Die Gasspeicher leeren sich
Der durchschnittliche Gasverbrauch im Winter beträgt in Deutschland 4 TWh Erdgas pro Tag, an kalten Tagen unter -5 °C ca. 5 TWh, an milderen Tagen sinkt er auf 3 TWh.
Der Verbrauch wird gedeckt durch
- Pipelinegas
- LNG-Gas
- Entnahme aus den im letzten Jahr gefüllten Gasspeichern
2. Die aktuellen LNG-Importe in Deutschland belaufen sich auf etwa 0,4- 0,6 TWh pro Tag über die Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin und Mukran. Sie können zwar auf bis zu 1 TWh hochgefahren werden. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass eine zusätzliche Menge an LNG-Gas in Deutschland mit erheblicher Verzögerung ankommt. Die Belade- und Transportzeit eines LNG-Tankers vom Golf von Amerika nach Brunsbüttel dauert 18 Tage.
3. Die Entnahme von Erdgas aus den deutschen Speichern betrug im Januar etwa 0,4 bis 1 TWh je nach Kältesituation. Diese Batterie für den Winter läuft langsam aber sicher leer. Der aktuelle Füllgrad der Speicher liegt bei 29%. Diese Menge ist im Prinzip auch entnehmbar. Das entscheidende Problem ist aber, dass mit sinkendem Füllstandsgrad auch der Druck sinkt und somit die Entnahmeleistung des Speichers abnimmt, wie der sehr gute Übersichtsartikel zur Versorgungssicherheit von Markus Schall beschreibt.
Kommentar: Der aktuelle Füllstand (Stand 09.02.2026) liegt bei 26,23%. Der Artikel erschien auf Eike am 08.02.2026. Markus Schall erklärt zudem sehr ausführlich, wie die Gasspeicher funktionieren und dass es ein nicht linearer Effekt ist und nicht allein der Gasspeicherstand entscheidend ist. Dazu eine kurze Zusammenfassung:
Deutschlands Gasspeicher sind ein dezentrales Netz von rund 40 unterirdischen Anlagen, vor allem in Nord‑, West- und Süddeutschland, das geologisch und netztechnisch bestimmt ist und der Versorgung als Puffer dient.
Es gibt zwei Haupttypen: Kavernenspeicher in Salz (geringeres Volumen, aber sehr hohe Ein‑ und Ausspeicherleistung für kurzfristige Spitzen, "Sprintreserve") und Porenspeicher in porösem Gestein bzw. ehemaligen Gas-/Ölfeldern (sehr große Kapazität, aber träge, für saisonalen Ausgleich, "Langstreckenpuffer").
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Arbeitsgas (nutzbares Gas) und Kissengas (im Speicher verbleibendes Gas zur Druck- und Stabilitätssicherung); Kapazitätsangaben beziehen sich meist auf Arbeitsgas, während der Kissengasanteil - gerade bei Porenspeichern - hoch ist und nicht als Reserve genutzt werden kann.
Deutschlands Arbeitsgaskapazität von etwa 23-24 Mrd. m³ (rund 240-250 TWh) reicht für ungefähr zwei bis zweieinhalb Wintermonate und dient damit zur Abfederung von Lieferstörungen, nicht zur vollständigen Versorgung ohne Importe.
Technisch kritisch ist weniger der "Prozentstand" der Füllung, sondern der verfügbare Druck und damit die Entnahmerate: Mit sinkendem Füllstand nimmt die maximale Tagesleistung ab, der Speicher verlässt die Plateau‑Phase, kleine Störungen und Kälteeinbrüche wirken stärker, und es entsteht eine Leistungsschwelle lange vor der rechnerischen "Leere".
Versorgungsrisiken zeigen sich zunächst bei Industrie und Großverbrauchern (nicht geschützte Kunden), die wegen ihres hohen, steuerbaren Verbrauchs zuerst Lastreduktionen oder Abschaltungen erfahren, während Haushalte und kritische Infrastruktur rechtlich als geschützte Kunden vorrangig versorgt werden.
Auf Systemebene begrenzen außerdem LNG‑Terminals im Winter (wegen anderer Betriebsweise, höherem Eigenverbrauch und Logistikabhängigkeit) die real verfügbare Einspeiseleistung, sodass nominale Kapazitäten von Speichern und Terminals oft ein trügerisch lineares Sicherheitsgefühl vermitteln.
Der Notfallplan Gas sieht eine gestufte Krisenmechanik vor (Frühwarn-, Alarm- und Notfallstufe); erst in der Notfallstufe übernimmt der Staat über die Bundesnetzagentur aktiv die Lastverteilung, priorisiert geschützte Kunden und greift in industrielle Verbräuche ein - feste, allgemein gültige Prozentgrenzen der Speicherfüllung für diesen Schritt gibt es nicht, ausschlaggebend ist immer die tatsächliche Versorgungs- und Leistungsfähigkeit des Systems.
