Harald Wiederschein
focus.deMi, 09 Nov 2011 06:14 UTC
Sintflutartige Regenfälle, Erdrutsche, sogar Tote: Schuld an den apokalyptischen Unwettern in Italien und Südfrankreich ist ein riesiges Sturmtief, wie es meist nur über den Ozeanen vorkommt....
Die Satellitenbilder erinnern an Aufnahmen von Hurrikan Katrina & Co.: Über Sardinien und Korsika bis hin nach Mallorca dreht sich ein gewaltiger Wolkenwirbel, rund 500 Kilometer im Durchmesser. Die Böen des Sturmtiefs erreichen mehr als 100 Kilometer pro Stunde, manche wachsen sich gar zu orkanartiger Stärke aus. Nicht umsonst hat die US-Wetterbehörde NOAA den rasenden Wirbel als tropischen Sturm eingestuft. Als Hurrikan gilt er damit aber noch nicht, für diese Einordnung - und einen eigenen Namen - müsste die Windgeschwindigkeit im Schnitt mehr als 118 Stundenkilometer betragen.
„Dass ein derartiges Wetterereignis im Mittelmeer auftritt, ist relativ ungewöhnlich“, sagt der Meteorologe Michael Botzet vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Denn tropische Stürme entstünden normalerweise über den großen Wasseroberflächen der Ozeane und könnten über warmem Wasser am besten „überleben“ und sich sogar verstärken. „Im Mittelmeer ist dagegen verhältnismäßig wenig Platz, denn Landmassen stören die Zirkulation eines solchen Sturms.“
Hurrikans und Taifune
Besonders häufig treten tropische Stürme beziehungsweise die noch stärkeren Wirbelstürme über dem nordwestlichen Pazifik und dem Nordatlantik auf - und verheeren im ungünstigsten Fall als Taifun die Küsten Japans oder als Hurrikan diejenigen der USA. Aber auch Afrika und die Nordseite Australiens sind immer wieder betroffen.
Damit ein solcher spiralförmiger Sturm entstehen kann, müssen laut Botzet mehrere Bedingungen erfüllt sein. So sei es in der Regel notwendig, dass die Wassertemperatur mindestens 26,5 Grad Celsius betrage. „Zusätzlich muss es eine so genannte Anfangsstörung in der Atmosphäre geben, also eines oder mehrere Gewitter vor Ort.“
Die Energie warmer, feuchter Luft
Doch damit nicht genug: Nur bei einem Tiefdruckgebiet über der Wasseroberfläche kann es zu einem Luftstrom nach oben kommen. Wenn sich dann noch tiefere und höhere Luftschichten ähnlich verhalten - das heißt, beispielsweise nicht in verschiedene Richtungen strömen - ist es möglich, dass warme, feuchte Luft tatsächlich in höhere Schichten aufsteigt. Dort kühlt sie dann ab und setzt ihre Energie frei. „Aufgrund der Corioliskraft, die durch die Erddrehung ausgelöst wird, entsteht dann der zirkulare Wind“, erklärt Botzet. Und zwar auf der Nordhalbkugel entgegen dem Uhrzeigersinn, auf der Südhalbkugel im Uhrzeigersinn.
Ungewöhnlich auch in Zukunft?
Auch wenn der aktuelle Sturm im Mittelmeer relativ ungewöhnlich ist, es handelt sich doch keineswegs um den ersten seiner Art. „Auch in der Vergangenheit wurden bereits derartige Phänomene im Mittelmeer beobachtet“, sagt der Meteorologe Michael Botzet. Wenn in dieser Region überhaupt mit solchen Hurrikan-ähnlichen Stürmen zu rechnen sei, dann biete dafür der Spätherbst die geeignetsten Voraussetzungen. Zwar erreiche um diese Zeit die Wassertemperatur im Mittelmeer in der Regel keine 26,5 Grad mehr. Aber die Temperaturunterschiede zwischen den Luftschichten seien relativ groß, so dass die Bildung tropischer Stürme trotzdem möglich sei.
Unklar ist, ob künftig wegen des Klimawandels solche Wetterereignisse häufiger und in noch stärkerem Ausmaß im Mittelmeer auftreten könnten als bisher. Aktuell gilt ein solcher Zusammenhang - auch was das weltweite Auftreten von Wirbelstürmen betrifft - nicht als gesichert. „Der These, dass durch den Klimawandel derartige Ereignisse zunehmen werden, stehe ich eher skeptisch gegenüber“, sagt Botzet.
Der Sturm flaut in den nächsten Tagen ab
Zum Hurrikan wird der aktuelle tropische Sturm im Mittelmeer nicht mehr anwachsen. Die Schäden, die er angerichtet hat, sind trotzdem immens, von den Todesopfern ganz zu schweigen. Immerhin ist die Prognose für die betroffenen Regionen relativ günstig: „In den kommenden Tagen wird sich der Sturm nach und nach abschwächen“, sagt die Meteorologin Johanna Anger vom Deutschen Wetterdienst. „Allerdings sind am Mittwoch in manchen Regionen von Italien und Südfrankreich noch heftige Niederschläge zu erwarten.“
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