Essener Tafel
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Es ist so schön einfach in der Welt der Ideologen: Alles Nazis außer uns
Der Streit um die Essener Tafel offenbart, wie ideologisch verbrämt weite Teile der Republik bei der Flüchtlingsfrage sind: Fast durchgängig kritisieren Politiker und Journalisten die Entscheidung der Essener Tafel, keine neuen Flüchtlinge mehr aufzunehmen, mit inhaltslosen Attacken, die nicht viel mehr sind als "Nazi!"-, "ausländerfeindlich!"- und "rechts!"-Geschrei.

Es ist schon faszinierend, wie Ideologien - in diesem Falle die "Flüchtlinge willkommen!"-Ideologie - jegliches Nachdenken, jegliches Gespür für Nuancen und jeden Blick auf die Realität ausschalten können. Wie anders kann man verstehen, warum Menschen, die sich für die Ärmsten der Bevölkerung engagieren, derart von oben herab angefeindet werden - für eine ganz pragmatische Entscheidung? Solche Ideologen verfallen anscheinend in ein primitives Schablonen-Denken, das nur zwei Seiten kennt: Bedingungslose Flüchtlingsliebe und neonazistisches Dumpfbackentum. Dazwischen ist kein Platz, schon gar nicht für die Komplexität der Welt und des menschlichen Zusammenlebens.

Dabei ist es doch gar nicht so kompliziert: Eine Flüchtlingswelle von über einer Millionen Menschen, die innerhalb kürzester Zeit in Deutschland ankommen, ist erst einmal per Definition ein Problem. Wie sollte es auch anders sein? Und falls sich jemand durch diese simple Wahrheit in der eigenen ideologischen Weltsicht gekränkt fühlt: Nein, das heißt nicht, dass alle Flüchtlinge irgendwie böse oder minderwertig sind. Nein, das heißt nicht, dass wir "alle abschieben" sollten oder dass das deutsche Volk die überlegene Rasse ist. Dass man das überhaupt sagen muss, zeugt davon, wie sehr der Geist so vieler "Meinungsführer" von ideologischem Schwarz-Weiß-Denken vernebelt ist.

Haben wir also erst einmal erkannt, dass eine solch riesige Flüchtlingsbewegung ein großes Problem ist, können wir anfangen, die Dinge pragmatisch und nuanciert zu betrachten. Wie gehen wir im Einzelfall damit um, wie etwa in Essen? Wie können wir das Ganze sinnvoller gestalten - auf der Ebene der Flüchtlingspolitik, der Geopolitik und des gesellschaftlichen Zusammenlebens? Was sollten die Kriterien für eine Aufnahme sein? Wie viele Menschen können wir aufnehmen - und welche Perspektiven haben sie hier? Wie können die Flüchtlinge wieder heimkehren, wenn es die Umstände im Heimatland zulassen? Wie gehen wir mit den kulturellen und sprachlichen Unterschieden um? Was bedeutet das für die Menschen hier? All diese Fragen sind kompliziert, zugleich aber äußerst wichtig. Doch diese Fragen überhaupt schon zu stellen oder gar zu konkreten Antworten zu kommen reicht für viele ideologisch Besessene schon, "Nazi!" zu schreien.

So betrachtet haben die Verantwortlichen in Essen richtig gehandelt: nämlich im Sinne bedürftiger Menschen, im Sinne ihrer Klientel, im Sinne einer Lösung, die zwar nicht perfekt ist - welche Lösung ist das schon? -, aber immerhin eine Lösung, die im Vergleich zur vorherigen Lage zu einer Verbesserung der konkreten Situation führt. Und das haben sie keineswegs aus "Ausländerhass" getan, sondern schlicht aus einer Betrachtung der realen Gegebenheiten heraus.

Einen guten Kommentar zu der ganzen Situation hat Jasper von Altenbockum für die FAZ geschrieben:
Was der "Essener Tafel" widerfährt, zeigt im Kleinen, was seit geraumer Zeit in Deutschland aus dem Ruder läuft. Der Druck, der durch Migration und Integration entsteht (in Wahrheit kann von Integration bestenfalls in Generationen die Rede sein), wird so lange nach unten weitergegeben, bis die Konflikte nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden können. So kam "Köln", so kamen die "Clans", so kam jetzt die Tafel, und in den kosmopolitischen Kreisen der Republik herrscht großes Erstaunen, was sich da unten alles tut. Statt aber das eigene Weltbild zu kontrollieren, ist die Reaktion die übliche: Auch in den Tafeln, die soziale Brennpunkte bedienen, müssen "Nazis" am Werk sein, herrscht "Ausländerhass". So reden Sozialdemokraten wie Karl Lauterbach, die sich nicht wundern sollten, warum die SPD in der Krise steckt.

Worin besteht also dieser "Ausländerhass"? In der Essener Tafel hatten sich alte Stammkunden - die Rede ist unter anderem von alleinerziehenden Müttern und Rentnern - nicht mehr sehen lassen, seitdem der Anteil ausländischer Bedürftiger stark gestiegen war. Sie blieben nicht weg, weil sie ausländerfeindlich sind, sondern weil sie verdrängt wurden, unter anderem von robust auftretenden jungen Männern. Die Tafel zog die Notbremse: Neu registrieren durften sich nur Bedürftige mit deutschem Pass, die bisher registrierten Ausländer dürfen aber weiter kommen. Es ist also das, was auf nationaler Ebene lange Zeit wie Teufelswerk behandelt wurde: eine Verschnaufpause in der Einwanderungspolitik. Was in aller Welt ist daran "Nazi"?
In der Tat. Die Reaktionen auf diesen Vorfall zeigen einmal mehr, dass eine völlig verrückte Gleichheitsideologie als einziges und absolutes Prinzip das Denken des öffentlichen Diskurses beherrscht. Demnach darf nicht sein, was nicht sein kann: nämlich dass Menschen unterschiedlich sind, dass die Welt äußerst komplex und vielschichtig ist, und dass die Realität keine Rücksicht auf ideologische Glaubenssätze nimmt.