Herr Meiler, gestern Abend kam es in Spanien zum schlimmsten Zugunglück seit 40 Jahren: Mindestens 78 Menschen starben, mehr als hundert sind verletzt. Wie ist der Stand der Dinge?
Von den 220 Zugpassagieren sind nur ganz wenige unverletzt geblieben, zehn der Verletzten schweben in Lebensgefahr. Vor allem auch die Anwohner stehen unter Schock. Offenbar gab es eine riesige Explosion und erdbebenähnliche Erschütterungen, als der Zug entgleiste. Die Lage kurz nach dem Unglück war chaotisch, doch die Einsatzkräfte waren schnell vor Ort - auch, weil sich der Unfall nur wenige Kilometer von Santiago de Compostela entfernt ereignete. Auf TV-Bildern sah man, wie Angehörige von Opfern versuchten, zur Unfallstelle zu gelangen, und von Sicherheitskräften zurückgehalten werden mussten.
Wie reagieren die Spanier auf dieses Unglück?
Sie sind erschüttert. Seit gestern Abend gibt es Sondersendungen auf allen Kanälen. Ausgerechnet heute hätte in Santiago de Compostela ein Fest zu Ehren des Schutzpatrons von Galicien stattfinden sollen, die Feiern wurden abgesagt und sieben Tage Staatstrauer ausgerufen. Viele Menschen sind extra für das Fest hierher gereist. Gleichzeitig gab es in den ersten Stunden nach dem Unglück eine riesige Solidaritätswelle. Dutzende Leute sind in die Krankenhäuser gegangen, um Blut für die Opfer zu spenden.
Es ist der erste Unfall auf der spanischen Intercitystrecke AVE. War die Sicherheit zuvor ein Thema?
Nein, überhaupt nicht. Das AVE-Netz hat höchstens aus wirtschaftlichen Gründen zu Diskussionen geführt: Man fragte sich, wie gut die Zugstrecken ausgelastet sind, ob die Preise zu hoch sind, ob sich die hohen Investitionen der letzten Jahre lohnen. Die Sicherheit hat nie Anlass zur Sorge gegeben, die Züge - auch der verunglückte des Typs Alvia, der etwas weniger schnell fährt als die AVE-Züge - sind sehr modern und das Streckensystem gut ausgebaut. Ich bin in Spanien selber oft mit dem Zug unterwegs - ich habe mich noch nie unsicher gefühlt.
Der Zug fuhr mit 190 statt 80 km/h in eine scharfe Kurve ein, obwohl moderne Sicherheitssysteme dies verhindern müssten. Wie erklärt man sich das in Spanien?
Das ist nun die grosse Frage, die sich ganz Spanien stellt. Gerätselt wird über einen Funkspruch, den der Lokführer kurz nach dem Unglück absetzte: «Wir sind nur Menschen! Wir sind nur Menschen! Ich hoffe, es gibt keine Toten, denn ich hätte sie auf dem Gewissen», sagt er darin laut der Zeitung El País. Er wusste, dass er doppelt so schnell unterwegs gewesen war wie vorgegeben. Man fragt sich: Wollte sich der Lokführer beeilen, weil er fünf Minuten Verspätung hatte? Konnte oder wollte er nicht bremsen? Es gibt auch Experten, die sagen, es sei schier unmöglich, dass es allein wegen des Versehens des Lokführers zum Unglück kam.
Die Unglückskurve wurde von Bahnexperten schon bei der Eröffnung der Strecke vor zwei Jahren als gefährlich bezeichnet.
Das stimmt: Der Zug fährt vorher während 80 Kilometern auf einer schnurgeraden Strecke, mit einem Tempo von 220 km/h, und muss dann innert kürzester Zeit herunterbremsen. Es könnte auch sein, dass die Signalisierung versagte oder dass noch ein altes Gleissystem im Einsatz war und es deswegen Probleme gab.
Wie ist der Ruf der spanischen Eisenbahngesellschaft Renfe in der Bevölkerung?
Er ist gut, vor allem seit Spanien vor zwei Jahren den Auftrag zum Bau eines saudischen Pilgerzugs nach dem Modell des AVE nach Mekka gewonnen hat. Damit hat das Image noch zusätzlich an Wert gewonnen. Der Vertrag über 6,7 Milliarden Euro war ein Lichtblick in düsteren Zeiten, Renfe wurde zum Stolz vieler Spanier.
Und welchen Stellenwert hat der Zugverkehr in Spanien?
Die Spanier setzen sich eher ins Auto als in den Zug - wie alle Südländer. Der Ausbau der Hochgeschwindigkeitsnetzes in den letzten Jahren hat das Zugreisen allerdings verändert und beliebter gemacht - auch wenn sich viele Spanier die relativ teuren Tickets nicht leisten können.
Oliver Meiler ist Mittelmeer-Korrespondent des Tages-Anzeigers.baz.ch/Newsnet




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