wird. Wir haben uns durchgesetzt. Der evolutionäre Vorteil z.B. des Neocortex und einige andere Entwicklungen mehr, haben uns damals zum Sieger gemacht. Dummerweise sind wir immer noch auf die Anforderungen der damaligen Welt ausgerichtet. Wir hatten einfach nicht die Zeit, uns der unglaublich schnellen Entwicklung, vor allem der letzten paar hundert Jahre anzupassen.

Im Prinzip stehen wir entwicklungstechnisch immer noch auf dem Stand eines Savannenbewohners in Afrika. Entfernungen, die einen Tagesmarsch um unser Lager herum liegen, Dinge die wir sehen, verfolgen und beobachten können. Über Generationen weiter gegebene Weisheiten und Wahrheiten. Einschätzungen der Zukunft, welche auf linearen Denkmodellen basieren.

Wir bewegen uns aber schon seit einiger Zeit nicht mehr in linearen Welten. Zunächst unmerklich, aber dann immer schneller hat sich etwas entwickelt, das wir heute als unsere moderne Welt bezeichnen. Aber bei zwei Dingen ist hier das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht: Den vielfältigen Möglichkeiten der Entwicklung und der Steigerung der Geschwindigkeit, mit der sie stattfindet.

Stell dir vor, die letzten 90.000 Jahre der Evolution wären ein Film. Ein Film mit 90 Minuten Dauer. Du siehst ihn dir zusammen mit einem Alien an und erklärst ihm so, was wir hier auf der Erde so alles treiben und wie das alles kam. Das wäre zunächst einmal ein unglaublich langweiliger Film. In den ersten 30 Minuten spielen der Neandertaler, der Cro-Magnon Mensch und der Homo sapiens sapiens gemeinsam mit, bis sich dann nach 80 Minuten Film, in den letzten 10 Minuten doch noch der Homo sapiens sapiens durchsetzt. Ein überschaubarer Spannungsbogen. Erst ungefähr in der Mitte des Filmes fangen die Hauptdarsteller an, sich einigermaßen verständlich zu artikulieren. Dann passiert wieder sehr lange ... nichts. Zumindest nichts Erwähnenswertes. Der Alien fängt an zu gähnen.

Dann in den letzten 10 - 15 Minuten des Filmes wird es doch noch interessant. Ungefähr bei Minute 75 beginnen die Menschen sich vom Jäger und Sammler zum Ackerbauer und Viehzüchter zu verändern. Auf der ganzen weiten Welt leben momentan ca. 3 Mio. Menschen. Bei 82:30 wird die künstliche Bewässerung zum Beschleunigungsfaktor in Ackerbau und Viehzucht. Die Welt verändert sich trotzdem eher gemächlich. Berufe und Fertigkeiten werden über Generationen nahezu unverändert weiter gegeben.

Aber in der allerletzten Minute des Filmes geht es auf einmal Schlag auf Schlag:

Minute 89:45: (1769) James Watt bekommt ein Patent auf die Dampfmaschine
Minute 89:50: Es leben nun ca. 800 Millionen Menschen auf der Erde
Minute 89:55: (1876) Der Ottomotor wird patentiert
Minute 89:57: (1890) Der Wechselstrom wird eingeführt
Minute 89:57: (1900) Die Gebrüder Wright fliegen als erste Menschen
Minute 89:58: (1939) Konrad Zuse baut mit dem Z1 den ersten "Computer"
Minute 89:59: (1969) Das ARPA-Net, der Vorläufer des Internets geht in Betrieb
Minute 89:59: (1970) Es leben nun 3,7 Mrd. Menchen auf der Erde
Minute 89:59: (1993) Intel stellt den Pentium Chip vor
Minute 89:59: (1999) Nokia stellt das legendäre Modell 3210 vor
Minute 89:59: (2005) Es leben nun 6,5 Mrd. Menschen auf der Erde
Minute 89:59: (2007) Apple stellt das IPhone 1 vor
Minute 90:00: (2017) Ich schreibe diesen Artikel ...

