
Rio de Janeiro - Gewarnt hatten sie ihn natürlich. Als Kirchenoberhaupt durch südamerikanische Großstädte rollen ohne kugelsicheres Papamobil - womöglich keine so gute Idee, ließen Brasiliens Verteidigungs- und Innenminister den Papst vor seiner ersten Auslandsreise wissen. "Sehr unangenehm" sei die Wahl eines ungepanzerten Fahrzeugs für die Sicherheitskräfte, fügte der verantwortliche General hinzu.
Dass es bei Franziskus' Ankunft zum Weltjugendtag in Brasilien jetzt zu tumultartigen Szenen kam, ist also nicht völlig überraschend. Neu ist hingegen die wilde Entschlossenheit, mit der der Argentinier als Pontifex zum Anfassen auftritt - selbst in Situationen, die für ihn gefährlich werden könnten.
Zum Auftakt seines einwöchigen Weltjugendtagbesuchs in Rio fuhr der 76-Jährige nach der Landung am Flughafen in einem Fiat Richtung Stadtzentrum. Vielen Beobachtern stockte der Atem, als sein Kleinwagen dabei im Verkehr steckenblieb und mehrfach von Hunderten Menschen bestürmt wurde.
"Ein etwas schwieriger Augenblick"
"Es gab einen Moment, in dem das Auto eine falsche Route nahm und steckenblieb", sagte Papstsprecher Federico Lombardi. "Das war ein etwas schwieriger Augenblick. Aber es war der Moment, in dem der Papst den Enthusiasmus der Leute sehen konnte."
Franziskus in Brasilien: Falsche Route, Bad in der MengeSchuld am ungeplanten Bad in der Menge war wohl ein Fehler des Fahrers. Nach Behördenangaben hatte der sich auf der zwölfspurigen Avenida Presidente Vargas falsch eingeordnet: Eigens für den Papst hatte die Polizei die linken Fahrspuren gesperrt; stattdessen landete der Wagen auf der rechten Seite, wo sich Busse und Taxen in Richtung Innenstadt quälten.
An anderen Abschnitten der Route in die Stadt gab es offenbar keine Absperrungen; auch die Polizei war nirgends zu sehen. Schaulustigen am Straßenrand war es so ein Leichtes, an den Papst-Fiat heranzukommen.
Küsschen für ein Baby
Knapp 40 Sicherheitskräfte in Zivil versuchten vergeblich, die heranstürmende Menschenmenge zurückzuhalten. Franziskus schien die Szene allerdings nicht zu beeindrucken: Im Fond des Wagens sitzend öffnete er sogar ein Fenster, winkte der Menge und berührte die Hände, die die Gläubigen ins Auto streckten. Für ein Baby, das ihm eine Frau reichte, gab es sogar ein Küsschen.
"Sein Sekretär hatte Angst, aber der Papst war glücklich", kommentierte Lombardi den Zwischenfall - gab aber zu, es habe womöglich Fehler gegeben, die es nun zu korrigieren gelte. "Das alles ist neu für uns, und vielleicht auch eine Lektion für die kommenden Tage."
Dass nicht alle Menschen in Brasilien vom Papst ein Küsschen wollen, hatte sich wenige Stunden zuvor im Wallfahrtsort Aparecida gezeigt. Dort entdeckte die Polizei einen selbst gebauten Sprengsatz nahe der Kirche, in der Franziskus am Mittwoch zu einer Messe erwartet wird. Die Bombe befand sich in einer Toilette auf einem nahen Parkplatz, Experten machten ihn unschädlich. Zu keiner Zeit habe Gefahr für die Pilger bestanden, teilte die Polizei mit.
Polizist durch Molotow-Cocktail verletzt
In Rio ist ein massives Polizei- und Militäraufgebot im Einsatz - auch vor dem Hintergrund der zum Teil gewalttätigen Proteste, die das Land seit Wochen in Atem halten. Zuletzt waren sie zwar etwas abgeebbt, aber noch immer gehen regelmäßig Menschen auf die Straße. Erst vergangene Woche gab es in Rio Plünderungen, als Demonstranten Schaufensterscheiben einschmissen und Barrikaden anzündeten.
Auch am Montagabend gerieten wieder Randalierer und Sicherheitskräfte aneinander, dabei wurde ein Polizist durch einen Molotow-Cocktail verletzt. Auch ein Journalist habe Verletzungen durch einen Brandsatz erlitten, berichtete der Fernsehsender Globo. Die Polizei setzte den Angaben zufolge Gummigeschosse ein.
Franziskus zeigte sich von alledem unbeeindruckt. Nach den chaotischen Minuten im Stadtverkehr stieg er an der Kathedrale in einen offenen Geländewagen um und wurde von Zehntausenden Menschen umjubelt. Später flog Franziskus per Hubschrauber zum Palácio Guanabara, dem Sitz des Gouverneurs von Rio de Janeiro, wo er auch mit Staatschefin Dilma Rousseff zusammentraf.
Die Weltjugendtagbesucher wird er erstmals am Donnerstag zum "Papst-Willkommen" an der Copacabana treffen. "Ich bin gekommen, um junge Menschen aus allen Teilen der Welt zu treffen, die von den offenen Armen Christi des Erlösers angezogen werden", sagte der Papst mit Blick auf Rios Wahrzeichen, die Christus-Erlöser-Statue, die auch das Logo des 28. Weltjugendtages ist.
Zu dem katholischen Jugendtreffen werden eineinhalb Millionen Pilger erwartet. Die Megaveranstaltung wird am Dienstag eröffnet und endet am Sonntag mit einer Messe weit vor den Toren Rios.
rls/dpa/AP




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