
Wichtige Poren in der Zellmembran
Durch diese elektrische Kommunikation zwischen Neuronen im Gehirn entstehen all unsere Sinneswahrnehmungen, unser Verhalten und unsere Intelligenz, sagt Gürol Süel von der University of California in San Diego. Doch auch Bakterien verfügen über diese Poren-Proteine: Viel von dem, was Forscher heute über die wichtigen Ionenkanäle wissen, stammt aus Studien an bakteriellen Ionenkanälen. Doch wie intensiv die Bakterien diese Kanäle tatsächlich nutzen, war bislang ein Rätsel.
Die Untersuchungen von Süel und seinen Kollegen klären dieses Geheimnis nun auf. Die Biologen haben Biofilme studiert, die aus einer Schleimschicht bestehen, in der dicht gedrängt Millionen von Bakterien leben. Diese Lebensgemeinschaften siedeln sich in der Regel auf Oberflächen an - zum Beispiel auf Zähnen, wo sie einen unschönen Belag bilden. Schon in früheren Studien hatte Süels Team entdeckt, dass Biofilme zu Erstaunlichem fähig sind. Sie können Konflikte und Stress innerhalb der Gemeinschaft aktiv lösen.
Glutamat-Konkurrenz im Biofilm
Konkret beobachteten die Forscher Folgendes: Wenn ein Biofilm aus bakteriellen Zellen eine bestimmte Größe erreicht hat, hören die Zellen am Rand des Films, die uneingeschränkten Zugang zu Nährstoffen haben, zeitweise auf zu wachsen. Stattdessen erlauben sie wichtigen Nährstoffen nun auch zum Zentrum des Biofilms zu fließen - hauptsächlich Glutamat. Auf diese Weise bleiben auch die Bakterien im Inneren der Kolonie am Leben und sind zudem widerstandsfähiger gegen Chemikalien und Antibiotika.

Signalübertragung bewahrt Gleichgewicht
In der nun veröffentlichten Studie bestätigen die Forscher diese Hypothese: Die elektrische Spannung an den Zellmembranen schwankt synchron zum Biofilmwachstum. Die Veränderungen des sogenannten Membranpotentials werden dabei durch Ionenkanäle ausgelöst. Hauptsächlich beteiligt an der elektrischen Signalübertragung sind demnach Kaliumionen. Diese elektrisch geladenen Teilchen wandern in Wellen durch den Biofilm und regulieren dabei die Stoffwechselaktivitäten der Bakterien. "Dass auch Bakterien über Ionenkanäle kommunizieren, rückt die Mikroorganismen in ein neues Licht", sagt Süel
"Die Reizweiterleitung allein scheint das Gleichgewicht innerhalb der Biofilmgemeinschaft zu bewahren", schreiben die Biologen Sarah Beagle und Steve Lockless von der Texas A & M University in einem ebenfalls in Nature veröffentlichten Kommentar zur Studie. "Sie koordiniert das Wachstum der äußeren Zellen und stellt gleichzeitig sicher, dass auch der Stoffwechsel der inneren Zellen aufrechterhalten bleiben kann." Ohne die Kaliumionen bricht die Kommunikation zwischen den Zellen ab: Entfernten die Forscher jenen Ionenkanal aus den Bakterien, der das Ein- und Rausfließen von Kaliumionen erlaubt, konnte das elektrische Signal nicht weitergeleitet werden.
Migränemittel gegen resistente Bakterien?
Migräne-Medikamente gegen mikrobielles Gehirn?
Studienleiter Süel vergleicht Biofilme aufgrund der neuen Erkenntnisse mit einem "mikrobiellen Gehirn". Besondere Ähnlichkeit habe die Kommunikationsweise der Bakteriengemeinschaften mit einem als Streudepolarisierung oder Spreading Depression bekannten Phänomen, das unter anderem mit Migräneattacken und Schlaganfällen in Zusammenhang gebracht wird. Dabei breitet sich entlang der Hirnrinde langsam und wellenförmig eine Depolarisierung aus - das Membranpotential verändert sich hin zu einer positiveren Spannung. Beteiligt an der Entstehung und Ausbreitung der Spreading Depression ist eine Freisetzung von Kaliumionen.
"Interessant ist, dass sowohl Migräne als auch die elektrische Signalübertragung in Biofilmen durch metabolischen Stress, also ein Ungleichgewicht oder eine Belastung des Stoffwechsels, ausgelöst wird", sagt Süel. "Womöglich könnten deshalb eigentlich für die Behandlung von Migräne oder Epilepsie entwickelte Medikamente auch gegen bakterielle Biofilme wirksam sein - und damit ein potenzielles Mittel gegen die Bedrohung durch antibiotikaresistente Bakterien."
(Nature, 2015; doi: 10.1038/nature15709) (Nature, Prindle et al., 22.10.2015 - DAL)



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