Schon unterhalb eines Füllstandsgrades von 50% geht die Entnahmerate (Gas pro Stunde) auf Grund des geringeren Druckes zurück. Bei 35% Füllstandsgrad ist die Entnahmerate bereits um 22% gesunken. Darunter sinkt sie dann stärker als linear ab. Unterhalb von 20% ist die Entnahmerate so stark gesunken, dass die Speicher keine Nachfragespitzen mehr abdecken können, was zu einem Risiko von Versorgungsengpässen in einer Kaltwetterlage führen kann.
Die meteorologische Situation in den nächsten 14 Tagen wird zunächst von leicht ansteigenden Temperaturen bis zum 12.2. gekennzeichnet, um danach möglicherweise erneut in eine deutliche, bundesweite Frostperiode zurückzufallen. Kommt es zu dieser Entwicklung wird Ende Februar die 20% Marke des Füllstands deutscher Gasspeicher unterschritten.
Nach der Gasnotfallverordnung von Minister Habeck sind folgende Kriterien für die Beurteilung einer Gasnotfalllage heranzuziehen:
Als kritisch wird die Lage eingestuft, wenn die prognostizierte Durchschnittstemperatur der kommenden sieben Tage min. zwei Grad Celsius unter dem Durchschnitt der vorherigen vier Jahre liegtBeide Kriterien sind seit dem 1. Februar erfüllt.
Als kritisch wird die Lage eingestuft, wenn der Füllstand unter den Speicherpfad fällt, der auf das 40%-Niveau am 01. Februar des jeweiligen Jahres führt.
Es ist schon erstaunlich, dass die Bundesnetzagentur bei einem Speicherstand von unterhalb 30% immer noch abwiegelt und erklärt : "Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil. Die Versorgungssicherheit ist gewährleistet. Die Bundesnetzagentur schätzt die Gefahr einer angespannten Gasversorgung im Augenblick als gering ein."
Aber man versucht sich durchzumogeln und hofft auf eine Erwärmung in den nächsten 4-6 Wochen. Und wieder einmal stehen Landtagswahlen in Baden-Württemberg vor der Tür.
Nach Ausrufung einer Notfallstufe muss die Bundesnetzagentur Maßnahmen ergreifen, um die Versorgung von Haushalten und öffentlichen Einrichtungen zu gewährleisten. Das kann dann nur noch durch Abschalten von Industrie-und Gewerbebetrieben erfolgen. Sollte es dazu kommen, wäre das ein Alptraum für die deutsche Energiepolitik: ein Resultat des Versagens. Der schon angeschlagene Investitionsstandort Deutschland würde nachhaltig beschädigt.
Warum sind wir in eine solche Situation geraten?
Zum einen haben Gaseinkäufer und die Politik wohl die vier letzten milden Winter in die Zukunft fortgeschrieben. In einer allgemeinen Wahrnehmung einer Klimakatastrophe kommen sehr kalte Winter offenbar nicht mehr vor.
Zusätzlich ist aber seit dem 1. 1. 25 die Versorgung Osteuropas mit russischem Erdgas reduziert worden, da die Ukraine den Transit des Gases zu diesem Datum gestoppt hat. Die Versorgung über die einzig noch verbliebene, über die Türkei verlaufende Turkstream-pipeline reicht aber nicht aus, so dass das deutsche Gasnetz auch die Nachbarn Österreich, Tschechien und indirekt die Slowakei versorgt. Über die Slowakei und Polen erhält die Ukraine Gas in Umkehrung der bisherigen Fliessrichtung (reverse Flow). Die gesamte Exportmenge ist mit 1TWh täglich erheblich und liegt in der Höhe der täglichen Entnahme aus den deutschen Gasspeichern. Die Grafik zeigt den Anstieg der Exporte aus Deutschland seit der Schliessung der Transgas-pipeline aus der Ukraine.
Wie immer sich die Erdgasversorgung in den nächsten 3 Wochen entwickelt, es gäbe einen guten Anlass, die politische Debatte über die eigene Erdgasversorgung durch Schiefergas aus der norddeutschen Tiefebene zu eröffnen. Dort lagert ausreichend preiswertes Erdgas für die nächsten 30 Jahre. Die Förderung von Erdgas aus 1000 m tiefen Gesteinsschichten ist seit 2017 durch Bundesgesetz verboten (Fracking-Verbot).
Herzlichst
Ihr
Fritz Vahrenholt




Kommentar: Kann man der Politik bereits jetzt ein Versagen vorwerfen? Eigentlich schon, da der Gasspeicher wie ein Spiel betrachtet wird und man pokert, dass das Wetter schön "warm" bleibt. Könnte das Thema noch nicht weiter publiziert werden - oder immer darüber hinaus geschrieben werden, dass alles in Ordnung ist - da am 08. März Landtagswahlen in Baden-Württemberg sind?
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