
Es war wie in einem Horrorfilm. Lauter Geisterstädte. Als wäre die Zeit stehen geblieben. Es ist offensichtlich, dass ganze Zonen über Generationen hinaus verstrahlt sind. Schockierend ist, dass es noch keine realistische Einschätzung gibt, wie es in der betroffenen Region weitergehen soll. Die Leute sind so verzweifelt, dass sie uns gefragt haben, wann sie wieder heim können. Wir hatten gerade Messungen durchgeführt, Bodenproben für das Umweltinstitut München entnommen, als eine alte Frau uns bat, bei ihr daheim zu messen. In dem Ort ging hochgiftiges Strontium nieder. Haus und Gemüsegarten sind total verstrahlt. Und dann steht diese alte Frau vor ihnen mit Tränen in den Augen, hat Angst und fragt, wann sie wieder heim kann. Wir haben uns vor der Antwort gedrückt. Hätten wir ihr sagen sollen, dass sie in ihrem Leben nicht mehr nach Hause kann?
-Aufklärungsarbeit ist Aufgabe des Staates...
Die Regierung erscheint völlig überfordert. Es gibt keine Informationen. Entschädigungen fließen nur häppchenweise. Für Häuser und Grundstücke bekommt man gar nichts. Die sind wertlos. Seit acht Monaten leben Menschen ohne Perspektive in Containerstädten. Das ist kein Leben. Das ist grauenhaft. Es gibt noch immer keine Zahlen über Opfer, keine Informationen zu Art und Umfang der Verstrahlung. 2010 waren wir in Tschernobyl. Die Leute in Japan wollten alles wissen. Über Opferzahlen, über Krebs. Über Grenzwerte und wie man damit umgeht.
-Was wissen Sie über den Grad der Verstrahlung?
Die Region um den Reaktor ist in drei Zonen aufgeteilt. Innerhalb von 20 Kilometern ist der Zutritt gesperrt. Bewaffnete stehen Wache. Bei einer Verstrahlung bis zum hundertfachen des Normalwerts wird an eine Wiederbesiedlung gedacht. Dort wird saniert und dekontaminiert. Die Methoden sind allerdings lächerlich. Mit Hochdruckstrahlern wird der Dreck von den Straßen in den nächsten Bach geblasen. Es gibt aber auch Orte, die tausendfach und mehr über Normal verstrahlt ist. Da dauert es Jahrzehnte, bis der Wert auf ein erträgliches Maß zurück gegangen ist.
-Japaner stehen bei Vielen in dem Ruf, vor allem fleißig und gefolgsam zu sein. Das Verhältnis zur Regierung muss sich unter diesen Umständen doch verändert haben?
Es gibt keine Tradition des politischen Protests, des Opponierens. Das ändert sich gerade. Die Regierung hat einen enormen Vertrauensverlust erlitten. Ich habe oft gehört, dass jemand sagte, er traue seiner Regierung nicht mehr. Was wir hier aber kaum wissen: Atomenergie wird in Japan schon immer kritisch betrachtet. Eine übermächtige Lobby hat das bloß überdeckt. Die Leute sind in Japan großteils nicht gerade glücklich darüber, in einem derart dicht besiedelten Land in einer der gefährdetsten Erdbebengebiete überhaupt von Atomkraftwerken umgeben zu sein.
-Wie werden die Menschen mit den Bildern der Katastrophe in ihrem Kopf fertig?
In der Küstenregion sind viele Leute unübersehbar traumatisiert. Selbst wir waren erschüttert, zu sehen, dass ganze Stadtteile wegrasiert sind. Einmal habe ich gedacht, auf den Überresten eines Parkplatzes zu stehen. Dabei war ich im Wohnzimmer eines Menschen, der dort lebte. Wir trafen einen alten Mann aus einem Ort mit vielen Toten, der in tiefe Depressionen verfallen war. Berufsunfähig geworden, bekam er von niemandem Unterstützung. Er fühlte sich nicht ernst genommen. Gleichzeitig quälte ihn sein schlechtes Gewissen, weil er nur an der Seele erkrankt war.
Das Gespräch führte
Andreas Sachse



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