Die italienische Terrorzelle FAI hat sich zum Briefanschlag auf Deutsche-Bank-Chef Ackermann bekannt. Deren Struktur ist derart lose, dass Ermittler bisher immer ins Leere liefen.

© Gianluca BoniEin Wappen der Italienischen Anarchistischen Föderation in Carrara
"Sie sind nicht mal ein Prozent. Aber es gibt sie", singt der französische Chansonnier Leo Ferré in seinem Lied Les Anarchistes. Will man in Italien Anarchisten sehen, dann fährt man am besten nach Carrara, die berühmte Marmorstadt in der Toskana. Dort ragt über den Hauptplatz ein Schild mit dem Kürzel FAI, umrahmt von zwei schwarz-roten Fahnen.
FAI bedeutet Italienische Anarchistische Föderation. In Italien gehört der Anarchismus zum Alltag. Die politische Bewegung trifft sich schon lange nicht mehr in geheimen Kellergewölben. Sie betreibt Kulturzentren, verkauft Bücher, veranstaltet Konzerte. In den Kulturzentren der FAI stößt man auf eine bunte Mischung aus rabiaten Punkern und seriösen alten Herren. Einmal im Jahr treffen sich die FAI-Anhänger außerdem in Carrara, um gemeinsam den 1. Mai mit einer lauten, friedlichen Parade zu begehen.
Trittbrettfahrer verüben AnschlägeDoch es gibt in Italien auch eine andere FAI, die Informelle Anarchische Föderation. Sie war es, die sich in einem Schreiben zu der Briefbombe an Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann bekannte. Dass die Linksextremen das gleiche Kürzel wie Italienische Anarchistische Föderation verwenden, ist dabei kein Zufall. Die informellen Anarchisten wollen den Namen der historisch gewachsenen FAI ausnutzen und die Polizei verwirren.
Im Dezember 2003 ließen gewaltbereite Anarchisten zwei Dampfkochtöpfe voller Sprengstoff neben der Residenz des damaligen Präsidenten der Europäischen Kommission, Romano Prodi, in Brüssel explodieren. Zum Anschlag bekannten sich erstmals die "informelle" FAI und eine Organisation mit dem ungewöhnlichen Namen Cooperativa artigiana fuoco e affini - occasionalmente spettacolare (zu Deutsch: Handwerkerkooperative Feuer und Sonstiges - gelegentlich spektakulär). Eine Woche später wurden außerdem insgesamt sechs Briefbomben, die ähnliche Bekenntnisschreiben enthielten, an verschiedene EU-Beamte und Abgeordnete geschickt. Schon seit diesen Vorfällen distanzierte sich die "richtige" FAI ausdrücklich von den Terroristen.
Doch die ließen sich nicht abschrecken. Seitdem tauchte das Bekennerkürzel FAI immer wieder auf: 2004 bekannte sich die "informelle" FAI zu vier Anschlägen, zwei auf italienische Zeitarbeitsfirmen, einem auf das Mailänder Gefängnis und einem auf eine Polizeistation. Italiens damaliger Innenminister Giuseppe Pisanu referierte vor dem Parlament über die Anschlagwelle und sagte, dass "eine sehr konkrete Gefahr aus den anarchischen Kreisen hervorgeht".
Im selben Jahr begann im Land der erste große Polizeieinsatz gegen den anarchistischen Terrorismus. Unter dem Operationsnamen Cervantes führte die Polizei 190 Razzien durch, es kam zu 22 Festnahmen und 13 Verhaftungen. Nichtdestotrotz konnte die "falsche" FAI 2005 vier weitere Briefanschläge verüben, diesmal gegen zwei Polizeistationen, die Präfektur in Lecce und das Rathaus in Bologna. Zwischen 2006 und 2010 richtete sich der Terror unter anderem gegen Polizeischulen, Botschaften und die Elite-Wirtschaftsakademie Bocconi. Dabei wurden zwei Menschen schwer verletzt.
In ihren Bekennerschreiben wandte sich die FAI immer gegen die Staatsmacht im Allgemeinen, konkrete Forderungen stellte sie nicht auf. Sowieso ist völlig unklar, ob immer die gleichen Personen hinter den Anschlägen steckten. Es sieht eher so aus, als sei dies nicht der Fall.
Die Einzeltat als PrinzipDenn seit Jahren laufen Polizeieinsätze ins Leere. Die Ermittler fanden keine Hinweise auf eine organisierte Terrorstruktur. Im Gegenteil: Einmal machte ein Verdächtiger dem Sondereinsatzkommando sogar ganz friedlich die Tür auf. Wegen des massiven Polizeiaufgebotes vor seinem Haus hatte er zuvor bei der örtlichen Polizei erkundet, was denn los sei. Er und vier andere Männer waren verdächtigt worden, einen Brief mit zwei Patronen und dem Kürzel FAI an den Präsidenten der Region geschickt zu haben - kleine Fische im Gegensatz zu den sonstigen Sprengkörpern.
Von den 34 Verdächtigten, die während des Cervantes-Einsatzes festgenommen worden waren, wurden drei zu einer Haftstrafe wegen Terrorismus verurteilt. Das Berufungsgericht sprach sie allerdings 2007 wieder frei.
Die FAI bietet Franchising des TerrorsAuffällig ist bei diesem vermeintlichen Anarchisten-Netzwerk, dass es kaum organisiert ist und dass Führungspersönlichkeiten völlig fehlen. Auf persönliche Treffen setzt man nicht, dafür hat die Informelle Anarchistische Föderation aber eine eigene Facebook-Seite mit 112 "Freunden".
Die fehlende Infrastruktur der Organisation ist ganz offensichtlich gewollt. In einem Manifest aus dem Jahr 2004 schreiben die Verfasser: "Nur eine chaotische Organisation ohne jegliches Machtzentrum kann die Freiheitsansprüche unserer Zeit verfolgen." Auch ein weiterer Satz ist vielsagend: "Einige Tausend Individuen, die sich untereinander nicht mal kennen, sich aber durch Taten erkennbar machen, können nicht von der Staatsmacht infiltriert werden." Zum Schluss verweisen die Anarchisten darauf, dass man nur "aktives Mitglied" in der "informellen FAI" sein könne, "wenn man operativ tätig wird".
"Die größte Gefahr im modernen Terrorismus geht von einsamen Wölfen aus", sagte neulich der Vorsitzende des Anti-Terror-Komitees des Innenministeriums, Stefano Berrettoni, in einem Interview mit der Tageszeitung Il Giornale: "Das sind oft einzelne Individuen, gesellschaftlich isoliert, die ihre Ideologie aus den Web-Foren ziehen."
Die FAI veranstaltet in diesem Sinne modernen Terror. Sie bietet nur eine Unterschrift und eine Ideologie an, eine Art Franchising des Terrors. Dieses Mal hätte es Josef Ackermann treffen können.
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