
Am Donnerstag erschien der wohl letzte Eintrag auf ihrem Blog, mit der Überschrift "Goodbye". Darin schreibt sie, dass ihr in der Schule mitgeteilt worden sei, sie dürfe keine Kamera mehr mitbringen und keine Fotos mehr machen. Ihr Vater Dave ergänzte, das sei keine Entscheidung der Schule, die Martha sehr bei dem Blog unterstützt habe. Die Verwaltung des Bezirkes Argyll and Bute habe das verfügt.
In den vergangenen Wochen hatte Martha Payne jeden Tag in der Schulkantine ihren Teller fotografiert und den Inhalt anschließend bewertet. Für jedes Essen vergab sie auf einer Geschmacksskala (Food-o-meter) und auf einer Gesundheitsskala (Health Rating) jeweils null bis zehn Punkte. Außerdem zählte sie die Menge (Mouthfuls), die Gänge (Courses), den Preis und die Zahl der Haare im Essen.
Jetzt gibt es auch Nachschlag
Das mit den Haaren war eher als Scherz gemeint. Es zeigt aber, warum sie häufig hungrig nach Hause kam, wie sie in einem Interview erzählte, und warum sie letztlich mit Hilfe ihres Vaters das Bloggen anfing. Wirklich gut ist das Schulessen wohl wirklich nicht, und auch das Bestellsystem scheint so kompliziert zu sein, dass sie nicht immer das Essen bekam, das sie eigentlich wollte.
Vor allem aber die Bilder, die sie veröffentlichte, schockierten nicht nur ihre Eltern. Innerhalb weniger Tage sprach sich das Blog herum und erste Medien fingen an, darüber zu berichten.
Nach drei Wochen hatte ihr Vater dann einen Termin bei der Verwaltung des zuständigen Regierungsbezirks Argyll and Bute. Martha bloggte anschließend, dass sie nun so viel Salat, Obst und Brot nehmen dürften, wie sie wollten. Vorher gab es einen solchen Nachschlag nicht. Eine Woche später schrieb sie, dass die öffentliche Verkündung dieser Neuerung für große Freude gesorgt habe.
Daraufhin schickte ihr der weit über Großbritannien hinaus bekannte Koch Jamie Oliver ein signiertes Kochbuch: "Dear Martha, great work, clever girl!!"
Doch war das längst nicht alles, was das Mädchen mit seinen kurzen und wirklich fairen Essenskritiken erreichte. Schüler aus aller Welt sandten ihr Fotos von ihrem Essen und tauschten sich mit ihr darüber aus. Martha selbst wurde von Nick Nairn eingeladen. Der Sternekoch lud sie in seine Kochschule ein, um über die Qualität des britischen Schulessens zu debattieren.
2.000 Pfund Spenden
Nebenbei hatte Martha begonnen, Geld für Schulküchen zu sammeln. Ein Kommentator ihrer Einträge hatte ihr geschrieben, sie könne glücklich sein, überhaupt ein Schulessen zu bekommen. Ihre Antwort: Sie verkaufte zusammen mit Freunden an ihrer Schule Armbänder und andere Dinge und sammelte so 70 Pfund, die sie an Mary's Meals spendeten. Zusätzlich überwies sie der Organisation, die Schulküchen in aller Welt finanziert, auch die 50 Pfund, die sie als Honorar für den Nachdruck ihrer Fotos bekommen hatte.
Leser ihres Blogs motivierte das offensichtlich, es ihr gleich zu tun. Wie ihr Vater schreibt, kam dank des Anstoßes seiner Tochter noch viel mehr Geld zusammen: "Es ist eine Schande, dass ein Blog, das bislang zwei Millionen Zugriffe hatte, das Diskussionen hier und im Ausland auslöste und das fast 2.000 Pfund Spenden gesammelt hat, geschlossen wird."
"Ungerechtfertigte Kritik"
ZEIT ONLINE hat die Bezirksregierung am Freitagmorgen via E-Mail nach den Gründen für diese Entscheidung gefragt. Bislang blieb die Mail unbeantwortet. Allerdings wurde inzwischen eine Erklärung zu dem Thema veröffentlicht. Darin argumentiert die Verwaltung, das Blog habe durch "ungerechtfertigte Kritik" und durch eine "falsche Darstellung der Wahlmöglichkeiten der Schüler" den Essenslieferservice geschädigt. Die Mitarbeiter würden um ihre Jobs fürchten, man habe sie daher schützen müssen.
Als Begründung heißt es: "Die abgebildeten Fotos repräsentieren nur einen kleinen Teil des Essens, aus dem die Schüler wählen können. Daher wurde von der Verwaltung entschieden, das Fotografieren in der Schulkantine zu verbieten." Im Übrigen seien der Behörde keine weiteren Beschwerden bekannt als die der Payne-Familie. Auch Salat, Obst und Brot könnten die Schüler schon immer so viel nehmen, wie sie wollten, und das habe sich aufgrund des Blogs auch nicht geändert.
Kritik zu verbieten ist eine interessante Reaktion auf Kritik. Wie auch immer - zumindest in einem Punkt bestätigt der Vater der jungen Bloggerin die Erklärung. Er hatte geschrieben, die Sache mit dem Salat und dem Obst sei wohl tatsächlich schon immer so gewesen. Allerdings habe wohl irgendjemand vergessen, das auch der Schule und den Schülern zu sagen.
Update: Drei Stunden nach der ersten Erklärung wurde der Text auf der Website der Verwaltung durch einen neuen ersetzt. Dort steht nun eine Botschaft von Roddy McCuish, dem Leiter des schottischen Verwaltungsbezirks, dass "Zensur" in seiner Behörde keinen Platz habe. In der Kurzfassung: Martha darf wieder Fotos machen und bloggen. Außerdem werde eine Kommission einberufen, um über das Schulessen zu beraten. Martha und ihre Freunde sollen dabei mithelfen.



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