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© AFPDer vermeintlich Verdächtige, aber warum anonymisiert?
Nach den Anschlägen auf eine linksgerichtete Zeitung und eine Bank sucht die Pariser Polizei nach einem 40 bis 45 Jahre alten Mann. Die Linkspartei wittert wachsende Gewalt gegen die Meinungsfreiheit.

Nach zwei Schießereien und einer Geiselnahme binnen weniger Stunden hat die Pariser Polizei in der Umgebung der Avenue des Champs-Élysées fieberhaft nach einem 40 bis 45 Jahre alten Mann gesucht. Dieser war am Montagmorgen mit einem Jagdgewehr in die Lobby des Redaktionsgebäudes der Zeitung Libération in der Rue Béranger im 3. Arrondissement eingedrungen und hatte drei Schüsse abgegeben.

Einer davon traf einen 27 Jahre alten Fotografen, der für die Libération-Magazinbeilage "next" arbeitet, in die Brust. Der Mann schwebte zunächst in Lebensgefahr.

Der Täter trug einen langen khakifarbenen oder olivgrünen Mantel und Augenzeugenberichten zufolge auch eine kugelsichere Weste. Nachdem die Polizei die Überwachungskameras des Redaktionsgebäudes ausgewertet hatte, kam sie zu dem Schluss, dass es sich bei dem Täter um denselben Mann handelte, der am vergangenen Freitagmorgen ebenfalls mit einem Gewehr bewaffnet in das Gebäude des Nachrichtensenders BFM-TV eingedrungen war und den Chefredakteur bedroht hatte. Dabei fiel zwar kein Schuss. Am Tatort wurden aber später zwei Patronen gefunden.

"Alle sind sofort in Deckung gegangen"

Während Innenminister Manuel Valls, Kultur- und Informationsministerin Aurélie Filipetti und der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë in das Redaktionsgebäude der Libération eilten und die Tat verurteilten, ereignete sich gegen Mittag im Büroviertel La Défense im Westen von Paris ein weiterer Vorfall, der möglicherweise mit dem Anschlag auf die Zeitung zusammenhängt.

Ein Mann, der ebenfalls einen langen dunklen Mantel trug, gab mehrere Schüsse auf das Bürogebäude der Bank Société Générale ab. Verletzt wurde niemand, doch zwei der Schüsse zerstörten zwei große Fensterscheiben des Büroturms. Société Générale-Mitarbeiter wie der Angestellte Pierre Albert zeigten sich geschockt. "Wir sind alle sofort in Deckung gegangen", sagte er auf BMTV. Albert hatte vor dem Gebäude eine Zigarette geraucht, als die Schüsse fielen.

Kurz darauf erhielt die Polizei den Anruf eines Autofahrers, der erklärte, unweit des Gebäudes der Société Génrale von einem anscheinend verwirrten Mann bedroht und gezwungen worden zu sein, diesen in Richtung Champs Élysées zu befördern. In der Nähe des Hotels "George V" sei der Mann schließlich ausgestiegen. Die Polizei konnte zunächst nicht bestätigen, dass es sich um ein und denselben Täter handelte. Viele Indizien deuteten allerdings darauf hin.

Korpulente Statur, rasierter Schädel

Zahlreiche Polizisten suchten die Champs Élysées nach dem Mann ab, ein Hubschrauber kreiste über der Avenue. Der Gesuchte soll ein zwischen 40 und 45 Jahre alter Europäer sein, mit korpulenter Statur und rasiertem Schädel. Bekleidet war er mit einem grünen Parka, einer hellen Jeans und vermutlich grünen Turnschuhen.

Gegen 15 Uhr machte die Meldung die Runde, der Gesuchte halte sich in der Nähe der "Maison de la radio" auf, des Gebäudes des staatlichen Rundfunks. Dessen Mitarbeiter wurden aufgefordert, im Gebäude zu bleiben. Nach 20 Minuten wurde der Alarm jedoch wieder aufgehoben.

Die Atmosphäre in der Pariser Innenstadt blieb fiebrig nervös. Der Innenminister versicherte, die Polizei tue alles, um den Täter so schnell wie möglich zu ergreifen. "In unserem Land gibt es keinen Platz für Individuen, die die Grundfreiheiten angreifen", sagte Valls. Der Polizeipräfekt habe die nötigen Maßnahmen in die Wege geleitet. "Solange diese Person auf freiem Fuß ist und wir seine Absichten nicht kennen, stellt er eine Gefahr dar."

Medienbetriebe stellen zusätzliche Wachen ein

Die möglichen Motive des Täters waren unklar. Weil dem Täter weitere Attentate zugetraut werden, waren nach Angaben der Staatsanwaltschaft in der Nacht zum Dienstag zahlreiche Sonderermittler im Einsatz. Bis zum Dienstagmorgen war der Schütze aber noch nicht gefunden.

Der Vorsitzende der Linkspartei, Jean-Luc Mélenchon, vermutete, der "verabscheuungswürdige" Angriff auf die Libération sei ein Anzeichen für die gereizte "Atmosphäre". Es gebe einen "Anstieg von Gewalt", der sich gegen die Meinungsfreiheit richte. Auch der rechtsextreme Front National verurteilte den Anschlag in einem Communiqué und erklärte sich "solidarisch" mit der Redaktion der linksgerichteten Zeitung Libération.

Fabrice Rousselot, der Chefredakteur der Libération, sagte, die Mitglieder seiner Redaktion stünden nach den Ereignissen am Morgen unter schwerem Schock, sie versuchten aber, weiter zu arbeiten. Die Sicherheitsvorkehrungen seien verstärkt worden. Außerdem seien Psychologen vor Ort. Auch in den Gebäuden anderer Pariser Medienbetriebe hat die Polizei mittlerweile zusätzliche Wachen eingesetzt.