Mäßige Noten für IC und ICE: Laut einer erstmals vorgestellten Statistik kommt im Jahr 2011 jeder fünfte Fernzug der Deutschen Bahn verspätet ans Ziel. Im Regionalverkehr dagegen sieht die von dem Unternehmen errechnete Quote erheblich besser aus.
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© dpaVerspätungen im Winter: Nur 80 Prozentder Fernzüge kommt pünktlich ans Ziel

Berlin - Die Deutsche Bahn will über Verspätungen ihrer Züge künftig besser informieren. Künftig wird sie statt einer jährlichen eine monatliche Pünktlichkeitsstatistik im Internet veröffentlichen.

Nach den ersten Daten, die das Unternehmen seit Dienstag im Internet zugänglich macht, wurden erstmals Nah- und Fernverkehr getrennt voneinander betrachtet. Danach war zwischen Januar und August jeder fünfte Fernzug der Deutschen Bahn AG verspätet, die Quote pünktlicher Fernzüge lag bei 80,4 Prozent. Im Regionalverkehr, der den Löwenanteil des Bahnbetriebs ausmacht, betrug die Pünktlichkeit 93,5 Prozent, was die Gesamtquote pünktlicher Personenzüge auf 93,2 Prozent erhöht.

Als pünktlich gilt ein Zug für die Deutsche Bahn, wenn er weniger als sechs Minuten Verspätung hat. Legt man die Maßstäbe des Flugverkehrs an, wo die Grenze bei 16 Minuten liegt, ergibt sich für den Zugverkehr eine Quote von 98,6 Prozent.

Seit Jahren Kritik von Verbraucherschützern

Bahnchef Rüdiger Grube räumte im Hessischen Rundfunk Versäumnisse bei der Transparenz ein. "Den Kunden interessiert die Pünktlichkeit", sagte er am Dienstag. "Da haben wir in der Vergangenheit 'closed shop' gemacht." Ab jetzt aber lege die Bahn ihre Pünktlichkeitswerte offen auf den Tisch. "Und wenn die Werte einmal nicht gut sein sollten, ist das für uns Aufforderung, besser zu werden. Verstecken müssen wir nichts." Die Bahn steht seit Jahren in der Kritik von Verbraucherschützern, die ihr vorwerfen, das Ausmaß von Verspätungen und Zugausfällen zu verschweigen, da die Daten bislang nicht öffentlich zugänglich waren.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) lobte die Bahn für die zusätzliche Transparenz. Dies zeige, dass die Bahn selbst ein Interesse daran habe, "die eigene Pünktlichkeit zu verbessern und sich daran messen zu lassen".

Auch bei den Verkehrsverbänden und Bahngewerkschaften kam die nun eingeläutete Transparenz-Offensive der Deutschen Bahn gut an: Der Verbandschef von Pro Bahn, Karl Peter Naumann, sagte am Dienstag dem Radiosender HR-Info: "Der Kunde erwartet Offenheit. Je ehrlicher ein Unternehmen ist, umso sympathischer wirkt es." Rüdiger Grube sei der erste Bahnchef seit langem, der die Fahrgäste anerkenne und auf sie eingehe, sagte Naumann. "Wenn Fahrgäste erleben, dass sie auf Augenhöhe behandelt werden und sie sich auf die Bahn verlassen können, dann werden sie diese auch vermehrt nutzen", erhofft sich Heidi Tischmann vom ökologischen Verkehrsclub VCD.

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) begrüßte die Maßnahme: "Die Veröffentlichung im Internet ist ein Schritt in Richtung mehr Service und mehr Kundennähe und deshalb ein richtiger Schritt", sagte EVG-Vorstandsmitglied Reiner Bieck. "Man sollte allerdings nicht glauben, dass das Internet alles ist. Die Informationen müssen auf den Bahnsteigen an die Kunden gebracht werden. Die Deutsche Bahn muss sich auch um die Fahrgäste kümmern, die kein Smartphone haben und die nicht ständig mit dem Laptop unter dem Arm herumlaufen."

Dafür sei mehr Personal nötig, außerdem müsse die interne Kommunikation verbessert werden, so der Gewerkschafter. Bieck wies darauf hin, dass immer wieder "Eisenbahner auf den Bahnhöfen, in den Reisezentren und den Service Points den zu recht aufgebrachten Kunden nicht mal Auskunft geben konnten. Solche Situationen wollen unsere Kolleginnen und Kollegen nicht noch einmal erleben."

Im Februar am pünktlichsten

Laut der nun veröffentlichten Werte für 2011 wurde bei Fernzügen im Januar die schlechteste Quote erreicht: 77,6 Prozent waren weniger als sechs Minuten zu spät. Der Februar dagegen war der beste Monat im untersuchten Zeitraum mit 83,3 Prozent. Bei Regionalzügen war der Juni der Monat mit den meisten Verspätungen (93,0 Prozent pünktlich), auch hier lief der Februar am besten (94,2 Prozent pünktlich).

Nach Angaben der Bahn bildet die Pünktlichkeitsstatistik mehr als 800.000 Fahrten von Personenzügen pro Monat ab, davon mehr als 20.000 Fahrten mit Fernzügen. Bei Letzteren wurden sämtliche Bahnhofsstopps mit einbezogen, beim Regionalverkehr lediglich ausgewählte Haltestellen. Komplett- oder Teilausfälle von Zügen wurden allerdings nicht berücksichtigt.

"Die Zahlen in diesem Jahr zeigen, dass wir deutlich pünktlicher unterwegs sind, als uns von Kritikern oft vorgeworfen wird", sagte Ulrich Homburg, für Personenverkehr zuständiger Bahn-Vorstand. Noch im April hatte eine Erhebung der Stiftung Warentest ermittelt, dass zwischen Juli 2010 und Februar 2011 ein Drittel der Fernzüge Verspätungen von mehr als fünf Minuten hatte.

Als mittelfristige Zielvorgabe nannte Homburg: "stabil über 80 Prozent im Fernverkehr und über 93 Prozent im Nahverkehr". Die Ursachen für die Verspätungen im vergangenen Winter ließen sich in drei Gruppen zusammenfassen: externe Einflüsse wie Sturmschäden, Bahnübergangsunfälle oder Suizide, Infrastruktur-Faktoren wie das große und komplexe Netz oder unerwartet hohes Verkehrsaufkommen sowie Fahrzeugengpässe aufgrund des hohen Wartungsaufwands oder mangelnder Lieferfähigkeit der Industrie.

Trotz der häufigen Verspätungen müssen Bahnkunden dieses Jahr wohl mit steigenden Ticketpreisen rechnen . "Einen Verzicht auf Preiserhöhungen kann man sich nicht jedes Jahr leisten", hat Bahnchef Rüdiger Grube der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gesagt. Über konkrete Preisschritte wolle der Vorstand aber erst im Oktober entscheiden.

abl/sto/dpa/AFP/dapd