Die Nato plant ihren Abzug vom Hindukusch. Doch das wird sich hinziehen, wenn nicht alles sinnlos gewesen sein soll. Ein Kommentar
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© Oliver Lang/dpa
Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière bei einer Visite in Afghanistan

Es klingt fast so, als ob da nur technische Details verhandelt worden wären, beim Treffen der Nato-Verteidigungsminister zu Afghanistan in Brüssel. Wer geht? Wer bleibt? Wie lange noch? Ein bisschen wirkt es so, als ob es an diesem Donnerstag vornehmlich darum gegangen wäre, ausreichend Umzugskartons für den Rückzug aus Afghanistan zu organisieren. Irgendwann 2014 kommen die Möbelwagen. So ist es aber nicht. Es geht um die weit heiklere Frage: Wie organisiert man operativ den allmählichen Abzug einer multinationalen Truppe so, dass es auf der einen Seite nicht nach Flucht oder nach Resignation aussieht und es auf der anderen Seite doch ein tatsächlicher Abzug wird?

Zehn Jahre währt dieser Einsatz nun. Und die, die ihn bewertet haben schwankten schon in der Vergangenheit irgendwo zwischen dem rigiden "Nichts ist gut in Afghanistan" und einer mühevollen, oft sehr kurvenreichen Sinnsuche - "Unsere Sicherheit wird am Hindukusch verteidigt". Überzeugt hat das in der Heimat nie so recht. Die Mehrheit der Deutschen war stets gegen das militärische Engagement weit ab vom Nato-Territorium.

De Maizière und Westerwelle

Nun geht dieser Afghanistan-Einsatz in eine neue, die Endphase. Sie ist gefährlich. Denn je näher das Ende rückt, desto stärker wird sich die Sinnfrage wieder stellen. Wie aber lauten dann die Antworten?

"Die Ziele waren zu hoch", hat Verteidigungsminister Thomas de Maizière gerade in einem stern-Interview die zurückliegenden zehn Jahre schonungslos bilanziert. Rückblickend betrachtet war dieser Einsatz zumindest phasenweise tatsächlich überaus naiv in seiner moralischen Übersteuerung. Thomas de Maizière hat das erkannt. Und er hat seine Desillusionierung nicht ohne Grund Preis gegeben. Denn zu de Maiziéres wichtigsten Aufgaben in den nächsten Monaten wird es gehören, dass den abziehenden Soldaten der Glaube an den Sinn des Einsatzes nicht auf den letzten Metern verloren geht.

Das ist schon schwer genug - die Bundeswehr wird schließlich aus einem Land abziehen, dessen Sicherheitslage alles andere als stabil ist. Mit unseren Wertmaßstäben hat die Lage am Hindukusch nur wenig bis gar nichts zu tun. Und wer weiß schon, wie es sich entwickeln wird. Es ist deshalb kein Wunder, dass der Minister einseitige Rückzugsmanöver für genauso unverantwortlich hält, wie die vorschnelle Bekanntgabe eines konkreten Rückzugplans, weil man sonst Gefahr laufen würde, die Soldaten womöglich aus einem Chaos nach Hause zu holen. Er ist mit seinen Überlegungen da übrigens nicht unbedingt mit seinem Außenminister auf einer Linie.

"Strategische Geduld"

De Maizière hat an diesem Donnerstag einen neuen Begriff in die politische Debatte eingeführt. Er lautet: "strategische Geduld". Übersetzt heißt das wohl: Nichts geht schnell zu Ende in Afghanistan.