Die Taliban haben sich durch den Mord an Ex-Präsident Rabbani eines Konkurrenten entledigt. In Afghanistan tobt der Machtkampf um die Zeit nach der Nato.
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Gedenken an Ex-Präsident Burhanuddin Rabbani in Kabul

Friedensvermittler und Ex-Präsident - die Titel des in Kabul ermordeten Burhanuddin Rabbani klingen beeindruckend. In Wahrheit ist Rabbanis politische Bilanz, wie bei so vielen Mächtigen Afghanistans, keineswegs so glänzend. Als einer der ersten Mudschahedin kämpfte er gegen die Sowjet-Besatzung. Nach deren Ende war Rabbani von 1992 bis 1996 Präsident des Landes, über das er aber wegen der zahlreichen verfeindeten Milizen und Fraktionen in Gänze gar nicht regieren konnte.

Rabbani war zu dieser Zeit in einen grausamen Bürgerkrieg um die Herrschaft am Hindukusch verwickelt, den die Taliban schließlich gewannen. Der Krieg legte die Hauptstadt Kabul in Schutt und Asche, Tausende Menschen starben. Rabbani soll in dieser Zeit diverse Kriegsverbrechen begangen haben.

Ende der neunziger Jahre war Rabbani Mitbegründer der Nordallianz, einem Bündnis von Warlords und Drogenbaronen, das gegen die Taliban kämpfte. Seit den siebziger Jahren, den Zeiten der Keimzelle der Mudschahedin-Bewegung, bis zu seinem Tod, ist der 1940 geborene Rabbani meist in der Lage gewesen, sich mit den wechselhaften Verhältnissen in Afghanistan zu arrangieren.

Afghanistans Präsident Hamid Karsai hatte ihn im vergangenen Jahr zum Leiter des sogenannten Hohen Friedensrates ernannt. In dieser Funktion sollte Rabbani Kontakte mit solchen Taliban herstellen, die bereit sind, mit der Regierung zu reden. Die Annahme aber, dass ihn die Taliban wegen seiner Aufgabe als Friedensvermittler getötet haben, kann bezweifelt werden. Denn Rabbani war nicht nur in die Verbrechen der Warlords verwickelt, er war auch Tadschike. Eine Kombination, die ihn unter den Islamisten der paschtunischen Taliban besonders unbeliebt gemacht hat. Und so darf man davon ausgehen, dass er für die extremistischen Paschtunen tatsächlich kein ernstzunehmender Friedensvermittler war.

Gefahr eines Bürgerkrieges

Ohnehin haben die Taliban kein sonderlich großes Interesse an Versöhnungsgesprächen. Denn die Zeit arbeitet für sie und alle anderen gewaltbereiten Gruppen in Afghanistan. Alle wissen, dass der Abzug der internationalen Schutztruppe Isaf bevorsteht, offiziell sollen ab Ende 2014 keine westlichen Kampfeinheiten mehr im Land sein. Warum also Versöhnungsgespräche? Ein weiteres Motiv für den Mord an Rabbani: Den Taliban steht nun für die Zeit nach 2014 ein potenziell mächtiger Konkurrent weniger gegenüber.

Zudem soll die Tötung natürlich all jenen besonders Angst machen, die mit der Regierung Karsai und den westlichen Isaf-Truppen zusammenarbeiten. Anschläge auf ranghohe Persönlichkeiten und das Verbreiten von Terror und Angst dienen eben einem ganz konkreten Zweck: den Grundstock zu bereiten für die Nach-Isaf-Zeit.

Was den leidgeprüften Afghanen dann drohen kann, war zuletzt an dem 20-stündigen Gefecht in Kabul zu sehen, als extremistische Kämpfer bis ins Diplomatenviertel der Hauptstadt vorgedrungen waren: ein blutiger Bürgerkrieg, wie ihn das Land zuletzt in den neunziger Jahren erlebt hat. Der Mord an Rabbani lässt nichts Gutes für die Zukunft Afghanistans ahnen.