
Die Krise verschärft das Drogenproblem. So werden die Substanzen, die genommen werden, immer gefährlicher. 7668 Drogentote verzeichnet die offizielle Statistik für die letzten zehn Jahre. Die Drogenschutzorganisation Kethea geht von einer höheren Zahl aus, da auch die Folgekrankheiten wie HIV-Infektionen, Tuberkulose und Hepatitis C mit berücksichtigt werden müssten.
Gemäß einer Studie sind 67,7 Prozent der einstigen Kethea-Patienten frei von Drogen, 72,7 Prozent kam nicht mehr mit dem Gesetz in Konflikt, und 83,7 Prozent haben einen Arbeitsplatz. Giorgos, der selbst nach seiner Bewährungszeit als Drogenfreier als Streetworker arbeiten möchte, verweist mit Stolz darauf, dass Vertreter ausländischer Hilfsorganisationen zum Hospitieren kommen und von den Griechen lernen möchten.Der 35-Jährige ist aber auch besorgt. „Die Krise hat sowohl stark verunreinigte, als auch neue, noch gefährlichere Drogen auf den Markt gebracht“, meint er.
Athens harte DrogenszeneIn der Athener Drogenszene findet sich alles, was süchtig macht. Heroin wird in mit allerlei Substanzen gestreckter Form ebenso feilgeboten wie Kokain. Haschisch ist im Zentrum fast an jeder Straßenecke erhältlich. Darüber hinaus existieren konzentrierte Drogenszenen, die sich je nach Polizeirazzien zwischen dem Omoniaplatz, der Totsitsa Straße am Archäologischen Museum, der Rechtwissenschaftlichen Fakultät und der Marni Strasse bewegen.
Dort bieten Drogensüchtige, die sich in Ersatzprogrammen befinden, auch Methadon an. Der Straßenpreis für Methadon entspricht dem doppelten Preis, der für eine entsprechende Heroindosis zu bezahlen wäre. Darüber hinaus werden Flunitrazepamtabletten und weitere Beruhigungsmittel für Süchtige, die dem Heroin entsagen wollen, verkauft. Auch hier sind die Preise für die nur auf Rezept erhältlichen Medikamente meist höher als bei den konventionellen Drogen.
Die Drogen-Brauer in den Erdlöchern
Neben dem als Partydroge bekanntem Mephedron, gibt es in Griechenland neuerdings ein teuflisches Billigmittel. Aus Batteriesäure, die teilweise aus alten Autobatterien entnommen wird, weiteren Zutaten, Ephedrinen oder wahlweise Methamphetaminen, Ethanol, Salzsäure und weiteren teilweise unbekannten Substanzen wird unter anderem auf dem Strefi Hügel nahe der Emmanoil Benaki Straße im Bezirk Exarchia in Erdlöchern eine berauschende Substanz gebraut. Oft finden sich Teile der ausgeschlachteten Autobatterie in den Löchern. Seit 2010, dem Jahr in dem Griechenland unter die Kontrolle des IWF kam, finden sich diese Erdlöcher.
HIV und Hepatits grassieren
Die Abhängigen fixen das Gebräu oder rauchen das getrocknete Gemisch, das mit einem Euro pro Dosis vergleichsweise billig angeboten wird. Die gesundheitlichen Folgen sollen laut Aussage von Süchtigen und Streetworkern schlimmer sein, als beim bereits als überaus gefährlich bekannten Meth, das für zwei bis drei Euro pro Dosis angeboten wird. Statistiken des Kethea besagen, dass knapp 70 Prozent der Süchtigen bereits Kontakt mit diesen Drogen und 95 Prozent direkte Kenntnis davon erlangt haben.
Diese Drogen erhöhen die Aggressivität, Suizidneigung und weitere psychotische Folgen der Abhängigen. Darüber hinaus wird in Medienberichten der erschreckende Anstieg der HIV-Infektionen im Land auch auf diese Drogen zurückgeführt. Allein in Athen soll sich die Ansteckungsrate aufs Achtfache erhöht haben. Darüber hinaus grassiert Hepatitis C. Problematisch ist auch, dass die neuesten Medikamente, die gegen das Hepatitis C Virus zur Verfügung stehen im Schuldenstaat Griechenland nicht erhältlich sind.
Anstieg der Konsumentenzahl wegen Pleitefrust?
Während Giorgos noch kaum einen Unterschied in der Zahl der Drogenabhängigen sieht und meint, „es gab die Szene bereits zu meiner Zeit“, berichten Medien und Streetworker von einem erschreckenden Anstieg der Drogenabhängigen. Dieser wird mit den psychischen Folgen der Staatspleite in Verbindung gebracht.
Offenbar in Verbindung mit der schlechten Finanzlage steht auch, dass immer mehr der illegalen und legalen Immigranten im Land zu Drogenkonsumenten werden. Konnte man früher beobachten, dass die Ausländer fast ausschließlich als Dealer auftraten sieht man nun immer mehr von ihnen als Abhängige im Straßenbild.
Im Jahresbericht von 2011 wird seitens Kethea als Seitenhieb zur Finanzkrise darauf hingewiesen, dass ein Drogenabhängiger dem Staat und sich selbst pro Jahr im Schnitt fast 50 000 Euro Kosten verursacht. Selbst ein Gefängnisaufenthalt würde die Allgemeinheit 30 Euro pro Tag kosten, rechnen die Drogenbekämpfer vor. Dagegen ist eine Therapie für 21 bis 29 Euro pro Tag finanzierbar.
Die Folgen der Finanzkrise für die Streetworker
Durch die Staatsfinanzkrise und die dadurch verbundenen klammen Staatsfinanzen sinken jedoch auch die Zuschüsse für die therapeutischen Institutionen. Bei einer steigenden Anzahl von Abhängigen wäre dies fatal, wenn nicht private Spender, wie zum Beispiel die Stiftung der Niarchos-Reederfamilie mit Millionenspenden eingreifen würden. Für ein Beratungszentrum am Omoniaplatz spendierte die Stiftung 950 000 Euro, für die Streetworker in Athen und Thessaloniki waren es 1,4 Millionen Euro.
Giorgos möchte seine Arbeitskraft, wie viele ehemalige Drogenabhängige auch, als unbezahlter Freiwilliger einbringen. Er sieht sich gegenüber Kethea in einer Art Bringschuld. Dementsprechend bitter klang sein Seitenhieb auf die Polizei. Auf die Frage, warum diese nicht wirksam gegen die Szene vorgeht - immerhin trennen den Strefi Hügel und das Polizeipräsidium nur einige hundert Meter, schüttelte er den Kopf. „Zu meiner Zeit war bekannt, dass der reinste Stoff bei korrupten Polizisten zu haben war“, meinte er. Dass damit nicht alle Polizisten gemeint sein können ist jedoch klar. Immerhin nahmen Beamte der Küstenwache auf der griechischen Dodekanes-Insel Lipsi, die nahe der türkischen Küste liegt, am Wochenende einen ihrer Kollegen fest. Der junge Beamte hatte versucht, sein krisenbedingt gesunkenes Gehalt mit Drogenschmuggel aufzubessern.



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