Laut einer Studie der Freien Universität Berlin, können viele Jugendliche nicht zwischen Diktatur und Demokratie unterscheiden. Sie halten den NS-Staat und die DDR nicht für eine Diktatur, und wissen nicht, dass es heute freien Wahlen gibt.
schüler, schule
© ddp
Berlin (RPO).Der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin (FU) hatte in der Studie "Später Sieg der Diktaturen?" Wissen und Urteile über den Nationalsozialismus, die DDR sowie die Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung untersucht. Dazu wurden rund 7.500 Schüler der Klassenstufen neun und zehn in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen befragt.

Freie Wahlen im Dritten Reich

Demnach glaubt jeder vierte Schüler, das Nazi-Regime sei durch freie Wahlen legitimiert worden. Jeder Dritte ist davon überzeugt, es habe in der DDR freie Wahlen gegeben. Ein Viertel weiß nicht, dass es im heutigen Deutschland freie Wahlen gibt; was eine Demokratie auszeichne, könnten nur die wenigsten erklären.

Insgesamt sei das politisch-historische Wissen vieler Schüler gering, so ein zentrales Ergebnis der Studie. Am meisten wissen die Jungen und Mädchen demnach über den Nationalsozialismus, deutlich weniger hingegen über die Bundesrepublik sowie die DDR.

Das geringe politisch-historische Wissen ist den Forschern um den Politikwissenschaftler Klaus Schroeder zufolge Ursache für die Unfähigkeit, zwischen Demokratie und Diktatur zu unterscheiden. Insgesamt glaubten rund 40 Prozent der befragten Schüler, dass kaum Unterschiede bestünden zwischen Nationalsozialismus, der DDR sowie der Bundesrepublik.

"Historischer Analphebetismus"

Die Untersuchung zeigt den Wissenschaftlern zufolge eindeutig, dass der Schulunterricht die entscheidende Wissensquelle für Jugendliche ist. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) forderte deshalb, die Zeitgeschichte vertieft im Unterricht zu behandeln. Das Ergebnis der Studie müsse alle Verantwortlichen in Deutschland wachrütteln. Der bildungspolitische Sprecher der FDP im Bundestag, Patrick Meinhardt, nannte die Studienergebnisse einen "Bildungs-GAU für das Land der Dichter und Denker". Er forderte die Kultusministerkonferenz auf, einen "Geschichtsgipfel" einzuberufen. "Ein derartiger historischer Analphabetismus ist für Deutschland eine Katastrophe", so Meinhardt.