Zum Tod des Schriftstellers Erich Loest: Er war ein Unverzagter, der die deutsche Geschichte tapfer durchlitt. Eine persönliche Erinnerung

© Hendrik Schmidt/dpaErich Loest in seiner Wohnung in Leipzig im Februar 2001
Als Erich Loest sich aus dem Fenster stürzte, saß ich mit den Generaldirektoren der DDR beim Wein. So ist das wohl, wenn die deutsche Geschichte sich gleichzeitig ereignet, als Tragödie und als Farce. Während in Leipzig der alte Regimegegner verzweifelte, hatten in Berlin die alten Funktionäre irgendwie überlebt. Donnerstag ist der Tag, an dem sie sich einmal pro Monat treffen, im Vergangenheitsklub der Wirtschaftsbosse. Dort streiten sie, warum die DDR unterging. Komische Frage eigentlich, weil die Antwort doch klar ist. Aber das fiel mir erst später auf, kurz vor Mitternacht, als die E-Mail meines Kollegen aufploppte: Erich Loest sei tot.
Loest? Den konnte man sich nicht tot vorstellen. Wenn es im Osten brenzlig wurde, durfte man ihn immer besuchen und um Rat fragen. Ewig stand er nun schon auf meinem Notizzettel und wegen des Völkerschlachtjubiläums immer dringlicher: Loest in Leipzig besuchen! Zum Schreiben überreden! Aber so ist das, wenn man das Wichtige aufschiebt. Jähe Trauer. Und der Zorn, am falschen Ort zu sein, ausgerechnet in Berlin, bei den Systemtreuen. Als hätte der alte Systemkritiker Loest, wenn wir ihn nur zum Völkerschlachtdenkmal gezerrt hätten, keine Zeit gehabt für den Fenstersturz.
Ach, Loest. Wer ihn kannte, wusste: So einer sprang doch nicht aus dem zweiten Stock eines Krankenhauses. Erich Loest, der bärbeißige, mutige, unverzagte, unerbittliche Diktaturenüberleber. Den Zweiten Weltkrieg überstand er als einer jener
Jungen, die übrig blieben (so heißt sein Debütroman von 1950), den Staatssozialismus hielt er aus nach dem Motto
Es geht seinen Gang (1971), das Zuchthaus Bautzen schrieb er sich nach Übersiedelung in den Westen von der Seele mit
Durch die Erde ein Riß (1981).
Als ich ihn 2004 persönlich kennenlernte, da war Erich Loest bereits eine aussterbende Art, aber schien unverwüstlich: ein politischer Schriftsteller, der es ernst meinte, der sich selbst keinen Opportunismus durchgehen ließ, der auf Feigheit allergisch reagierte und sich immer einmischen musste, wo Unrecht geschah. Er war ein Vielschreiber. Seine Stasibespitzler attackierte er mit dem
Zorn des Schafes (1990), die friedliche Revolution feierte er in
Nikolaikirche (Roman, 1995), seine Heimkehr nach Leipzig besiegelte er mit der kritischen Chronik
Löwenstadt (2009), und dass er nicht aufgeben würde, fürchteten seine Gegner nach dem Geburtstagsbuch M
an ist ja keine Achtzig mehr (2011). Seine Gegner, das waren vor allem die Geschichtsklitterer. Solche, die bis heute glauben, dass es mit dem Staatssozialismus auch hätte gut ausgehen können.
Loest wollte nicht zurückkehrenWoran ging die Diktatur nochmal zugrunde? Erich Loest hat die Antwort schon vor mehr als einem halben Jahrhundert am eigenen Leib erfahren: als sie ihn einsperrten im Namen des wahren Sozialismus, um ihm die abweichenden Meinungen auszutreiben. Sieben Jahre Bautzen lautete das Urteil. Der junge Marxist Loest landete dort, wo der absolute Wahrheitsanspruch, wo die linke Erlösungsutopie nunmal enden mussten: ganz unten. Aber was hieß unten? Die Gedenkstätte Bautzen hat Loest nach dem Mauerfall immer wieder vergeblich eingeladen, um in seinem alten Knast zu lesen. Für manche ehemalige Häftlinge war so eine Rückkehr eine Befreiung - zu sehen, dass ihr Gefängnis keines mehr war. Aber Loest wollte nicht zurückkehren.
Vielleicht liegt hier der Schlüssel zum Verständnis seines Selbstmords. Dass einer, der ein Übermaß an Unmenschlichkeit erfahren hat, vielleicht nie ganz ins Helle zurückkehrt. Wie schwach er war, wir wissen es nicht.
Woran ich mich erinnere: Wie er bei unserem letzten Treffen in Leipzig, als es ihm gesundheitlich sehr schlecht ging, auf die Frage nach seinem Befinden reagierte: Er brummte Unverständliches und ging rasch zur Politik über.
So sind sie. Männer, die übrig blieben. Die guten jedenfalls. Sie können einfach nicht klagen. Über Bautzen hat Erich Loest trotz vieler Bücher nicht groß geredet. Wenn man genau liest, hat er das erlittene Leid auch nie ausgebreitet, er, der sonst keine Scheu hatte, die Dinge beim Namen zu nennen. Direkt und ohne falsche Scheu. Loest war ein realistischer Erzähler alter Schule. Er erzählte, was geschah. Aber er verschwieg, was ihm im Innersten widerfuhr.
Ein UnerschrockenerMan konnte die Last ahnen, manchmal, wenn das Gespräch auf die Haft kam. Einmal ist Erich Loest in einem Leipziger Café, wo wir über die Opferrente für politische Häftlinge der DDR sprachen, abrupt verstummt. Stand vom Tisch auf. Er müsse jetzt leider gehen. Er, der sich sonst immer Zeit nahm und jeden Dissens höflich aushielt. Ich habe das Thema nie wieder angesprochen.
Es gab so viele andere Themen. Zuletzt versuchte Erich Loest zu verhindern, dass im Neubau der Leipziger Universität das alte staatstragende Gemälde von Werner Tübke wieder aufgehängt wurde:
Arbeiterklasse und Intelligenz. Die westdeutsche Universitätsleitung fand es schick, obwohl Tübken einige DDR-Funktionäre feierte, durch deren Schuld seinerzeit Studenten ins Gefängnis kamen, von denen einer sogar starb. Die ostdeutschen Politiker der Stadt Leipzig sahen da heute auch kein Problem. Also gab Loest auf eigene Kosten ein Gegengemälde in Auftrag, das nicht die Täter feierte, sondern den Opfern ein Denkmal setzte.
So war Erich Loest. Ein Selbsthelfer. Ein Überlebender. Ein Unerschrockener. Wer ihn in Leipzig besuchen durfte, der trat ins Helle. Dafür bin ich ihm dankbar. Ihm und seiner klugen, liebenswürdigen Ehefrau Hilde Rotta. Der Mann, der so lange übrig blieb, hat einen Schritt ins Dunkle getan. Ich schlage sein Tagebuch auf, die letzte Seite. Da endete der Leipziger Gemäldestreit in der bitteren Bilanz: "Meine Kraft ist aufgebraucht." Aber das war nicht das Ende. Weiter unten, am Schluss des Tagebuchs steht im September 2011 - und das ist typisch für Erich Loest - "Noch nie war ich 85. Ich bin gespannt."
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