Du verstehst die Tragweite dieses Beispiels? Die Evolution hatte keine Chance, die rasante Entwicklung der letzten "Minuten" auch nur annähernd zu verarbeiten. Unser Gehirn und unsere Psyche arbeiten immer noch auf dem Level des ersten Drittels unseres Filmes. Wir würden aber keinen Film verstehen, in dem praktisch die komplette Handlung in der letzten Minute passiert.

Sehen wir uns ein bisschen genauer an, was genau diese "rasante" exponentielle Entwicklung ausmacht und wie wir sie vielleicht doch noch verstehen und verarbeiten können.

Beginnen wir mit Moores Law - Bereits 1965 formulierte Gordon Moore sein "Moorsches Gesetz" obwohl der Begriff selbst erst später geprägt wurde. Kurz zusammen gefasst sagt das Moorsche Gesetz voraus, dass sich die Dichte von Transistoren auf einer Platine jedes Jahr verdoppeln wird. Genauer erklärt wird es in diesem Wikipedia-Artikel. Heute wird unter Moores Law vereinfacht die Beobachtung beschrieben, dass sich Transistorendichten, Speicherkapazitäten und der Preisverfall bei Speichermedien, Kameras und Prozessoren in exponentieller Art und Weise entwickeln. Im Schnitt mit einer Verdoppelung alle 12-18 Monate. Aber was genau bedeutet "exponentielle Entwicklung"?

Eine exponentielle Entwicklung ist, sehr vereinfacht ausgedrückt, eine Vervielfachung eine gegebenen Menge pro Handlungsschritt. In der digitalen Welt in aller Regel eine Verdoppelung. Peter Diamandis, den ich sehr bewundere, hat einmal ein sehr schönes, griffiges Beispiel dafür gefunden. Stell dir vor, du stehst vor deinem Haus und machst dreissig Handlungsschritte. Jeder dieser Handlungsschritte entspricht einem richtigen Schritt. Also ca. 1 Meter (um besser rechnen zu können). Nach 30 Handlungsschritten bist du also 30 Schritte bzw. 30 Meter weiter. Das bedeutet, du bist jetzt etwa drei Häuser weiter. So weit, so gut.

Wenn du nun bei jedem Handlungsschritt die Anzahl deiner Schritte verdoppelst, dann folgst du einer exponentiellen Entwicklung. Du machst erst einen, dann zwei, dann vier Schritte usw. Es ensteht die bekannte Zahlenfolge, die wir von Speichermedien kennen: 1 2 4 8 16 32 64 128 256 512. Nach 10 Handlungsschritten hast du also 512 echte Schritte gemacht, bzw. 512 Meter zurück gelegt. Deutlich mehr, als bei der linearen Vorgehensweise mit 10 Metern nicht wahr? Du wärst also ein paar Straßen weiter raus gekommen. Was aber würde passieren, wenn du jetzt 30 Handlungsschritte weiter gehst und dabei weiterhin bei jedem Handlungsschritt die Anzahl deiner tatsächlichen Schritte verdoppelst? Versuch mal zu schätzen, wieviele echte Schritte bzw. wieviele Meter du dann gelaufen wärst.

Das richtige Ergebnis: über eine Milliarde (1.000.000.000) Meter!!! ... oder, um es anschaulicher zu machen: Du hättest 26 mal die Erde umrundet. Das ist, was wir uns nur sehr schwer vorstellen und verarbeiten können.

In einer Kurve dargestellt entwickelt sich exponentielles Wachstum entlang der grünen Linie, während unsere Vorstellungs- und Schätzungswelt sich eher auf der linearen, roten Linie bewegt. Dort wo sich die exponentielle Line von der linearen Linie nach oben absetzt, ist der Punkt, an dem wir uns nach Meinung der meisten Experten momentan befinden.

Exponentielles Wachstum

Exponentielles Wachstum
Gerade in technischer Hinsicht gibt es einige Paradebeispiele für die sensationell falsche Einschätzung von exponentiellen Entwicklungen. Das immer gerne genommene Lieblingsbeispiel hierfür: KODAK. Das war aber auch schulbuchmäßig. Die Geschichte geht so: Kodak selbst ließ von seinen Ingenieuren die erste Digitalkamera der Welt entwickeln.

