Der Angreifer vom Frankfurter Hauptbahnhof war bis vergangene Woche ein polizeilich unbeschriebenes Blatt. Dann aber kam es zu einem Gewaltausbruch. Seit einiger Zeit war der Mann in psychiatrischer Behandlung.
ice zug
© CARSTEN RIEDEL/ EPA-EFE/ REX
Der mutmaßliche Angreifer vom Frankfurter Hauptbahnhof ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Aber er fiel jüngst auch durch eine Gewalttat auf und befand sich in psychiatrischer Behandlung. Die Schweizer Behörden hatten den Mann, der einen achtjährigen Jungen und seine Mutter vor einen Zug gestoßen haben soll, nach Angaben der Bundespolizei vergangene Woche zur Festnahme ausgeschrieben. Am Dienstagnachmittag wurde gegen ihn Haftbefehl wegen des Verdachts des Mordes und des zweifachen versuchten Mordes erlassen.

Wie Bundespolizeipräsident Dieter Romann am Dienstag in Berlin sagte, soll der Mann letzten Donnerstag eine Nachbarin mit einem Messer bedroht, sie gewürgt und eingesperrt haben und danach geflüchtet sein. Dies habe die Schweiz "zum Anlass genommen, ihn national zur Festnahme auszuschreiben". Der 40-Jährige sei aber "auch im Vorfeld mit entsprechenden Delikten bereits in der Schweiz auffällig" gewesen, sagte Romann.

Wegen psychischer Probleme krankgeschrieben

In der Schweiz befand sich der Mann zuletzt offenbar in psychiatrischer Behandlung. Wie Polizei und Staatsanwaltschaft in Zürich bekanntgaben, war der Tatverdächtige deswegen auch krankgeschrieben. Die Nachbarin wie auch die Frau des Tatverdächtigen hätten sich von dem Gewaltausbruch in der vergangenen Woche überrascht gezeigt. "Sie sagten übereinstimmend aus, dass sie ihn noch nie so erlebt hätten", sagte ein Polizeisprecher. Der 40-Jährige arbeitete den Angaben zufolge seit Januar 2019 nicht mehr.

Auch die Schweizer Ermittler erklärten - anders als die deutschen Behörden -, dass der Mann zuvor nicht durch Gewaltdelikte auffällig geworden sei. Er sei der Polizei lediglich wegen eines geringfügigen Verkehrsdeliktes bekannt gewesen.

Erst nachdem der Mann vergangene Woche zur Fahndung ausgeschrieben wurde, hätten die Strafverfolgungsbehörden von den psychischen Problemen erfahren, erklärten sie. Bei einer Hausdurchsuchung seien entsprechende Dokumente gefunden worden. Hinweise auf eine Radikalisierung oder ein ideologisches Motiv hätte man dabei nicht entdeckt. Wie der Mann trotz Fahndung nach Deutschland gelangen konnte, sei derzeit Gegenstand der Ermittlungen.

Angriff auf Mutter und ihren Sohn

Der Mann soll am Montagvormittag am Frankfurter Hauptbahnhof zunächst eine Frau und dann deren achtjährigen Sohn vor einen einfahrenden ICE gestoßen haben. Die Mutter konnte sich nach dem Sturz abrollen und auf einen schmalen Fußweg zwischen zwei Gleise retten. Ihr Sohn wurde vom Zug erfasst und erlag am Tatort seinen Verletzungen.

Der Angreifer versuchte zudem, eine 78-jährige Frau in die Gleise zu stoßen, die sich aber in Sicherheit bringen konnte. Zeugen und Beamte der Landespolizei in zivil verfolgten den Mann, als er aus dem Bahnhof zu flüchten versuchte, und stellten ihn. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordes und zweifachen Mordversuchs. Im Falle einer Verurteilung würde ihm eine lebenslange Freiheitsstrafe drohen.

Tatverdächtiger galt als Beispiel gelungener Integration

Zur Person des mutmaßlichen Täters sagte Bundespolizeipräsident Romann weiter, er sei 1979 in Eritrea geboren, verheiratet und Vater dreier Kinder. Seinen Wohnsitz habe er in der Schweiz. 2006 sei der Mann unerlaubt in die Schweiz eingereist und habe dort Asyl beantragt, was ihm zwei Jahre später gewährt worden sei. "Er besitzt seitdem in der Schweiz die Niederlassungsbewilligung der Kategorie C, das heißt gut integriert", sagte Romann.

Der Verdächtige sei einer festen Arbeit nachgegangen, "aus Sicht der Ausländer- und Asylbehörden in der Schweiz vorbildlich". Der Mann sei in Publikationen sogar als Beispielfall gelungener Integration genannt worden, sagte Innenminister Horst Seehofer (CSU).