99 Hundertstel gegen das eine reiche Prozent: Nur noch ein sehr kleiner Teil der US-Bevölkerung profitiert von Wachstum und wirtschaftlichen Wohltaten. Jetzt wächst die Wut im Land.
Demonstranten Las Vegas
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Demonstranten protestieren in Las Vegas gegen die Macht der Finanzbranche. Plutonomy nennt ein Analystenteam der Citigroup diese "Wirtschaft der Reichen", in der das bestgestellte Hundertstel jedes Jahr so viel verdient wie die unteren sechzig Prozent der Gesellschaft.

Der Protest sprüht Funken. Was in Süd-Manhattan begann, zündet inzwischen anderswo: In San Francisco, der alten Hochburg von Amerikas Linken, marschieren sie, auch im sonst eher schläfrigen Atlanta blockierten Demonstranten am Wochenende Plätze in der Innenstadt. Bis auf die weite Mall in Washington ist die Occupy Wall Street, also die Besetzt-Wall-Street-Bewegung, inzwischen vorgedrungen.

Es ist keine landesweite, gar flächendeckende Bewegung: Der Anti-Kriegs- und Anti-Gier-Protest flackert nur in Großstädten auf, und selten reihen sich mehr als ein paar hundert Aktivisten ein. Aber immer dabei ist ein Pappschild, auf dem sie reklamieren, in der Mehrheit zu sein: "Wir sind die 99 Prozent!"

99 Hundertstel gegen das eine, das reichste Prozent - das ist die Konfliktlinie. Oder genauer: der Graben. Die rasant wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Amerika, das immer steilere Einkommensgefälle zwischen den wenigen Vielverdienern und Millionen Habenichtsen treibt sie auf die Straße.

Der Trend begann in den siebziger Jahren. Von 1970 bis heute haben sich die Gehälter von Amerikas Top-Managern real mehr als vervierfacht; derweil stieg der durchschnittliche Lohn inflationsbereinigt um nur karge 26 Prozent. Wer oben war, bekam immer schneller immer mehr: Das Einkommen des bestverdienenden Tausendstels der US-Gesellschaft stieg von 1970 bis 2008 um 385 Prozent auf 5,6 Millionen Dollar pro Jahr; die zweitbeste Schicht (die Top 0,1 bis 0,5 Prozent) legte um 141 Prozent auf 878.139 Dollar zu. Und die dritte Cremeschicht (die Top 0,5 bis 1,0 Prozent) verbesserte sich um 90 Prozent auf exakt 443.102 Dollar. Jene 137 Millionen Amerikaner, die die unteren 90 Prozent in der Einkommenspyramide ausmachen, haben von 1970 bis 2008 mit einem Realeinkommen von 31.244 Dollar nicht einen Cent dazugewonnen.

Das ist die neue Wirklichkeit: Amerika zerfällt in zwei Teile - in die Reichen und den Rest. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat die soziale Not verschärft und Millionen Mittelschichts-Amerikaner um den Job und ihr Eigenheim gebracht. Aber die sozio-ökonomischen Triebkräfte, die Amerika zerreißen, wirken sehr viel länger.

Bis zu den späten siebziger Jahren galt ein ungeschriebener Kontrakt, der Amerikas Arbeitnehmer am Wohlstandszuwachs teilhaben ließ: Von 1947 bis 1979 stiegen Produktivität, mittleres Einkommen und durchschnittlicher Lohn weitgehend parallel. Das war der "fair deal", und der zerbrach Anfang der achtziger Jahre. Im Jahr 2007 strich das oberste Hundertstel 23,5 Prozent des Volkseinkommens ein. 1976 hatte ihr Anteil noch bei 8,9 Prozent gelegen.

Verneigt vor der Macht des Marktes

23,5 Prozent, das war der höchste Wert seit 1928, und Robert Reich, der Berkeley-Professor und frühere Arbeitsminister von Bill Clinton, sieht historische Parallelen. 1928 sei kurz danach die Great Depression hereingebrochen, 2007 folgte die "Große Rezession". Die Haute-Volée kassiert, die Wirtschaft kollabiert - ein Zufall? "Nein!", ruft Robert Reich, genau dies sei der Grund der Malaise.

Seit der Ära von Ronald Reagan habe Washington sich vor der Macht des Marktes verneigt, nur dereguliert und privatisiert und die Steuern für die Reichen im Land gesenkt. Die Mittelschicht habe ihren Konsum bis 2008 nur durch halsbrecherische Verschuldung aufrechterhalten - jetzt drohe dauerhafte Stagnation: "Amerikas Wirtschaft kann nicht aus ihrer gegenwärtigen Flaute rauskommen ohne eine Strategie, die die Kaufkraft der breiten Mittelschicht wiederbelebt." Allein die Nachfrage der reichsten fünf Prozent werde die Stagnation der Wirtschaft nicht überwinden.

Die neue Ordnung hat bereits ihr Etikett. Plutonomy hat ein Analystenteam der Citigroup diese "Wirtschaft der Reichen" getauft, in der das bestgestellte Hundertstel jedes Jahr so viel verdient wie die unteren sechzig Prozent der Gesellschaft. Auf diese Oberschicht, die zugleich 90 Prozent allen Vermögens in den USA kontrolliere, komme es allein an, rieten die Banker schon 2005. Der Rest, die 99 Prozent, sei Nebensache: "Wirtschaftliches Wachstum wird angetrieben und weitgehend konsumiert von den vermögenden Wenigen", schwärmte Ajay Kapur, damals Chefstratege der Citigroup, "die Erde wird getragen von den muskulösen Armen dieser Unternehmens-Plutokraten", die sich geschickt, kreativ und oft auf Pump technologischen Wandel und Globalisierung zu Nutze machten.

Die Zerrüttung von Amerikas Mitte begann lange vor der Krise, in den vermeintlich fetten neunziger Jahren. 27,3 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze (ein Plus von 22 Prozent) entstanden von 1990 bis 2008 in dieser Ära. Eine Analyse des Nobelpreis-Ökonomen Michael Spence offenbart aber: Dieser Segen konzentrierte sich zu 97,7 Prozent auf jene Sektoren der US-Wirtschaft, die keiner internationalen Konkurrenz ausgesetzt waren.

Die beiden größten Job-Motoren Amerikas waren das Gesundheitswesen und der öffentliche Dienst mit zusammen 10,4 Millionen neuen Jobs. Aber, so warnt Spence, dieser Pfad sei nun eine Sackgasse: Staatsverschuldung und Sparzwänge würden es verbieten, mehr Verwalter, Polizisten oder Ärzte einzustellen.

Ganz anders verlief die Entwicklung in jenem Teil der US-Wirtschaft, der sich auf den Weltmärkten behaupten muss. Dort schufen Mega-Banken und Versicherungs-Multis, globale Unternehmensberater wie auch Entwickler großer Computersysteme jede Menge hochbezahlter Topjobs. Nur, parallel raubten seit 2000 der Niedergang der Industrie und die Verlagerung vieler Fabriken in Niedriglohnländer sechs Millionen Arbeitnehmern ohne College-Abschluss ihre Existenz. Viele fanden ein neues Auskommen nur in schlecht bezahlten Billigjobs. Dieser Trend setzt sich fort: Die Hälfte aller neuen Arbeitsplätze werden bis 2018 Mac-Jobs sein, ein Drittel entsteht im Hochlohnsektor. Die Spannungen dürften wachsen.