Die Szenerie hat etwas Unheimliches, Hysterisches: Eine Exorzistenfeier im großen Warschauer Fußballstadion lässt 58.000 Anhänger jubeln, weinen, schreien. Warum sind viele Polen dafür empfänglich?

© dpaDie Kirche steht in Polen voll hinter den Exorzisten.
WARSCHAU. Das Warschauer Nationalstadion verwandelte sich in einen Hexenkessel. Mehr als 58 000 Anhänger strömten am vergangenen Samstag in die Arena. Sie jubelten, weinten und schrien sich die Kehle aus dem Leib. Allerdings waren die Fans, die den Rasen und die Ränge füllten, keine Sportbegeisterten, sondern gläubige Katholiken. Gekommen waren sie, um ihren Star zu sehen: John Baptist Bashobora, einen Teufelsaustreiber aus Uganda.
Das Motto der Veranstaltung: "Jesus im Stadion". Bashobora ist ein Exorzist. Seine Anhänger sind überzeugt, dass der 66-Jährige Dämonen bannen, Besessene und Kranke heilen und Tote zum Leben erwecken kann - etwa so: "Ich weiß, dass unter uns eine junge Frau ist, die während unseres Gebetes mit der Hand ihre linke Brust berührt und einen Tumor entdeckt hat", erklärt Bashobora im Nationalstadion und fährt fort: "Wenn du jetzt wieder danach tastest, wird die Geschwulst verschwunden sein. Hebe deine Hand, um dich zu zeigen." Eine junge Frau meldet sich. Die Begeisterung ist groß.
So schildern es die Reporter, die dabei sein durften. Sie berichten von "Emotionen bis zur Ekstase", die viele Gläubige überwältigt hätten. Bashoboras Auftritt in Warschau war derart erfolgreich, dass der Exorzist schon im August wieder nach Polen reisen wird. In fünf Städten will der afrikanische Priester, der in Rom seinen Doktor der Theologie gemacht hat, Messen feiern. Auf welche Weise dabei das Episkopat eingebunden sein wird, ist unklar. Das Jesus-Fest im Nationalstadion hatte der Warschauer Erzbischof Henryk Hoser organisiert. Die katholische Kirche in Polen steht Exorzisten wie Bashobora keineswegs kritisch gegenüber. Im Gegenteil: In diesen Tagen haben sich im Wallfahrtsort Tschenstochau rund 300 Teufelsaustreiber versammelt, um bei einer Konferenz über neue Wege im Kampf gegen Dämonen zu debattieren. Die Teilnehmer sind größtenteils katholische Priester. Sie lauschen Vorträgen mit Titeln wie "Tattoos und Piercing aus Sicht der Kirche" und warnen vor Gehirnwäsche durch Vertreter der modernen Popkultur.
"Der Okkultismus hat zugenommen", sagt Pastor Andrzej Grefkowicz, der die Arbeit der katholischen Exorzisten in Polen koordiniert. Er warnt davor, schwarze Magie als harmlosen Zeitvertreib zu verniedlichen. Ähnlich äußert sich die Bischofskonferenz. Der Glaube an Horoskope und die Kraft von Amuletten sei keine Belanglosigkeit. "Okkulte Praktiken können zur Besessenheit führen", zitiert die Zeitung Gazeta Wyborcza aus einem Schreiben des Episkopats.
Ohne Unterstützung der Bischöfe könnten die Teufelsaustreiber zwischen Oder und Bug kaum jene Massenwirkung entfalten, die sie zunehmend haben. Mehr als 90 Prozent der Polen sind Katholiken. Allerdings nimmt die Bindungskraft der Religion ab. Vor 20 Jahren ging noch mehr als die Hälfte der Gläubigen sonntags zur Messe. Heute sind es nur noch 40 Prozent. Die Kirche kann sich nur schwer gegen Konkurrenzangebote wie Rockkonzerte behaupten. Hinzu kommen die kapitalistischen Verlockungen der riesigen Einkaufstempel, die in dem Wirtschaftswunderland ungebrochen erfolgreich sind. Die säkularen Wettbewerber der Kirche, so lässt sich schlussfolgern, werden deshalb buchstäblich verteufelt.
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