Dokumente von Gaddafis Regime weisen darauf hin, dass die Zusammenarbeit zwischen den Geheimdiensten in Tripolis, Washington, London und Berlin über das übliche Maß hinausging
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Bei Durchsuchungen von Büros des ehemaligen libyschen Geheimdienstchefs Mussa Kussa wurden laut Human Rights Watch Dokumente gefunden, die Kontakte zur CIA und zum MI-6 belegen sollen.

Tripolis - Die informellen Kontakte zwischen dem libyschen Geheimdienst unter Muammar al-Gaddafi und jenen der USA und Großbritanniens scheinen über das übliche Maß hinausgegangen zu sein - darauf weisen in Tripolis aufgefundene Dokumente hin: So sollen US-Agenten bei Verhören von Terrorverdächtigen in Tripolis anwesend gewesen sein.

Während von Gaddafi nach wie vor jede Spur fehlt, wird der neue Übergangsrat bereits mit Kritik konfrontiert: Ein Vertreter der Tuareg erklärte gegenüber der algerischen Zeitung Al-Khabar, es werde nun regelrecht Jagd auf Angehörige des Nomadenvolks gemacht, weil bis vor kurzem "einige, aber nicht alle Tuareg" Gaddafi unterstützten.

Tripolis - "Lieber Mussa", begann CIA-Agent Steve Kappes sein Schreiben. Wer weiß, dass im angelsächsischen Raum Adressaten bevorzugt mit dem Vornamen angesprochen werden, wird daraus nicht gleich eine enge Du-Freundschaft ableiten - eine gewisse Nähe aber muss es gegeben haben zu Mussa Kussa, der die libysche Spionage leitete, bevor er Außenminister wurde und schließlich ins Exil floh. In dem Brief vom März 2004 hält sich Kappes nicht lange bei der Vorrede auf: Die USA wollten Muammar al-Gaddafi aus der Isolation holen, nachdem der Diktator beschlossen hatte, nicht mehr nach Massenvernichtungswaffen zu streben. Kappes wurde gleich konkret: "Wir möchten gerne mit Ihnen zusammenarbeiten beim Verhör des Terroristen, den wir Ihrem Land vor kurzem übergeben haben." Er wolle auch zwei Mitarbeiter in dieser Sache nach Tripolis entsenden.

Bei dem Inhaftierten handelte es sich um Abdel Hakim Belhadj, einen der Anführer der Libyschen Islamischen Kampfgruppe, die im Untergrund gegen Gaddafi agierte. Für den damaligen US-Präsidenten George W. Bushs war er ein Feind, ein Mitglied der radikalislamischen Internationalen, die sich um Al-Kaida formierte. Nach Berichten des New Yorker wurde Belhadj 2004 in Malaysia festgenommen, nach Thailand gebracht, wo ihn CIA-Agenten verhörten, und schließlich nach Libyen geflogen, wo er sechs Jahre hinter Gittern saß. Die Ironie der Geschichte will es, dass er heute zu den Kommandanten der Rebellen gehört, die Gaddafi mit Hilfe von Briten, Franzosen und Amerikanern aus Tripolis verjagten.

Das Wall Street Journal zitiert nun ganze Passagen aus Kappes' geheimem Memo, das in einem Büro Kussas in Tripolis gefunden worden sein soll.

Nicht nur die CIA, auch der britische Geheimdienst MI-6 soll kontinuierlich mit Gaddafis Agenten in Kontakt gestanden sein und aus Libyen Informationen über inhaftierte Terrorverdächtige angefordert haben, die womöglich Folter ausgesetzt waren. Die Briten wiederum hätten Informationen über Gaddafi-Gegner geliefert, die im Königreich lebten - das berichtet das britische Boulevardblatt Daily Mail. Demnach habe Tripolis London unter großen Druck gesetzt, Lockerbie-Attentäter Abdel Basset al-Megrahi freizulassen. Andernfalls hätten "schreckliche Konsequenzen" gedroht.

Auch deutsche Behörden sollen Informationen von Gaddafis Geheimagenten erhalten haben.

Gaddafi weiter unauffindbar

Kämpfer der neuen Führung in Libyen haben sich am Sonntag auf einen möglichen Angriff auf die Wüstenstadt Bani Walid vorbereitet, eine der letzten Bastionen Gaddafis, der weiterhin verschwunden ist. Ein Vertreter des Nationalen Übergangsrates hatte der Stadt bis Sonntag 10.00 Uhr gegeben, sich zu ergeben. Unklar war aber zunächst, ob die Stadt tatsächlich angegriffen oder ob das Ultimatum verlängert werden sollte.

fh, gian