Die DigiCam hatte eine Auflösung von 0,01 Megapixel (in schwarz-weiß) und das Management war nicht sonderlich begeistert. Im nächsten Entwicklungsschritt waren es 0,02, dann 0,04 Megapixel. Dann 0,08 únd schließlich 0,16 Megapixel. Das war Kodak deutlich zu langsam und zu pixelig, sie sahen sich selbst in der Papier und Chemie Foto Branche und konnten sich nicht vorstellen, dass diese Erfindung jemals nützlich und brauchbar sein würde. Das Projekt DigiCam wurde bei Kodak gestoppt. Aber nicht weltweit, andere Unternehmen entwickelten es weiter, zu dem was wir heute unter DigiCam verstehen. Kodak bemerkte den Fehler zu spät, konnte nicht mehr aufholen und meldete schließlich 2012 Insolvenz an.


Kommentar: Interessantes Beispiel. In wie vielen Bereichen unseres Lebens machen es wir genauso wie Kodak?


Wenn du weiter oben, im Absatz mit den Handlungsschritten, aufgepasst hast, dann wäre dir der Kodak-Fehler nicht passiert. Nicht schwer zu erkennen, dass sich die Entwicklung exponentiell vollzog. Von 0,16 Megapixel bis 2,56 Megapixel sind es nur noch 4! Handlungs- bzw. Entwicklungsschritte und ab 2,56 MP bekommt man schon ganz brauchbare Bilder. (Auch die vermeintlich "hohe" Auflösung des Fernsehstandards HDTV (1080i-Format) - entspricht nur rund 2 Megapixel)

Wie wird sich unsere Welt also aller Voraussicht nach entwickeln? Wie können wir Fehleinschätzungen wie Kodak vermeiden? Wo liegen die Chancen, wo die Risiken? Eine kurze Progonse über die generelle, zukünftige Leistungsfähigkeit von Rechensystemen hilft uns hier eine bessere Vorstellung zu bekommen.

Wir alle haben eine ungefähre Vorstellung davon, was ein Laptop, welches man heute für ca. 1000.- € kauft, leisten kann. 500 Mega bis 1 Terrabyte Speicher, 8 - 16 Gb RAM, HDWebcam, Bluetooth, WLAN, Dual-Core CPU usw. Die realistische Vorhersage für ein ein 1000 € Laptop in ca. 5 - 7 Jahren, geht davon aus, dass dieses Laptop die gesamte Leistungsfähigkeit eines menschlichen Gehirns abbilden kann. Nicht nur die Speicherfähigkeit, sondern auch Mustererkennung, Sprachverständnis, das Erkennen und Nutzen von Ironie, Sarkusmus und Andeutungen. Sprachausgabe, visuelle Mustererkennung. Kurzum, alles was ein Mensch auch kann. Unglaublich oder?


Kommentar: Ob Computer jemals das menschliche Gehirn ersetzen können, ist fraglich. Ist es, weil Künstliche Intelligenz immer besser wird, oder das Denken von Menschen immer einfacher?


Aber nochmal zurück zu exponentiellen Wachstum, denk an Kodak, denk an die exponentiellen Handlungschritte und Moores Gesetz. 5-7 mal die Möglichkeiten eines aktuellen Laptops verdoppeln. Wir wissen jetzt wie das ausgehen wird. Aber danach es geht ja noch weiter. Noch einmal 5- 7 Jahre (bzw. Verdopplungen) weiter, gehen die Profis davon aus, dass das durchschnittliche 1000 € Laptop, wie es in jedem Haushalt steht, die Kapazität ALLER Menschen, aller 7 Milliarden Menschen, abbilden kann.

Diese Entwicklung ist faszinierend und erschreckend zugleich. In weiteren Artikeln werden wir uns genauer ansehen, wie sich Schlüsseltechnologien (siehe rechts in den Kategorien) entwickeln, was der jeweils aktuelle Stand ist und natürlich was es für uns bedeutet. Wie wir damit umgehen können und wo wir ansetzen müssen um auf dieser Jahrhundertwelle in die Zukunft surfen zu können.