Wer am 28. August morgens Nachrichten sah, hörte oder las, musste annehmen, im falschen Land aufgewacht zu sein. Landauf, landab wurde verkündet, Alte und Kranke würden systematisch aus der gesetzlichen Kasse gedrängt. Hintergrund ist ein Tätigkeitsbericht des Bundesversicherungsamtes aus dem Internet, der in der Frankfurter Rundschau aufgearbeitet wurde. Der berechtigten Kritik an den Krankenkassen wurde durch einen schmalen Bericht indes ein Bärendienst erwiesen.

© Robert Kneschke / Shutterstock
In den Berichten großer Medien hieß es, die Kassen benachteiligten Versicherte mit hohem Kostenrisiko oft schon bei der Anwerbung. Zudem würde sogar versucht, behinderte und chronisch kranke Menschen am Telefon zur Kündigung zu bewegen. Hintergrund ist der
Abrechnungsmodus für die gesetzlichen Krankenkassen, denen auf den ersten Blick bei gleichbleibend hohen Einnahmen immer höhere Ausgaben gegenüberstünden.
Wer (chronisch) krank ist oder altersbedingt mit zunehmenden körperlichen Gebrechen rechnen muss, zahlt weiterhin einkommensbasierte Beiträge
und wird damit rechnerisch zu einem schlechten Geschäft. So weit die allgemeine Vorstellung zum Geschäftsmodell gesetzlicher Krankenkassen und zum Hintergrund der Vorwürfe.
Der Bericht greift allerdings zu kurz. Wer sich die Mühe macht und selbst liest (im Internet möglich), wird ganz andere Zitate finden: »Die Ermittlungen haben ergeben, das es sich nicht um ein großmaßstäbliches Vorgehen der Krankenkasse gehandelt hat«, lautet ein Befund. Zwar wird der Name der Krankenkasse nicht genannt, es dürfte sich allerdings um die KKH Allianz handeln, die im Herbst vergangenen Jahres negativ aufgefallen ist. Demnach haben Mitarbeiter - teils erfolgreich - versucht, ältere und kranke Versicherungsnehmer zur Kündigung der Mitgliedschaft in der Krankenkasse zu bewegen.
Zu Recht verweist der Behördenbericht darauf, dass dieser »Sachverhalt auch ein erhebliches Medienecho ausgelöst« hat - mit entsprechendem Ergebnis. Die Kasse räumte Versäumnisse ein und auf Nachforschungen stellte sich heraus, dass es in der Tat um Einzelfälle ging. Ob nun der Vorstand davon vorab wusste oder dies sogar förderte, sei dahingestellt. Methode hat genau dieser Vorwurf jedoch nicht.
Das heißt: Sowohl der damalige Fall wie auch der jetzt zitierte Bericht des Bundesversicherungsamtes legen nahe, dass ältere oder kranke Menschen nicht gezielt aus Krankenkassen verbannt werden. Dies wäre auch sinnfrei, denn das Geschäftsmodell ist nicht so einfach, wie oben skizziert.
So erhalten auch die gesetzlichen Krankenkassen Ausgleichszahlungen als Risikoausgleich für chronische Erkrankungen und müssen damit nicht nur die Risiken tragen. Ambulante Versorgungen werden zudem nach »Köpfen« und nicht nach Häufigkeit der Inanspruchnahme bezahlt. Die einzelnen Krankenkassen sind daher nicht unbedingt extrem belastet.
Insofern gehen die Vorwürfe genau in diesem Fall am Ziel vorbei. Allerdings ist das Gesundheitssystem in Deutschland nach wie vor sehr teuer, im internationalen Vergleich wohl zu teuer. Dafür gibt es massive Gründe.
So wird die teure Apparatemedizin gefördert,
Auslastung erhöht die Profitabilität. Auch werden bestimmte Maßnahmen offensichtlich so gefördert, dass der Anreiz zur Verschreibung sehr hoch ist. Deutschland gilt als Europameister bei Hüftoperationen. So sind bei uns nach Einschätzung von Joachim Grifka, Direktor an der Universitätsklinik Regensburg, zumindest 20 000 Hüftoperationen verzichtbar. Dies sind zehn Prozent der überhaupt eingesetzten 209 000 Hüftprothesen in Deutschland, die uns international an die Spitze gebracht haben.
Kritik am Gesundheitssystem ist angebracht -
nahezu auf allen Gebieten. Zudem empfiehlt sich die Selbstvorsorge, bevor dieses profitorientierte System sich an seinen Versicherten eine goldene Nase verdient. Nur ist leider die aktuelle Empörungswelle wegen des Herausdrängens alter und kranker Versicherter aus den gesetzlichen Kassen zu einfach zu widerlegen - und damit schädlich.
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