Deeskalation ist keine Stärke der ägyptischen Polizei. Doch auch die angebliche Friedfertigkeit der Islamisten ist nur Fassade. Die Spirale der Gewalt dreht sich so immer weiter - und lässt eine Versöhnung in die Ferne rücken.

Kairo. „Hört auf mit dem Blutvergießen!“, ist die Botschaft, die das Ministerium für islamische Stiftungen den ägyptischen Imamen für ihre Freitagspredigt mitgegeben hat. Doch die Brandstifter in dem Land hören nicht meh
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Rauch steigt auf bei den Protesten ägyptischer Islamisten, die noch immer die Wiedereinsetzung von Mohammed Mursi fordern.
r auf die Stimmen der Vernunft und Versöhnung.

Zwar versuchen die islamistischen Demonstranten und die Sicherheitskräfte an diesem „Freitag der Wut“ zunächst, einander aus dem Weg zu gehen. Doch der Frieden hält nur wenige Minuten. Dann sausen in zwei Provinzstädten die ersten Steine der Demonstranten und Tränengas-Granaten der Polizei durch die Luft. Die Soldaten beschränken sich - wie schon während der Massenproteste gegen Präsident Husni Mubarak 2011 - darauf, einige zentrale Gebäude und Straßen zu sichern. Bei Straßenkämpfen zwischen Islamisten und Sicherheitskräften werden mehr als 80 Menschen getötet, etwa 300 verletzt. Die meisten Opfer gibt es am Rande der zentralen Kundgebung am Ramses-Platz in der Innenstadt von Kairo. Der Muslimbruderschaft zufolge erschoss die Polizei hier 45 Demonstranten. Beamte des Innenministeriums erklärten, Dutzende Demonstranten hätten die nahe gelegene Polizeistation attackiert. Daraufhin sei ein Feuerggefecht entbrannt, bei dem Unbeteiligte getötet worden seien.

„Wir sind friedlich, unsere Anhänger zünden keine Kirchen an“, betont derweil ein Sprecher der Muslimbruderschaft. Doch eine Antwort auf die Frage, wer denn die Schuld an den mehr als 40 Angriffen auf christliche Einrichtungen trägt, bleiben sie schuldig. Auch dürfte niemand ernsthaft bezweifeln, dass die bewaffneten Gruppen, die während der Demonstrationen mehrere Polizeistationen und Straßensperren in Kairo und in der Stadt Al-Arisch angreifen, aus den radikalen Islamisten-Parteien stammen.

Doch auch die Gegner der Islamisten sind nicht immer friedlich. Als sich ein Demonstrationszug auf dem Weg zu der zentralen Kundgebung am Ramses-Platz dem Armenviertel Bulak nähert, fliegen erst Steine aus mehreren Häusern. Aus dem Demonstrationszug lösen sich daraufhin mehrere Männer mit Schusswaffen. Sie feuern auf die umliegenden Häuser. Kurz darauf schlägt den Islamisten der blanke Hass der Bewohner des Armenviertels entgegen. Mit Messern und Schlagstöcken versperren sie den Demonstranten den Weg und drängen sie zurück auf die Nil-Insel Zamalek.

Das Vorgehen der Polizei und anschließende Attacken von Islamisten forderten bis zum Beginn der Freitagsgebete gestern etwa 600 Todesopfer. Der Muslimbruderschaft zufolge liegt die Zahl mit 2600 Todesopfern viel höher. Zur Leichenhalle der Stadt, die ohnehin schon voll ist, sei es ein zu langer Weg in der Sommerhitze Kairos, sagt Anwalt Adel Adib. Mehr als 230 in Tücher gewickelte Tote sind in der Al-Iman-Moschee im Nordwesten Kairos aufgebahrt, damit Angehörige sie identifizieren und bestatten können. Er sei als Vertreter des ägyptischen Anwaltsvereins da, um die Angehörigen darin zu unterstützen, eine Bestattungserlaubnis zu bekommen, erzählt Adib. Mit einem Kollegen ist es ihm gelungen, ein Team von Gerichtsmedizinern herzubringen. Sie würden die Untersuchungen an den Leichen vornehmen und sie für die Bestattung freigeben, sofern die Familien auf ihr Recht auf eine Obduktion verzichteten, erklärt Adib. Das schließt zwar aus, dass es jemals Ermittlungen wegen der Todesursache gibt, aber damit rechnet ohnehin niemand.

Die Klimaanlage der Moschee kommt kaum mit dem Kühlen nach, um die Verwesung zu verlangsamen. Auf einigen Körpern liegen Eisblöcke. Männer versprühen Lufterfrischer, um den Gestank des Todes zu überdecken. Trauernde Frauen sitzen schweigend neben den Toten. Durch viele Leichentücher sickert Blut. Das Leid in der improvisierten Leichenhalle ist eine Folge des Massakers, das Kairo am Mittwoch erlebte. Schwer bewaffnete Polizisten und Militärs hatten den Protest zerschlagen.

Einige der Politiker, die den Flächenbrand in Ägypten mit ihren Reden entfacht haben, schweigen nun, während sich der Hass auf den Straßen immer weiter entlädt. Andere, die zwar Frieden gepredigt haben, aber letztlich erfolglos blieben, ziehen sich voller Abscheu über die Gewalt zurück. Vizepräsident Mohammed El-Baradei war der erste von ihnen. Am Freitag legte der Journalist Chalid Dawud sein Amt als Sprecher der Nationalen Rettungsfront nieder.

Dass sich die politischen Rivalen demnächst aus freien Stücken an einen Tisch setzen, um nach einem Ausweg aus der Krise zu suchen, ist unwahrscheinlich. Auch ausländische Vermittler können im Moment kaum einen Hebel ansetzen, um die Kontrahenten zu einem Kompromiss zu bewegen.

dpa