
Wieder einmal beschäftigen seltsame Ereignisse in einem New Yorker Hotelzimmer Frankreich. Der Rektor des renommierten Institut d’études politiques (IEP), Richard Descoings, wurde tot in seinem Zimmer im Hotel „Michelangelo“ in Manhattan aufgefunden. Er lag unbekleidet auf dem Bett, das Zimmer war in einem chaotischen Zustand.
Descoings (53) war einer der prominentesten Bildungsfunktionäre Frankreichs. In den vergangenen 16 Jahren leitete er die unter dem Namen Sciences Po bekannte Kaderschmiede und reformierte sie grundlegend.
Die New Yorker Polizei bewertete die Umstände seines Todes zunächst als „verdächtig“ und leitete eine Untersuchung ein. Hinweise auf eine Gewalttat fanden sich jedoch nicht. Einen Selbstmord wollte die Polizei nicht ausschließen.
Laptop und Handy flogen vor Tod aus dem Fenster
Persönliche Gegenstände Descoings’, die zunächst fehlten, tauchten im Laufe des Nachmittags wieder auf. Der US-Sender NBC berichtete, sein Mobiltelefon und sein Laptop seien offenbar aus dem Fenster des Zimmers im siebten Stock geworfen worden. Man fand sie auf einem Treppenabsatz im dritten Stock wieder.
Das Durcheinander in dem Zimmer sei möglicherweise auch von den Rettungskräften verursacht worden, die versucht hatten, Descoings wiederzubeleben, erklärte ein Polizeisprecher später.
Der 53-jährige Universitätsleiter hatte vor seinem Tod an einem UN-Kolloquium zu Bildungsfragen teilgenommen und sollte weiterhin einer Konferenz an der Columbia-Universität beiwohnen. Als er zum vereinbarten Zeitpunkt nicht am Treffpunkt in der Hotellobby erschien, alarmierten Kollegen das Hotelpersonal.
Gegen 13 Uhr wurde Descoings dann von einem Angestellten des Hotels gefunden. Angaben des Polizeisprechers Paul Browne trugen zunächst wenig dazu bei, die Umstände des Todes zu erhellen. Ihm zufolge hätte Descoings das Hotel um neun Uhr verlassen sollen. Das letzte Mal lebend gesehen worden sei er um 10.30 Uhr. Da „schlief er“, sagte Browne.
Nicolas Sarkozy studierte an der Uni
Wer Descoings, anderthalb Stunden nachdem er in der Lobby erwartet wurde, schlafend gesehen hatte, erklärte Browne nicht. Die Polizei erwäge aber „die Möglichkeit, dass sich zu einem gegebenen Zeitpunkt andere Personen in dem Zimmer befanden“, sagte er, ohne dies näher zu erläutern. Andere Hotelgäste wollen am späten Montagabend „mehrere Stimmen“ aus Descoings’ Zimmer gehört haben, der Zimmernachbar Ray Ciesinski erklärte, er habe am Dienstagmorgen zwischen acht und neun Uhr zwei Personen im Flur gehört, die aus Descoings Zimmer kamen.
In Paris löste die Nachricht vom Tod des engagierten Universitätsleiters Bestürzung aus. Am Mittwochmorgen hielten Professoren und Studenten der Universität im Innenhof des Instituts eine kurze Trauerfeier für den Verstorbenen ab. Danach bat der Studiendirektor der Universität, Hervé Crès, die Kurse fortzusetzen.
„Mehr als an jedem anderen Tag muss Sciences Po heute leben“, sagte Crès. Das IEP gehört zu den „Grandes Écoles“ (Große Schulen) und ist eine der bekanntesten Universitäten Frankreichs. Zahlreiche Politiker, Staatsdiener, Wirtschaftsführer und Journalisten haben die Schule besucht, unter anderem die Staatspräsidenten Jacques Chirac und François Mitterrand sowie Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn.
Nicolas Sarkozy studierte ebenfalls dort, machte jedoch - wie Marcel Proust - keinen Abschluss. Als Descoings 1996 im Alter von 37 Jahren Leiter der Prestigeuniversität wurde, hatte diese kaum mehr als 4000 Studenten. Heute sind es über 10.000, davon kommen mehr als 42 Prozent aus dem Ausland.
Vor allem sozial schwache Kinder gefördert
Descoings ließ den Begriff „Sciences Po“ als Markennamen schützen und eröffnete Filialen in sechs weiteren französischen Städten. Dafür, dass sie ihre Stadt mit dem renommierten Namen des Instituts aufwerten durften, bezahlten Dijon, Nancy, Reims, Menton, Le Havre und Poitiers.
Descoings investierte die Mittel in den Ausbau der Forschung. Sein bleibendes Verdienst dürfte jedoch sein, dass er die Elite-Unversität für Studenten aus sozial schwachen Familien und für jene mit Migrationshintergrund öffnete. Er reformierte das Aufnahmeverfahren und führte Stipendienprogramme ein, welche die Vermögensverhältnisse der Bewerber berücksichtigen.
Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy würdigte Descoings als „großen Staatsdiener“. Der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande sagte, Frankreich verliere eine der „wichtigsten Figuren“ seines Bildungswesens. Erziehungsminister Luc Chatel pries Descoings als „visionären Geist“, der das französische Hochschulwesen „revolutioniert“ habe.
Descoings’ Reformeifer und sein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein stießen jedoch nicht auf einhellige Begeisterung. Kritiker warfen ihm Hyperaktivität, gelegentlich sogar „Größenwahn“ und nicht zuletzt sein hohes Gehalt vor. Philippe Braud, selbst emeritierter Professor von Sciences Po, bemängelte noch vor Kurzem, die „permanente Reform“ habe das Institut „erschöpft“.



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