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© AP (Nikolay Alexandrov)
Rund 60 Mitglieder einer Sekte, darunter 27 Kinder, leben mehr als zehn Jahre lang in einem unterirdischen Bunkersystem. Einige der Kinder sollen in ihrem Leben noch nie an der frischen Luft gewesen sein.

Für die Kinder aus der Torfjanaja-Straße Nummer 41 beginnt gerade ein neues Leben. In dem Haus am Stadtrand von Kasan lebt Fajsrachman Satarow, ein 83 Jahre alter Imam, der sich als neuen Propheten Allahs sieht. Um sich hatte er eine Schar von Jüngern versammelt - wie viele, das ist den Behörden erst jetzt klar geworden.

Vergangene Woche durchsuchte der russische Geheimdienst FSB das Gelände und stieß auf ein regelrechtes Labyrinth auf acht unterschiedlichen Ebenen, einschließlich unterirdischer Kammern, die die Sekte selbst gegraben hatte. Auf dem Grundstück von 700 Quadratmetern lebten mehr als 60 Bewohner. Darunter waren 27 Kinder - viele schliefen in Räumen ohne Licht und Lüftung, abgeschnitten von Schulbesuch, Ärzten und überhaupt jedem Kontakt mit der Außenwelt.

Der ist nun mit Gewalt hergestellt worden: Mitarbeiter der Sozialdienste brachten 19 Kinder ins Krankenhaus, wo Symptome von Anämie und Tuberkulose festgestellt wurden. Eine 17-Jährige war schwanger. Einige Kinder wurden bereits in Kinderheimen untergebracht. Gegen die Eltern wurden Ermittlungen wegen Kindesmisshandlung eingeleitet, und mehrere Verfahrung laufen gegen den Sektengründer selbst.

Göttliche Visionen

Fajsrachman Satarow, geboren 1929 in Baschkirien, war zu Sowjetzeiten Mitarbeiter des Muftiats für den europäischen Teil der Sowjetunion. Er wirkte als Imam an Moscheen in Rostow am Don und seiner Heimatstadt Ufa. Irgendwann geriet er jedoch in Widerspruch zu den Behörden, weil er anfing, sich als Gesandten Gottes zu bezeichnen und sich so in eine Reihe mit Mohammed zu stellen. Von seiner Auserwähltheit war er überzeugt, seit er göttliche Visionen gesehen hatte - darunter einen Blitz, der aus der Oberleitung eines Trolleybusses schlug.

Mt dem Zerfall des sowjetischen Staates wurden die Zeiten günstig für Sektenführer. Satarow lehrte die Abschottung von der Außenwelt - von Christen und Juden, aber auch von Muslimen, die seine Überzeugungen nicht teilten. Seine Gläubigen folgten seinen Vorgaben. Nur wenige von ihnen verließen das Haus in der Torfjanaja-Straße.

Nach Aussagen von Ärzten, die die Agentur Interfax zitierte, ist Satarow selbst in schlechtem gesundheitlichen Zustand und kaum fähig, in zusammenhängenden Sätzen zu sprechen.

Dass nach rund zehn Jahren seiner Tätigkeit in der Torfjana-Straße erst jetzt eine Untersuchung stattfindet, hat Gründe, die mit Satarow nicht das geringste zu tun haben. Am 19. Juli wurde der Mufti der Republik Tatarstan bei einem Attentat verletzt, sein Stellvertreter starb am selben Tag bei einem zweiten Anschlag. Tatarstan, das 800 Kilometer östlich von Moskau an der Wolga liegt, ist mehrheitlich muslimisch. Die Polizei verdächtigt radikal-islamistische Gegner des offiziellen, staatlich geförderten Muftiates, in Russland pauschal als Wahhabiten bezeichnet.

Allerdings stand Satarows Sekte diesen Gruppen ablehnend gegenüber. Ihr Ziel war Selbstisolation, nicht Umsturz. Als Urheber der Anschläge kommt sie kaum in Frage. Der getötete Geistliche Waliulla Jakupow sagte einst über sie: „Die Fajsrachmanisten haben mit dem Islam nichts zu tun, weil sie ihren eigenen Propheten Satarow haben... Wir streiten nicht mit ihnen, das ist einfach eine andere Religion, sollen sie leben, wie sie wollen.“

Missstände lange bekannt

„Satarow ist ein Spinner und hat jetzt einfach Pech gehabt“, sagte der Moskauer Islam-Experte Alexei Malaschenko im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Sektenführer wie ihn gibt es im orthodoxen Christentum reichlich. Nur dass die Russisch-Orthodoxe Kirche solche Sekten scharf verurteilt, während das Muftiat darin keine Konkurrenz sah.“ Die Sekte sei längst bekannt gewesen - ebenso wie die Tatsache, dass auf dem kleinen Grundstück mit dem grünen Minarett auch viele Kinder wohnten. In der Tat berichteten Zeitungen schon 2008 davon.

Bleibt die Frage, warum die Behörden von Kasan es zuließen, dass Kinder ohne Dokumente und ohne Zugang zu ordentlicher Bildung und Medizin aufwuchsen.