MAGDEBURG/DPA. Die Gefährlichkeit der Immunschwäche Aids wird nach Ansicht von Experten erheblich unterschätzt. «Wir stellen immer wieder fest, dass es seit einigen Jahren eine Wahrnehmung gibt, die das HI-Virus verharmlost», sagte der Geschäftsführer der Aids-Hilfe Sachsen-Anhalt, Sven Warminsky, der Nachrichtenagentur dpa zum bevorstehenden Welt-Aids-Tag am 1. Dezember. Ein Grund dafür sei, dass das Elend der Erkrankung und die Todesfälle aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden seien. «Auch die Berichterstattung über medizinische Fortschritte hat der Krankheit den Schrecken genommen.»
Kondom
© Archiv/dpaKondome schützen - auch vor Aids.

Das führe unter anderem dazu, dass die Menschen Aids mittlerweile eher auf die leichte Schulter nähmen. «Wenn wir HIV-Testungen durchführen, treffen wir immer wieder auf Leute, die sagen: Ach, dann nehme ich eben eine Pille und alles wird gut. Das ist aber ein fataler Irrtum.» Neue Therapien könnten das Leben eines Erkrankten zwar enorm verlängern. «Die Erkrankung ist aber weiterhin unheilbar.» Zudem hätten die Medikamente erhebliche Nebenwirkungen. «Das fängt bei Alpträumen an, führt über eine Fettleber und hört beim erhöhten Risiko für Schlaganfälle auf.»

Als riesiges Problem ist nach Ansicht der Aids-Hilfe fehlende Prävention. «In den Schulen wird deutlich zu wenig über Aids und sexuell übertragbare Erkrankungen informiert», sagte Warminsky. «Im Biologieunterricht geht es häufig nur darum, dass es diese Krankheiten gibt. Wie es dazu kommt und wie man sich schützen kann, da hört es dann auf. Sex ist eben immer noch ein Tabuthema.»

Dem Robert-Koch-Institut in Berlin sind bisher 29 Menschen aus Sachsen-Anhalt bekannt, die sich in diesem Jahr mit dem HI-Virus infiziert haben. Im vergangenen Jahr habe es 37 Meldungen zu Neuinfektionen gegeben, 2009 seien es 48 gewesen. «Die Zahl scheint zu sinken», sagt Warminsky, der auch Mitglied im Vorstand des Lesben- und Schwulenverbandes ist. Da die Labors Meldungen zu Infektionen teilweise bis zu zwei Jahre später weiterleiten, könnten die Daten sich allerdings noch ändern. Zahlen zu Todesfällen sind der Aids-Hilfe für Sachsen-Anhalt nicht bekannt.

Entgegen dem Bundestrend sind in Sachsen-Anhalt fast genauso viele Heterosexuelle von HIV betroffen wie Männer, die sexuelle Beziehungen zu Männern haben. «Die Infizierten werden auch heute noch häufig diskriminiert, wenn ihre Krankheit bekannt wird», sagte Warminsky. «Uns sind Fälle bekannt, wo der Arbeitgeber kündigt oder alle Kinder aus dem Kindergarten genommen wurden, weil herauskam, dass eine Mutter HIV-positiv ist. Deswegen raten wir jedem, genau zu überlegen, wem man davon erzählt.»