In Deutschland gibt es Kinderarmut. Doch wirklich zu stören scheint das kaum Jemanden. Die Tage war wieder einmal zu beobachten, was immer wieder zu sehen ist: Eine Untersuchung (dieses Mal von Bertelsmann) stellt fest, dass Kinderarmut hierzulande weiterwächst und außerdem ein Dauerzustand ist.

Daraufhin berichten Medien über die Studie, getreu dem Motto: Gut, dass wir mal darüber gesprochen haben. Ein paar Tage später ist das Thema wieder aus dem Fokus der journalistischen Aufmerksamkeit verschwunden. Deutlich wird: Die real existierende Armut in diesem Land will kaum einer sehen.

Weder Journalisten als Anwälte der Öffentlichkeit noch andere gesellschaftliche Eliten setzen sich für den Kampf gegen Armut im eigenen Land ein. Ein Kommentar von Marcus Klöckner.

Welche prominenten Personen haben sich bisher öffentlich zur Kinderarmut in Deutschland geäußert? Wer von den kulturellen Eliten hat in den vergangenen Jahren an prominenter Stelle über das Leid der Kinder gesprochen, die in einem Hartz-IV-Haushalt leben?

Welche und wie viele Kampagnen von hochgestellten Persönlichkeiten gegen Kinderarmut, aber auch generell: gegen Armut in Deutschland, laufen derzeit und sind zudem noch von der Unterstützung einer breiten Berichterstattung getragen?

Fragen wie die zeigen schnell: Kinderarmut in Deutschland ist kein Thema, das im Zentrum der Aufmerksamkeit gesellschaftlicher Eliten steht.

Sicher: Es gibt bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die armen Kindern helfen wollen. Der ehemalige Spieler der Fußballnationalmannschaft, Lukas Podolski, setzt sich mit seiner Stiftung explizit auch für den Kampf gegen Kinderarmut ein.

Der Fußballspieler Sami Khedira hat im September dieses Jahres 1200 Karten für das Spiel Deutschland - Norwegen in Stuttgart aufgekauft und sie Kindern aus "sozial benachteiligten" Familien zukommen lassen. Medien haben auch darüber berichtet. Wunderbar.

Und doch ist die Realität, dass Kinderarmut und Armut in Deutschland Themen sind, die vonseiten der Eliten selten bis nie mit dem dringend notwendigen Druck bis in die Sphären des Politischen getragen werden. Wo sind die Fußballspieler, die Schauspieler, Sänger und all die anderen prominenten Persönlichkeiten, die eine klare Ansage machen: "Frau Merkel, es reicht. Sorgen Sie dafür, dass die Kinderarmut in Deutschland so schnell es nur geht, der Vergangenheit angehört!"

Wo sind die gesellschaftlichen Eliten, die sich dafür einsetzen, dass Menschen, die auf Transferleistungen angewiesen sind, nicht durch viel zu niedrige Regelsätze zu Grunde gerichtet werden und ihre soziale Existenz soweit zerbröckelt, bis nichts mehr übrig ist?

Die Sache ist eindeutig: Der Einsatz der Eliten für die Armen in diesem Land reicht in aller Regel nicht über die Grenzen der Mildtätigkeit hinaus. Wer sich als Prominenter etwa durch eine eigene Stiftung für die Armen in diesem Land stark macht, leistet punktuell gewiss eine wichtige Hilfe. Doch so wertvoll diese Hilfe auch für diejenigen ist, bei denen sie ankommt: Grundlegendes ändert sich durch die Unterstützung von privater Seite nicht.

Kinderarmut in Deutschland, die auf schwerwiegende strukturelle Schieflagen innerhalb des Sozialstaates zurückgeht, muss politisch bekämpft werden. Doch aufseiten der politischen Verantwortungsträger ist der Wille, tatkräftig gegen Kinderarmut vorzugehen, nur sehr begrenzt vorhanden.

Ein Staat, der immer wieder gerne von einer nachhaltigen Politik spricht, sollte nicht aus den Augen verlieren, wie wertvoll eine nachhaltige Sozialpolitik für ein Land ist, das sich Sozialstaat auf die Fahnen schreibt. Die armen Kinder von heute sind die armen Erwachsenen von morgen - das zeigen Untersuchungen immer wieder. Die Regel lautet: Einmal arm, immer arm - ein Phänomen, das übrigens länderübergreifend gilt.

Fakt ist: Mit der Sozialpolitik, die hier in diesem Land seit langer Zeit zu beobachten ist, kann die Reproduktion von Armut nicht verhindert werden. Das Gegenteil ist der Fall: Deutschland leistet sich eine Sozialpolitik, die - allen Beteuerungen zum Trotz - paradoxerweise gerade nicht Armut bekämpft. Stattdessen ist zu beobachten, wie sie dafür verantwortlich ist, dass die Armen ihre Armut an ihre Kinder weitervererben.

Aktuell ist von politischer Seite zu hören, dass man die Hartz-IV-Regelsätze für Kinder anheben müsse. Schön. Doch man darf sich von solchen Vorschlägen nicht täuschen lassen und erwarten, dass nun Einsicht und Vernunft Einzug in die Sozialpolitik halten wird.

Wer möchte, dass Kinder, die in Armut leben, mehr finanzielle Mittel zur Verfügung haben und dabei nicht bereit ist, auch ihren Eltern finanziell grundlegend zu helfen, tut so, als ob die armen Kinder losgelöst von der Existenz ihrer Eltern leben würden. Wer auf politischer Seite nicht erkennen will, dass die Armut der Kinder in erster Linie mit der Armut der Eltern zu tun hat, betreibt eine Politik der gespaltenen Zunge.

Doch die politische Ignoranz in Sachen Kinderarmut und Armut ist eng an das Verhalten jener Teile in der Gesellschaft geknüpft, die aufgrund ihrer herausragenden Position ihre Stimme mit dem notwendigen Gehör erheben könnten. Wir haben es bereits angesprochen: Sie schweigen.

Und die Gründe für das Schweigen der Eliten, wenn es um die Armen in diesem Land geht, sind offensichtlich. Wenn bekannte Personen des öffentlichen Lebens in Deutschland ihre Stimme laut und deutlich gegen Kinderarmut erheben würden, hieße das zugleich, die vorherrschende Politik anzugehen und zu kritisieren.

Leider sind die Grenzen der 'erlaubten' politischen Kritik, die gesellschaftliche Eliten vortragen dürfen, eng gezogen. Schlimm ist: Die gesellschaftlichen Eliten machen nicht einmal den Anschein, diese 'legitimen Grenzen' der Kritik verschieben zu wollen. Allzu gefällig akzeptieren sie das, was öffentlich kritisch angemerkt werden darf und was besser nicht laut ausgesprochen werden sollte.

Es gilt: Besser nicht politisch anecken. Schließlich will man doch weiterhin seine Einladungen zu den großen Unterhaltungsshows im Öffentlich-Rechtlichen erhalten, wo man sich dann gemeinsam auch mit der politischen Elite amüsiert und am Rande ein kleines bisschen Werbung für den neuen Film oder die neue Platte machen möchte. Kritische Aussagen zum Thema Kinderarmut würden dabei nur stören.