Jena (Deutschland) - Erstmals können Wissenschaftler zeigen, dass mehr als 6.000 Sprachen ähnliche Laute zur Beschreibung wichtiger Objekte oder Ideen verwenden. Das Ergebnis legt nahe, dass wir Menschen zwar eine Art „universeller Sprache“ sprechen, diese möglicherweise allerdings biologisch beeinflusst ist und weniger linguistischen Prinzipien der lange gesuchte Ursprache entspricht. Zugleich widerspricht das Ergebnis auch dem gängigen Prinzip der modernen Sprachwissenschaft, laut dem es keine Verbindung zwischen den Lauten und der Bedeutung von Wörtern gibt.
© Steve Evans (via WikimediaCommons), CC BY-SA 2.0
Symbolbild: Zwei äthiopische Frauen im Gespräch
Bislang gingen Linguisten davon aus, dass Laute in Wörtern größtenteils zufällig mit Bedeutungen verknüpft wurden: „Fälle wie etwa das M, das in vielen Sprachen im Wort für Mutter vorkommt, sind die seltene Ausnahme“, erläutert das internationale Forscherteam u.a. um Damián E. Blasi von den Max-Planck-Instituten für Mathematik in den Naturwissenschaften und für Menschheitsgeschichte in ihrer aktuell im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS; DOI:1.0073/pnas.0709640104) veröffentlichten Studie.

N wie Nase - diese Verbindung ist wohl nicht durch Zufall entstanden. Denn ein n gibt es im Wort für das Riechorgan häufiger als in anderen Wörtern. Das gilt auch für das u; ein a kommt darin dagegen weltweit betrachtet eher selten vor. „In vielen Begriffen - zum Beispiel für Körperteile - tauchen bestimmte Laute häufiger auf als in anderen Wörtern“, sagt Blasi.

Für ihre Studie verwendeten die Forscher Daten von zwei Dritteln der über 6.000 Sprachen, die weltweit gesprochen werden. In der Sammlung von gut 4.000 Sprachen prüften die Forscher für 40 Begriffe, ob diese häufiger oder seltener mit bestimmten Lauten belegt werden, als es der Zufall es erlaubt.

Tatsächlich entdeckten die Wissenschaftler solche positiven oder negativen Zusammenhänge in Sprachen, die nicht miteinander verwandt sind, für 30 der Begriffe, nämlich insgesamt 74: „So treten in den Wörtern für das Knie häufig die Buchstaben o, u, p, k und q auf. Der Ausdruck für die Zunge enthält in vielen Sprachen ein e und ein l auf, u und k dagegen eher selten. Solche Zusammenhänge sind aber nicht auf Körperteile beschränkt: Sand kommt weltweit oft mit einem a, ein Stein mit einem t.“

Für die Autoren der Studie zeigt die Analyse, dass bestimmte Laute bei einem großen Teil aller Begriffe über Kontinente und Sprachfamilien hinweg bevorzugt oder vermieden werden, und das von Menschen, die kulturell, historisch und geografisch sehr verschieden sind. „Das Ergebnis ist gerade in Anbetracht der enormen Variationsmöglichkeiten in den weltweiten Sprachen erstaunlich und verändert unser Verständnis der Randbedingungen, unter denen Menschen kommunizieren“, erläutert Damián Blasi.

„Bislang gingen wir davon aus, dass sich derartige Beziehungen zwischen Lauten und Bedeutungen nur sehr selten finden“, sagt Harald Hammarström, Mitautor und Sprachwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Neben dem m in den Wörtern für Mutter, kannten Linguisten etwa den sogenannten Bouba-Kiki Effekt: „Den beobachten sie, wenn sie Menschen ein großes Tier wie etwa einen Elefanten und ein kleines, zum Beispiel einen Vogel zeigen und fragen, welches der beiden Tiere in einer Sprache, die die Befragten nicht kennen, Bouba und welches Kiki heiße“, erläutert diePressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft und führen weiter dazu aus: „Die meisten tippen bei Bouba dann intuitiv auf den Elefanten und bei Kiki auf den kleinen Vogel. Generell werden die Vokale a und o eher mit großen Dingen in Verbindung gebracht, und e und i mit kleinen. Doch darüber hinaus war bislang kaum eine solche Beziehung bekannt, die über Sprachfamilien hinweg gilt.“

Warum manche Laute für einen Begriff häufiger gewählt werden als andere, ist hingegen bislang noch ungeklärt, obwohl die Forscher verschiedene Ursachen statistisch überprüft haben. So vermuteten die Sprachwissenschaftler zunächst etwa, dass sich „Wörter mit bestimmten Lauten für eine Bedeutung sich leicht von einer Sprache zur anderen verbreiten könnten, wenn diese Kombination allgemein als passender und angenehmer empfunden würde.“ In einem solchen Fall müsste aber auf einer Karte der Verbreitungsräume einzelner Laut-Bedeutungs-Beziehungen zu sehen sein, wie diese von einem Ausgangspunkt aus in benachbarte Sprachgemeinschaften diffundiert. Doch genau das beobachteten die Forscher aber genauso wenig, wie den Einfluss einer hypothetischen Ursprache, der sich möglicherweise noch in vielen heutigen Sprachen bemerkbar macht: „Gäbe es den, sollten Zusammenhänge zwischen Lauten und Bedeutungen unter den Sprachen nach einem ähnlichen Muster verbreitet sein wie verwandte Wörter. Sind sie aber nicht.“

„Für die Sprachwissenschaft haben die Erkenntnisse zu Laut-Bedeutungs-Beziehungen weitreichende Konsequenzen“, erklärt Damián Blasi. Vor allem für die Analyse von Verwandtschaften zwischen Sprachen und die Suche nach der Ursprache. In solchen Studien fahnden Linguisten bislang auch nach Lauten, die in verschiedenen Sprachen mit einem Begriff verknüpft sind. „Da hissen wir jetzt eine Warnfahne“, sagt Peter F. Stadler von der Universität Leipzig. „Denn offenbar bringen Menschen viele Begriffe mit denselben Lauten in Verbindung, ganz unabhängig davon, ob ihre Sprachen miteinander verwandt sind oder nicht.“

Während die Forscher also zunächst selbst in Betracht zogen, dass es sich um die Überbleibsel einer „prähistorischen Protosprache“ handelt, wie sie einst von den frühesten Menschen noch vor der Entstehung der modernen Sprachen genutzt wurde, legen die Analyseergebnisse also nahe, dass biologische Faktoren eine noch nicht bestimmte Rolle spielen: „Vielleicht helfen diese Prinzipien Kindern beim Erlernen von Sprache“, erklärt Morten H. Christiansen von der Cornell University und führt abschließend weiter aus: „Vielleicht hat es etwas mit dem menschlichen Verstand und Gehirn, unserer Art und Weise der Interaktion oder mit Signalen zu tun, die wir nutzen, wenn wir Sprache lernen und anwenden.“