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© imago stock&people In der EU gibt es jährlich 3500 Todesfälle durch häusliche Gewalt.
Jede vierte Frau in der WHO-Region ist einmal in ihrem Leben von Gewalt betroffen. Dies besagt eine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation. In der EU gibt es jährlich 3500 Todesfälle durch häusliche Gewalt. Weltweit werden 38 Prozent der Morde an Frauen vom (Ex)-Lebenspartner begangen. Es sind alarmierende Zahlen, die anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen gestern, Montag, von Experten zu hören waren. „Sie machen deutlich, dass körperliche und sexuelle Gewalt medizinisch gesprochen geradezu epidemische Ausmaße hat", sagte WHO-Genderberaterin Isabel Yordi Aguirre. Die Missstände zögen sich durch alle Staaten. In der EU sei „vor allem im Bereich der häuslichen und der sexuellen Gewalt" die Zahl der Meldungen in vergangener Zeit gestiegen, sagt Thérèse Murphy, Head of Operations des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen (EIGE). Und das in Krisenländern wie Spanien und Italien. „Man vermutet, dass da eine Verbindung zur Wirtschaftskrise besteht", sagt Murphy.

Murphy und Isabel Yordi Aguirre sind Teilnehmerinnen des Kongresses „Gewalt gegen Frauen in Europa beseitigen - Intersektorelle Ansätze und Maßnahmen", der seit gestern, Montag, für zwei Tage in Wien stattfindet. Ziel des Kongresses ist es unter anderem, eine gemeinsame statistische Erfassung der Gewaltfälle in den EU-Mitgliedstaaten zu erarbeiten. Denn obwohl Gewalt gegen Frauen als Problem wahrgenommen wird, mangle es noch immer an vergleichbarem EU-Datenmaterial. „Das ist aber wichtig, um Gesetze zu machen, oder um zu sehen, ob Maßnahmen wirken", sagt Murphy. Das Hauptproblem sei, dass jedes EU-Land Verbrechen unterschiedlich erfasst. „In manchen Ländern zählt häusliche Gewalt nicht als Straftat", sagt Murphy, dadurch scheine nichts in der Statistik auf.

Fehlende Frauenhäuser

Außerdem beunruhigend: Laut vorläufigen Daten einer Studie der Europäischen Grundrechtsagentur (FRA), die 2014 veröffentlicht werden soll, wenden sich 80 Prozent der Frauen auch nach schwerwiegender Gewalt durch andere Täter nicht an zuständige Einrichtungen - nicht zuletzt womöglich auch deshalb, da diese in vielen Staaten nicht ausreichend vorhanden sind. So fehlen EU-weit EIGE zufolge rund 25.000 Frauenhausplätze.

Die Folge: Die Frauenhäuser, die vorhanden sind, sind ständig überbelegt oder haben endlose Wartelisten. „Wir wissen von einzelnen Regionen, in denen bis zu 10.000 Frauen in einem Jahr in diesen Häusern betreut werden", sagt Murphy. Und die Situation verbessert sich nicht. EIGE zufolge,wurde gerade zur Wirtschaftskrise, bei solchen Einrichtungen gesparrt. In vielen Ländern gebe es nicht einmal eine 24-Stunden-Notfallnummer.

Risiko an Fehlgeburten höher

Dass gerade Opferschutzeinrichtungen für Frauen in finanziell schwierigen Zeiten oftmals dem Sparstift zum Opfer fallen, beklagte Wiens Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ). Sie verwies auf die Folgen, unter denen Betroffene zu leiden hätten. Nicht nur, dass laut WHO 42 Prozent aller Frauen, die mit häuslicher Gewalt konfrontiert worden sind, Verletzungen erleiden, tragen die Betroffenen zudem ein höheres Risiko an Fehlgeburten, haben öfter Angst-, Ess- oder Schlafstörungen und sind anfälliger für Alkoholmissbrauch. Wehsely mahnte Beharrlichkeit ein - denn: "Der Kampf, dass Gewalt gegen Frauen als Kavaliersdelikt gesehen wird, ist nie fertiggekämpft." Um Tabus aufzubrechen, müssten bereits Mädchen lernen, Nein sagen zu können.

Um den Kampf gegen Gewalt an Frauen zu forcieren, soll auch die Rolle der Gesundheitseinrichtungen mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Denn an diese wenden sich Gewaltopfer am häufigsten. Insofern werden im Rahmen der Konferenz in Wien auch neue WHO-Richtlinien für Ärzte und Pflegepersonal vorgestellt. Sie enthalten Empfehlungen, wie Gewalt überhaupt erkannt und Betroffene infolge klinisch betreut werden sollten, sowie zu Erstversorgung, Fortbildungsmaßnahmen oder Fragen bezüglich der Meldepflicht von Fällen häuslicher Gewalt.