Binnen 48 Stunden stieg die Zahl der Coronavirus-Infektionen in Italien sprunghaft. Die Behörden riegeln nun ein Gebiet mit 50.000 Einwohnern ab. So soll verhindert werden, dass die Krankheit Mailand erreicht.

apothekerin italien
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Apothekerin im italienischen Ort Codogno. Italien hat mit drastischen Maßnahmen auf die Ausbreittung des Coronavirus reagiert
Als Giuseppe Conte am Samstagabend nach einer Krisensitzung seiner Regierung vor die Kameras trat, war die Dramatik der Lage nicht zu übersehen. Schon der Ort der Pressekonferenz - die Zentrale für Zivilschutz - war ungewöhnlich. Als ihr sonst stets in Anzug und Krawatte auftretender Ministerpräsident ausnahmsweise im Pullover mit düsterer Miene ein Dekret verkündete, wussten die Italiener: Jetzt wird es ernst.

"Wir wollen Italien nicht in ein Lazarett verwandeln", versuchte der Regierungschef, seine Landsleute zu beschwichtigen, "die Außengrenzen bleiben offen."

Dann verkündete er ein drastisches Maßnahmenpaket, mit dem das Coronavirus in Norditalien gestoppt werden soll, das sich dort in den vergangenen 48 Stunden rasant ausgebreitet hatte. Fast im Stundentakt wurden neue Infizierte gemeldet, zwei ältere Patienten starben. Mehr als hundert Menschen tragen das Coronavirus in Italien nach aktuellem Stand in sich.

Ab sofort gilt in den betroffenen Gebieten das "Modell Wuhan". 50.000 Menschen in elf Kommunen in der Nähe von Mailand und Padua dürfen ihre Heimat nicht mehr verlassen. Das Sperrgebiet wird kategorisch abgeriegelt: Polizei und Carabinieri kontrollieren die Zufahrtsstraßen, Züge und Busse dürfen in der "zona rossa" nicht mehr anhalten, alle Schulen werden geschlossen.

Warenlieferungen nur über Korridore

Nur mit Ausnahmegenehmigung des Präfekten, der für das italienische Innenministerium die Sicherheit in der Region garantiert, dürfen Personen das Gefahrengebiet verlassen. Für die Lebensmittel- und Medikamentenversorgung richten die Behörden "sterile Korridore" ein: Lieferanten können über diese ihre Ware in die "zona rossa" bringen. Allerdings nur, wenn sie Gesichtsmasken und Schutzkleidung tragen. Und auch nur zu bestimmten Zeitpunkten, die der Präfekt festlegt.

Ein zentrales Grundrecht, die Bewegungsfreiheit, wird damit für Zehntausende außer Kraft gesetzt, für sie gilt nun Paragraf 650 der italienischen Strafgesetzordnung: Wer sich den Anordnungen widersetzt, kann festgenommen werden und riskiert drei Monate Haft. "Bewaffnete Kräfte stehen bereit", sagte der Ministerpräsident.

Einen Anlass für die harten Maßnahmen lieferte offenbar eine Familie, die unter Quarantäne stand und trotzdem nach Süditalien reisen wollte: Wenn sich ein solches Verhalten etabliere, sagte Conte, "laufen wir Gefahr, dass wir das Risiko einer Epidemie nicht eindämmen können". Die restriktiven Anordnungen sollten "für ein paar Wochen" gelten, bis die Inkubationszeit des Coronavirus überstanden sei.

Ein Hauch von Ausnahmezustand weht durch Norditalien, nicht nur in den nun gesperrten Gebieten um die Kommunen Codogno und Vo' Euganeo. Ein für heute Abend geplantes Fußballspiel von Inter Mailand wurde abgesagt, so wie alle anderen Sportveranstaltungen in den dicht besiedelten Regionen Lombardei und Veneto. Die Universitäten wurden bis auf Weiteres geschlossen. Und im Sonntagsgottesdienst soll die Hostie nur noch in die Hand und nicht mehr in den Mund der Gläubigen gegeben werden, wie es in Italien oft noch üblich ist; der klassische Friedensgruß mit Handschlag solle in der Messe entfallen, hieß es. Auch die zurzeit laufende Modemesse in Mailand ist betroffen: Giorgio Armani lud das Publikum für seine Modenschau aus, um die Gäste zu schützen - die Aufnahmen von Models auf dem Laufsteg werden per Livestream ins Internet übertragen.

"Wir navigieren auf Sicht"

Die größte Sorge ist, dass das Coronavirus von den kleineren lombardischen Kommunen auf Mailand überspringt. Dann wäre Italiens zweitgrößte Stadt mit 1,3 Millionen Einwohnern betroffen. Die Lage dort sei noch nicht so ernst, dass die öffentlichen Dienste geschossen würden, sagte der für die Sicherheit zuständige Präfekt, "aber wir sind darauf vorbereitet."

"Das Coronavirus ist nicht die Pest, alle Ärzte und Behörden rufen dazu auf, die Nerven zu behalten", schreibt die italienische Tageszeitung "La Repubblica" heute auf ihrer Seite 1. Und Conte mahnte seine Bürger, jetzt "nicht in Panik zu fallen".

Aber die Verunsicherung im Land wächst. Neben den gesundheitlichen Ängsten gibt es auch wirtschaftliche Bedenken. Die betroffenen Regionen Lombardei und Veneto produzieren fast ein Drittel der italienischen Wirtschaftsleistung und 40 Prozent der italienischen Exporte - und sind entsprechend eng mit Europa und der Welt vernetzt. Auch in den gesperrten elf Kommunen sitzen viele Unternehmen; die Regierung arbeitet deshalb schon an einer Art Marshallplan, um betroffene Firmen zu unterstützen.

In Mailand kündigte Bürgermeister Beppe Sala unterdessen an, alle Schulen für eine Woche zu schließen. "Ich bitte alle Bürger, ihre sozialen Kontakte zu reduzieren", sagte er. "Wir navigieren auf Sicht."