Ein 54-jähriger Kindergärtner steht vor Gericht, weil er sich am Sohn seiner Vermieterin an die 20-mal vergangen haben soll. Der Angeklagte beteuert seine Unschuld und vermutet, dass sich der heute 13-Jährige nur in den Mittelpunkt stellen will

Wien - Kinderschändung ist einer der schwerwiegendsten Vorwürfe, die man einem Menschen machen kann. Erst recht, wenn er (in fast allen Fällen sind es Männer) beruflich mit Kindern zu tun hat. Denn stimmt die Anklage, waren jahrelang Buben und Mädchen in Gefahr. Doch stimmt sie nicht, kann es dennoch das Ende der beruflichen und privaten Existenz bedeuten.

Philipp Müller (Name geändert, Anm.) ist derzeit in dieser Situation. Er steht in Wien vor einem Schöffengericht unter Vorsitz von Martina Krainz, weil er den Sohn seiner Vermieterin, damals zwischen acht und zehn Jahre alt, 20-mal sexuell missbraucht haben soll, indem er dessen Penis in den Mund nahm.

Beteuert Unschuld

"Ich bin absolut nicht schuldig", antwortet der 54-Jährige am Beginn mit fester Stimme auf die Frage von Krainz, worauf er plädiere. "Ich dachte erst, es ist ein komischer Witz, als ich mit den Vorwürfen konfrontiert worden bin. Als ich meine Chefin informiert habe, hat die gesagt, ich solle mir keine Sorgen machen."

Seine Chefin ist die Leiterin eines Kindergartens. Sie hatte ihn 2008 eingestellt, als er nach Wien übersiedelt ist. Gute Referenzen konnte er vorweisen: Seit fast 30 Jahren betreut er Kinder, in einem Heim für Schwererziehbare, als Vorschullehrer und als Kindergärtner.

"Ich habe das grob hochgerechnet - in 10.000 Tagen Berufstätigkeit gab es keine einzige Beschwerde gegen ihn, alle Dienstzeugnisse sind voll mit höchstem Lob", versucht sein Verteidiger Roland Friis das Motiv seines Mandanten infrage zu stellen. Denn: "Niemand vergeht sich ohne Begierde oder Trieb an einem Kind. Und man ändert seine sexuellen Vorlieben nicht plötzlich - er hätte also die ganzen Jahre pädophil sein müssen."

Beweisstück: Fernbedienung

Doch Friis will auch handfeste Beweise haben. Unter anderem eine TV-Fernbedienung. Die ist recht groß und damit aus Sicht des Verteidigers ein Entlastungsbeweis. Schließlich soll Müller das Utensil in der Unterhose unter seinen Penis geklemmt haben, von wo es der Bub herausholen musste, wie dieser sagt. Noch wichtiger seien die angeblichen Tatzeitpunkte: Denn der heute 13-Jährige hat gesagt, die Vorfälle seien Mittag oder etwas später passiert. Müllers Chefin könne aber für mindestens 13 Tage bezeugen, dass er unmöglich vor 18 Uhr in der Wohnung gewesen sein könne, da er gearbeitet habe.

Das Kind erzählt laut Staatsanwaltschaft allerdings ganz anderes. Müller sei als Mieter in ein Zimmer der Wohnung gezogen und habe, da die Mutter berufstätig war, auf ihn aufgepasst, was der Angeklagte auch nicht bestreitet.

Nur: Beim Kindersitting soll ihn der Mann immer wieder aufgefordert haben, sich halb auszuziehen, und dann die inkriminierten Taten vollbracht haben. Zwang oder Drohungen seien zwar nicht im Spiel gewesen, aber die Ermahnung, niemandem etwas zu erzählen.

Erst im vergangenen Herbst vertraute sich der Bub seiner Mutter an - per SMS. "Ich habe ihm auf Anhieb geglaubt", sagt diese im Zeugenstand. Sie sagt offen und glaubwürdig aus: Dass man sich mit dem Untermieter gut verstanden hätte. "Er hat ihm Zaubertricks und Witze beigebracht und war eine Art Berater für mich", schildert die Alleinerzieherin.

Kontakt nach Auszug

Unumwunden sagt sie auch, dass man nach seinem Auszug noch eineinhalb Jahre Kontakt mit Müller gehabt hätten. Auch in seiner neuen Wohnung habe dieser gelegentlich auf ihren Sohn aufgepasst.

Verteidiger Friis hakt nach und will wissen, ob bei dem Kind im fraglichen Zeitraum irgendetwas auffällig gewesen sei. "Nein, sein Wesen hat sich zwischen 2008 und 2010 eigentlich nicht verändert." Ihr Sohn sei "ein sehr gewinnendes Kind, vielleicht ein bisschen ein Besserwisser, der auch die Konfrontation mag".

Müller, dessen langjährige Lebensgefährtin bezüglich des heterosexuellen Sexuallebens zu seinen Gunsten aussagt, vermutet dagegen, dass das Kind sich in den Mittelpunkt stellen wolle.

Im September wird fortgesetzt.