
Sie waren sich ganz sicher: Am 21. Dezember 2012 - so hatten Apokalyptiker zuvor weltweit erwartet - würde über die menschliche Zivilisation ein schauriges Inferno hereinbrechen. Schließlich endete just an dem Tag ein Zyklus des Maya-Kalenders, eine Inschrift kündigte zudem die Wiederkehr eines mysteriösen Gottes an. Und dann passierte - nichts.
Doch angeblich steht bereits der nächste Weltuntergang bevor. Der 22. Februar 2014 ist der Tag, nach dem man sich nichts mehr vornehmen sollte. Denn an dem Termin droht Ragnarök, der Endkampf zwischen Göttern, Riesen und Ungeheuern der nordischen Mythologie. So zumindest geistert es durch das weltweite Netz.
Stürzen mythische Ungeheuer die Welt ins Chaos?
Schaffen die Wikinger nun, woran die Maya angeblich vor gut einem Jahr gescheitert sind? Stürzen die furchtbaren Monster Fenriswolf und Midgardschlange die Welt ins Chaos? Immerhin - quasi zum Trost - verheißt der Testosteron-getränkte Mythos auch einen winzigen Lichtblick: Ein Menschenpaar soll das große Schlachten überleben, um den Planeten neu zu bevölkern. Das allerdings verbessert die Zukunftsaussichten für die restlichen sieben Milliarden Erdenbewohner nicht.
Ein schaurig-schöner Mythos, gewiss. Nur stellt sich die Frage, warum der - aus dem Kino bekannte, aber darum noch nicht unbedingt reale - Gott Thor seinen Hammer gegen das Böse ausgerechnet am 22. Februar dieses Jahres schwingen soll. In den nordischen Überlieferungen selbst steht nämlich nicht, wann genau das finale Gemetzel eintreten wird.
PR eines Wikingermuseums lief aus dem Ruder
„Die ganze Geschichte geht auf die PR-Aktion eines Wikingermuseums in England zurück“, erklärt der Astronom und Wissenschaftsautor Florian Freistetter, der sich intensiv mit Weltuntergangsprognosen beschäftigt hat. Am 22. Februar werde dort in einer großen Schlachtaufführung die Ragnarök nachgespielt. Großspurig habe das Museum 100 Tage zuvor angekündigt: “’The world will end in 100 days’, Ragnarok - the Viking Apocalypse - predicted for 22 February 2014”. Und das hätten englische Medien aufgegriffen und daraus die Story vom bevorstehenden Weltuntergang gemacht.
„Im Internet kursieren eine Unmenge derartiger apokalyptischer Szenarien“, ergänzt Freistetter. Sie verbreiteten sich besonders über soziale Netzwerke wie Facebook und formten auf diese Weise ein kollektives Internet-Bewusstsein. Darunter seien Dauerbrenner wie die Geschichte von der tödlichen Säurewolke, die auf die Erde zurase. Oder Horrorszenarien von Planetenkollisionen, Asteroideneinschlägen oder Sonnenstürmen, die alles Leben auf der Erde vernichten könnten.
Asteroiden sind beliebte Bedrohungen
„Gefahren aus dem All erfreuen sich bei Apokalyptikern besonderer Beliebtheit“, betont der Astronom. Was vor allem daran liege, dass viele nicht einmal rudimentär über kosmische Phänomene Bescheid wüssten. Kaum werde ein neuer Asteroid entdeckt, waberten Schreckensmeldungen über einen befürchteten Einschlag durch das weltweite Netz. Dabei sei es ganz normal, dass die Bahn eines solchen gerade entdeckten Himmelskörpers noch nicht genau zu bestimmen sei. Erst wenn mehr Daten vorlägen, sei das möglich. „Doch aus der anfänglichen Unsicherheit wird häufig gleich der bevorstehende Weltuntergang“, sagt Freistetter.
Wer glaubt, die Vorstellung vom nahen Weltende sei ein aktuelles Phänomen, der irrt. „Apokalyptische Endzeiterwartungen durchziehen die gesamte Geschichte des Abendlandes“, sagt der Soziologe Clemens Albrecht von der Universität Koblenz-Landau. Vor allem seit sich die großen monotheistischen Religionen mit ihrer linearen Zeitvorstellung ausgebreitet hätten, sei die Frage nach dem Ende äußerst wichtig geworden. So habe es im christlichen Europa kein Jahrzehnt gegeben, in dem nicht irgendwo eine apokalyptische Bewegung aufgetaucht sei.

Wissbegierig aus Angst vor dem Weltende?
Am Schrecken des Endzeit-Infernos hat nach Albrecht auch die Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert nichts Grundsätzliches geändert. „Die Denkfigur der Apokalypse war bereits zu stark im Abendland verankert“, erläutert der Forscher. Nur dass seit der Säkularisierung nicht mehr Gott, sondern die Natur die Rolle übernommen habe, der Menschheit den Garaus zu machen.
„Es waren auch keineswegs nur irgendwelche Randgruppen und Spinner, die sich vor dem nahen Weltende fürchteten“, betont Albrecht. Und der Schrecken der Apokalypse könne sogar sehr produktiv gewesen sein. Der Kulturhistoriker Johannes Fried beispielsweise habe die These aufgestellt, die ständige Furcht vor dem Ende hätte die Europäer immer wieder dazu angespornt, ihr Wissen zu erweitern - weil man die Ungewissheit in den Griff bekommen und so der Angst habe Herr werden wollen.
Apokalyptischer Höhepunkt 2012
Allerdings fürchteten und fürchten die Menschen nicht stets in gleichem Maße, dass der Weltuntergang vor der Tür steht. „Die Angst vor der Apokalypse tritt immer in Wellen auf“, erklärt Albrecht. Um das Jahr 1900 beispielsweise habe sich eine massive Weltuntergangsstimmung ausgebreitet, der absolute Höhepunkt sei bislang aber 2012 gewesen.
„In dem Jahr hat sich eine Bewegung gebildet, die weite Kreise in den verschiedensten Ländern umfasste“, führt der Forscher weiter aus. Neben zahllosen Esoterikern weltweit seien beispielsweise in Frankreich vor allem Ufologen zu überzeugten Apokalyptikern geworden. In Deutschland hätten sich Endzeiterwartungen besonders unter Verschwörungstheoretikern - inspiriert durch Roland Emmerichs Film „2012“ - und Parapsychologen verbreitet. Letztere hätten geglaubt, durch einen welthistorischen Einschnitt würde die Menschheit nun in ein neues Zeitalter der Evolution eintreten. „Was wir aktuell erleben, ist nur ein schwacher Nachklang der mächtigen 2012-Bewegung“, sagt Albrecht.
Nostradamus kann nicht irren - oder doch?

Vage formulierte Prophezeiungen

Anscheinend lässt sich bei dem dunkel formulierenden Propheten auch für 2014 etwas finden: Am 4. März drohen laut Nostradamus-Exegeten wirtschaftliche Erschütterungen ungeahnten Ausmaßes. Möglicherweise könnte anschließend auch noch der „Dritte Weltkrieg“ ausbrechen. Lassen wir uns also überraschen.



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